Onkologische Kardiologie: Leitlinie (DGK)
📋Auf einen Blick
- •Vor jeder potenziell kardiotoxischen Tumortherapie ist eine kardiologische Basisdiagnostik (Anamnese, EKG, Echokardiographie) zwingend erforderlich.
- •Patienten mit kardiovaskulären Vorerkrankungen oder stattgehabter thorakaler Bestrahlung/Anthrazyklin-Therapie gelten als Hochrisikopatienten.
- •Immuncheckpoint-Inhibitoren (ICI) können eine fulminante Myokarditis auslösen, die hochdosiert mit Steroiden behandelt werden muss.
- •Unter VEGFR-Inhibitoren entwickelt ein Großteil der Patienten eine behandlungsbedürftige arterielle Hypertonie.
- •Trastuzumab (HER2-Inhibitor) verursacht häufig eine linksventrikuläre Dysfunktion, weshalb regelmäßige LVEF-Kontrollen indiziert sind.
Hintergrund
Viele onkologische Patienten haben vorbestehende kardiovaskuläre Risikofaktoren, die durch die Krebserkrankung und deren Behandlung zu schweren Komplikationen führen können. Die Erfassung von Begleiterkrankungen durch Anamnese, EKG und Echokardiographie (inklusive LVEF) vor Therapiebeginn ist unverzichtbar.
Risikostratifizierung
Drei spezifische Patientengruppen bedürfen einer engen kardiologischen Mitbetreuung:
- Patienten mit kardiovaskulären Risikofaktoren (erhöhtes Risiko für Nebenwirkungen)
- Patienten mit stattgehabter systemischer Therapie oder thorakaler Radiotherapie
- Patienten vor geplanter Hochrisiko-Therapie
Strahlentherapie
Kardiovaskuläre Komplikationen können akut oder chronisch (Latenz >20 Jahre) auftreten. Typisch sind Perikarditis, KHK und Klappenerkrankungen.
| Risiko-Kategorie | Kriterien | Follow-up Intervall |
|---|---|---|
| Hochrisiko | >30 Gy (Erwachsene), >35 Gy (Kinder) oder <30 Gy + Anthrazykline | EKG/Echo nach 1 Jahr (Erw.) bzw. 2 Jahren (Kinder), dann alle 2 Jahre. Stresstest/Koronar-CT nach 10 Jahren. |
| Niedrigrisiko | Keine der oben genannten Kriterien | EKG/Echo alle 5 Jahre. Stresstest/Koronar-CT nach 10 Jahren. |
Klassische Chemotherapie
- Anthrazykline (z.B. Doxorubicin): Verursachen dosisabhängige myokardiale Schädigung. Ab einer kumulativen Dosis von >400 mg/m2 steigt das Risiko für eine linksventrikuläre (LV) Dysfunktion exponentiell an.
- Alkylanzien (z.B. Cyclophosphamid): Können binnen weniger Tage eine Herzinsuffizienz auslösen (Inzidenz 5-19 %).
- Fluoropyrimidine (5-FU): Verursachen Koronarspasmen mit Angina pectoris bis zum Myokardinfarkt (Risiko bis 10 %).
Immuncheckpoint-Inhibitor-induzierte Myokarditis
Immuncheckpoint-Inhibitoren (ICI) können eine autoimmunvermittelte Myokarditis mit hoher Mortalität (43-46 %) auslösen. Die meisten Fälle treten in den ersten 3 Monaten auf.
Diagnostik: Vor Therapiebeginn sollten Troponin, EKG und Echokardiographie als Basiswerte erhoben werden.
| Diagnostische Sicherheit | Kriterien (Auswahl) |
|---|---|
| Gesichert | Positive Myokardbiopsie ODER pathologisches cMRT + Myasthenie-Syndrom + erhöhte Biomarker/EKG-Veränderungen |
| Wahrscheinlich | cMRT ohne Myasthenie/Biomarker ODER Echo-Wandbewegungsstörungen + Myasthenie-Syndrom + erhöhte Biomarker |
| Möglich | Nicht eindeutiges cMRT + Myasthenie-Syndrom ODER Echo-Wandbewegungsstörungen + erhöhte Biomarker |
Therapie:
- Sofortiger Therapiestopp des ICI.
- 1-2 mg/kg Prednisolon i.v. oder oral (bei schlechtem Ansprechen 500-1000 mg Methylprednisolon i.v.).
- Ausschleichen über 4-6 Wochen.
Zielgerichtete Therapien
Zielgerichtete Medikamente haben spezifische Nebenwirkungen auf das kardiovaskuläre System.
| Wirkstoffgruppe | Beispiele | Typische kardiale Nebenwirkungen | Monitoring |
|---|---|---|---|
| HER2-Inhibitoren | Trastuzumab, Pertuzumab | LV-Dysfunktion, Herzinsuffizienz | EKG, Echo, Troponin |
| VEGFR-Inhibitoren | Sorafenib, Sunitinib | Arterielle Hypertonie (bis 80 %), Ischämie | Blutdruckkontrollen |
| BCR-ABL-Inhibitoren | Dasatinib, Nilotinib | Pulmonalarterielle Hypertonie, QTc-Verlängerung | EKG, Lipide, Blutdruck |
| Bruton-Kinase-Inhibitoren | Ibrutinib | Vorhofflimmern (bis 7,5 %), Arrhythmien | EKG |
| Proteasominhibitoren | Carfilzomib, Bortezomib | Herzinsuffizienz | Echo, NT-proBNP |
Bei VEGFR-Inhibitor-induzierter Hypertonie sind ACE-Hemmer/AT1-Blocker, β-Blocker und Nicht-Dihydropyridin-Kalziumantagonisten Mittel der ersten Wahl.
💡Praxis-Tipp
Bestimmen Sie vor Beginn einer ICI-Therapie immer Troponin, EKG und LVEF als Ausgangsbefunde. Bei Verdacht auf eine ICI-Myokarditis muss die Therapie sofort pausiert und hochdosiert Steroide gegeben werden.