Geriatrie: Leitlinien-Empfehlungen zu Polypharmazie
Hintergrund
Die Initiative "Klug entscheiden" der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) formuliert evidenzbasierte Empfehlungen zu diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen in der Geriatrie. Ziel ist es, sowohl Über- als auch Unterversorgung bei älteren Menschen zu vermeiden.
Ein besonderer Fokus liegt auf der altersgerechten Anpassung von Therapiezielen und der Vermeidung potenziell schädlicher Interventionen. Dabei wird betont, dass Entscheidungen primär auf Basis der Funktionalität und nicht allein anhand des kalendarischen Alters getroffen werden sollen.
Klinischer Kontext
Die geriatrische Patientenpopulation wächst demografisch bedingt stetig und stellt einen signifikanten Anteil in der internistischen Versorgung dar. Multimorbidität und Polypharmazie sind in dieser Altersgruppe hochprävalent und erfordern eine angepasste medizinische Betreuung.
Im Alter kommt es zu physiologischen Organveränderungen, die Pharmakokinetik und Pharmakodynamik maßgeblich beeinflussen. Eine reduzierte Nierenfunktion, veränderte Körperzusammensetzung und nachlassende Kompensationsmechanismen erhöhen die Vulnerabilität für unerwünschte Arzneimittelwirkungen und geriatrische Syndrome.
Die Vermeidung von Über-, Unter- und Fehlversorgung ist bei älteren Patienten essenziell, um Autonomie und Lebensqualität zu erhalten. Eine rein krankheitsspezifische Therapie führt bei Multimorbidität oft zu schädlichen Interaktionen und einer untragbaren Behandlungslast.
Die Diagnostik stützt sich neben der klassischen Anamnese und Untersuchung auf das geriatrische Assessment. Dieses erfasst systematisch funktionelle, kognitive und soziale Ressourcen sowie Defizite, um ein ganzheitliches Behandlungskonzept zu ermöglichen.
Wissenswertes
Polypharmazie wird in der Regel ab der dauerhaften Einnahme von fünf oder mehr verschiedenen Medikamenten definiert. Bei geriatrischen Patienten steigt ab dieser Schwelle das Risiko für unerwünschte Arzneimittelwirkungen und Interaktionen exponentiell an.
Die Diagnostik der Gebrechlichkeit erfolgt häufig klinisch anhand der Fried-Kriterien, welche unbeabsichtigten Gewichtsverlust, Erschöpfung, Muskelschwäche, langsame Gehgeschwindigkeit und geringe körperliche Aktivität umfassen. Alternativ kommen Screening-Tools wie die Clinical Frailty Scale zum Einsatz, um die Vulnerabilität schnell einzuschätzen.
Zur Abschätzung der glomerulären Filtrationsrate im Alter wird meist die CKD-EPI-Formel empfohlen, da sie validere Ergebnisse liefert als ältere Formeln. Eine altersbedingte physiologische Abnahme der Nierenfunktion muss bei der Medikamentendosierung stets einkalkuliert werden.
Die Delirprophylaxe basiert primär auf nicht-medikamentösen Maßnahmen wie Reorientierung, Frühmobilisation, adäquater Schmerztherapie und der Vermeidung von Schlafentzug. Zudem ist die kritische Überprüfung der Medikation auf anticholinerge oder sedierende Substanzen ein zentraler Baustein.
Zur Quantifizierung der anticholinergen Nebenwirkungsgefahr werden Instrumente wie die Anticholinergic Risk Scale oder die PRISCUS-Liste herangezogen. Eine hohe anticholinerge Last korreliert bei älteren Menschen stark mit kognitiven Einbußen, Stürzen und Harnverhalt.
Bei hochbetagten und fragilen Patienten werden oft moderatere Blutdruckzielwerte angestrebt, um Hypotonien und daraus resultierende Stürze zu vermeiden. Die individuelle Zielwertfestlegung orientiert sich stark am biologischen Alter, der Lebenserwartung und der orthostatischen Toleranz.
Ärzte fragen zu diesem Thema
💡Praxis-Tipp
Ein zentraler Hinweis der Leitlinie ist die konsequente Überprüfung der Indikation von präventiven Medikamenten am Lebensende. Es wird betont, dass nicht das Absetzen einer Medikation, sondern vielmehr deren Fortführung bei einer Lebenserwartung von unter einem Jahr einer strengen Indikationsstellung bedarf.
Häufig gestellte Fragen
Laut Leitlinie ist ein Blasenkatheter bei akutem Harnverhalt, perioperativ, zur intensivmedizinischen Überwachung oder in palliativen Situationen indiziert. Eine reine Urininkontinenz stellt keine Indikation dar.
Die Zielwerte richten sich nach dem Gesundheitszustand. Bei fitten Patienten werden 6,5–7,5 % angestrebt, während bei pflegeabhängigen oder stark eingeschränkten Patienten Werte von unter 8,5 % empfohlen werden.
Es wird empfohlen, Statine bei einer Lebenszeitprognose von unter einem Jahr auf Nutzen und Risiken zu überprüfen. Das Absetzen ist laut Studien mit einer erhöhten Lebensqualität ohne vermehrte kardiovaskuläre Ereignisse verbunden.
Die Leitlinie rät von PEG-Sonden bei schwerer Demenz ab. Stattdessen wird eine perorale Ernährungsunterstützung als mindestens ebenso effektiv und risikoärmer eingestuft.
Falls der Einsatz von Benzodiazepinen unumgänglich ist, wird die Wahl von Substanzen ohne relevantes Kumulationsrisiko empfohlen. Die Leitlinie nennt hierbei Oxazepam, Lorazepam oder Temazepam.
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Quelle: DGIM Klug entscheiden: Geriatrie (14 Empfehlungen) (DGIM). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
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