Kardio-Onkologie: Risikostratifizierung und Diagnostik
Hintergrund
Die Kardio-Onkologie ist ein wachsendes Spezialgebiet an der Schnittstelle zwischen Kardiologie und Onkologie. Aufgrund verbesserter Krebstherapien und längerer Überlebenszeiten gewinnt die kardiale Funktion von onkologisch Erkrankten zunehmend an Bedeutung und kann im Einzelfall die Prognose bestimmen.
Die Europäische Gesellschaft für Kardiologie (ESC) hat 2022 in Kooperation mit weiteren europäischen Fachgesellschaften die erste Leitlinie zur Kardio-Onkologie veröffentlicht. Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK) hat hierzu einen Kommentar verfasst, der die Empfehlungen für die Versorgungsstrukturen in Deutschland einordnet.
Ziel der Leitlinie ist die strukturierte Prävention, Diagnostik und Behandlung der krebstherapiebedingten kardialen Dysfunktion (CTRCD). Ein besonderer Fokus liegt auf der interdisziplinären Zusammenarbeit in multidisziplinären Teams.
Klinischer Kontext
Die Kardio-Onkologie gewinnt zunehmend an Bedeutung, da die Überlebensraten von Krebspatienten dank moderner Therapien stetig steigen. Gleichzeitig wächst dadurch die Zahl der Patienten, die kardiovaskuläre Nebenwirkungen durch onkologische Behandlungen erleiden oder bereits kardiale Vorerkrankungen aufweisen.
Viele Chemotherapeutika, zielgerichtete Therapien und Bestrahlungen können direkte toxische Effekte auf das Myokard ausüben oder das Gefäßsystem schädigen. Dies führt pathophysiologisch zu einer endothelialen Dysfunktion, oxidativer Stressbelastung der Kardiomyozyten und im Verlauf zu strukturellen Veränderungen wie Fibrose oder Herzinsuffizienz.
Für behandelnde Ärzte ist dieses Feld hochrelevant, da kardiovaskuläre Komplikationen die Prognose und Lebensqualität von Tumorpatienten maßgeblich limitieren können. Eine frühzeitige interdisziplinäre Zusammenarbeit ist essenziell, um kardiale Schäden zu minimieren, ohne die onkologische Therapie unnötig zu kompromittieren.
Die kardiale Überwachung erfolgt standardmäßig durch regelmäßige echokardiografische Kontrollen zur Bestimmung der linksventrikulären Ejektionsfraktion und der globalen longitudinalen Strain-Rate. Ergänzend werden kardiale Biomarker wie Troponin und natriuretische Peptide herangezogen, um subklinische Myokardschäden frühzeitig zu detektieren.
Wissenswertes
Anthrazykline wie Doxorubicin sind klassische Auslöser einer dosisabhängigen, oft irreversiblen Herzinsuffizienz. Auch zielgerichtete Therapien wie Trastuzumab können kardiotoxisch wirken, wobei diese Effekte häufiger reversibel sind.
Eine tumortherapieassoziierte kardiale Dysfunktion wird meist über einen signifikanten Abfall der linksventrikulären Ejektionsfraktion definiert. Oft wird ein relativer Abfall von mehr als zehn Prozentpunkten auf einen Wert unter die Normgrenze als diagnostisches Kriterium herangezogen.
Biomarker wie hochsensitives Troponin und BNP oder NT-proBNP dienen der Früherkennung myokardialer Schädigungen. Ein Anstieg dieser Werte vor oder während der Therapie kann auf ein erhöhtes Risiko für spätere kardiovaskuläre Ereignisse hinweisen.
Ein kardiologisches Ausgangsassessment wird vor Beginn einer potenziell kardiotoxischen Tumortherapie empfohlen. Es dient der Risikostratifizierung und umfasst in der Regel eine ausführliche Anamnese, ein EKG sowie eine Echokardiografie.
Eine Bestrahlung des Mediastinums kann zu einer Vielzahl kardialer Spätfolgen führen, darunter Perikarditis, beschleunigte Koronarsklerose und Klappenvitien. Diese Komplikationen treten oft erst Jahre oder Jahrzehnte nach der eigentlichen Strahlentherapie klinisch in Erscheinung.
ACE-Hemmer und Betablocker werden häufig bei Patienten mit hohem Risiko für eine Kardiotoxizität oder bei ersten Anzeichen einer linksventrikulären Dysfunktion eingesetzt. Sie können den kardialen Remodeling-Prozess positiv beeinflussen und die Pumpfunktion stabilisieren.
Ärzte fragen zu diesem Thema
💡Praxis-Tipp
Ein einzelner kardialer Biomarker-Wert besitzt bei onkologischen Erkrankungen nur eine begrenzte Aussagekraft. Es wird empfohlen, Biomarker wie NT-proBNP oder Troponin bereits vor Therapiebeginn zu bestimmen, um im Verlauf eine verlässliche Kinetik zur Früherkennung einer kardialen Dysfunktion abbilden zu können. Zudem wird bei Therapieentscheidungen zur Unterbrechung einer Chemotherapie die enge Abstimmung in einem multidisziplinären Team angeraten.
Häufig gestellte Fragen
Laut Leitlinie wird eine Überweisung an eine spezialisierte kardiologische Fachkraft bei einem mäßigen, hohem oder sehr hohem Risiko für eine kardiovaskuläre Toxizität empfohlen. Auch bei vorbestehenden kardiovaskulären Erkrankungen sollte eine kardiologische Mitbeurteilung erfolgen.
Die Diagnose stützt sich primär auf die Echokardiographie zur Bestimmung der linksventrikulären Ejektionsfraktion (LVEF) und des globalen longitudinalen Strains (GLS). Ergänzend wird die Verlaufskontrolle von kardialen Biomarkern wie Troponin und natriuretischen Peptiden empfohlen.
Die Leitlinie empfiehlt das sofortige Absetzen des Immuncheckpoint-Inhibitors, eine stationäre Aufnahme und eine kontinuierliche EKG-Überwachung. Therapeutisch wird die umgehende intravenöse Gabe von hochdosiertem Methylprednisolon (500-1000 mg/Tag) angeraten.
Es wird empfohlen, vor Beginn der Therapie sowie anschließend alle 4 bis 8 Wochen eine Echokardiographie und ein Ruhe-EKG durchzuführen. Die Betreuung sollte zwingend in einem spezialisierten Zentrum durch ein multidisziplinäres Schwangerschaft-Herz-Team erfolgen.
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Quelle: Kommentar zu den Leitlinien (2022) der ESC zur Kardio-Onkologie (DGK (Deutsche Gesellschaft für Kardiologie)). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
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