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Multimedikation: Hausärztliche Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Multimedikation ist definiert als die dauerhafte Einnahme von ≥ 5 Arzneimitteln bei Vorliegen von ≥ 3 chronischen Erkrankungen.
  • Bei der Zielgruppe sollte mindestens einmal jährlich eine strukturierte Medikationsüberprüfung erfolgen.
  • Die Bestandsaufnahme umfasst neben der Verordnungsliste auch OTC-Präparate (z.B. via Brown-Bag-Methode) und die Erfassung der Therapiebelastung (Treatment Burden).
  • Die Medikationsbewertung soll strukturiert erfolgen, empfohlen wird der modifizierte Medication Appropriateness Index (MAI).
  • Bei der Dosierung muss zwingend die Nierenfunktion (eGFR, Cockcroft-Gault) beachtet werden, insbesondere bei älteren Patienten.
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Hintergrund

Multimorbidität und die damit oft einhergehende Multimedikation (Polypharmazie) stellen in der hausärztlichen Praxis eine große Herausforderung dar. Multimedikation birgt Risiken wie unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW), Verordnungskaskaden, Non-Adhärenz und paradoxerweise auch die Unterversorgung relevanter Erkrankungen.

Zielgruppen für eine Medikationsüberprüfung

Die Leitlinie definiert klare Kriterien, wann eine strukturierte Überprüfung der Medikation erfolgen soll:

IndikationKriterienEmpfehlungsgrad
Jährliche Überprüfung≥ 5 dauerhaft angewendete Arzneimittel UND ≥ 3 chronische ErkrankungenB
Anlassbezogene ÜberprüfungZusätzliche Risiken/Ereignisse (z.B. Stürze, Krankenhausaufenthalt, Non-Adhärenz)B

Praxen sollten zudem in ihrem Qualitätsmanagement festlegen, wie diese Risikopatienten systematisch erkannt werden (Empfehlungsgrad B).

Der Medikationsprozess

Der Verordnungs- und Absetzprozess (Deprescribing) wird in sechs aufeinanderfolgende Schritte unterteilt:

SchrittMaßnahmeBemerkung
1Bestandsaufnahme & BewertungErfassung aller Diagnosen, Medikamente (inkl. OTC) und Therapieziele
2Abstimmung mit dem PatientenPräferenzsetzung und gemeinsame Entscheidungsfindung
3VerordnungsvorschlagKommunikation des angepassten Plans
4ArzneimittelabgabeEinbezug der Apotheke
5Anwendung & SelbstmanagementUnterstützung bei der Umsetzung im Alltag
6Monitoring / Follow-upRegelmäßige Re-Evaluation

Bestandsaufnahme und Informationsgewinnung

Für eine fundierte Medikationsüberprüfung müssen umfassende Informationen vorliegen (Empfehlungsgrad B):

  • Vorerkrankungen und aktuelle Beschwerden (inkl. Schweregrad)
  • Klinischer Status und relevante Laborwerte (z.B. Nierenfunktion)
  • Verordnungen und Selbstmedikation (z.B. Erfassung mittels Brown-Bag-Methode)
  • Lebensstilfaktoren und psychosozialer Kontext
  • Therapieziele des Patienten

Ein zentraler Aspekt ist die Erfassung der Therapiebelastung (Treatment Burden). Diese soll mit einer Screeningfrage erhoben werden (Empfehlungsgrad B). Bestätigt der Patient eine Belastung, müssen gezieltere Fragen eingesetzt (Empfehlungsgrad A) und Optionen zur Senkung der Therapielast eruiert werden (Empfehlungsgrad A).

Strukturierte Medikationsbewertung

Die Medikation soll strukturiert bewertet werden (Empfehlungsgrad A). Hierfür empfiehlt die Leitlinie den modifizierten Medication Appropriateness Index (MAI). Dieser prüft folgende Dimensionen:

DimensionLeitfragen (MAI)
Indikation & TherapiedauerGibt es eine Indikation? Ist das Medikament wirksam? Ist die Dauer adäquat?
Dosierung & InteraktionenStimmt die Dosis (Nieren-/Leberfunktion)? Gibt es Interaktionen (Medikamente/Krankheiten)?
Medikationsplan & AdhärenzLiegt ein schriftlicher Plan vor? Ist die Handhabung praktikabel? Besteht Adhärenz?
UnterversorgungWird jede behandlungsbedürftige Indikation therapiert?
WirtschaftlichkeitWurde die kostengünstigste Alternative gewählt?

Zusätzlich sollen PIM-Listen (Potentiell Inadäquate Medikation wie PRISCUS oder FORTA), anticholinerge Last und QTc-Zeit verlängernde Medikamente berücksichtigt werden.

Dosierung und Nierenfunktion

Viele arzneimittelbezogene Probleme entstehen durch fehlende Dosisanpassungen an die Nierenfunktion.

  • Bei älteren Patienten (insbesondere > 65 Jahre) sollte mindestens einmal jährlich das Kreatinin bestimmt und die eGFR berechnet werden.
  • Bei grenzwertiger eGFR oder Medikamenten mit engen Vorgaben (z.B. DOAKs) sollte die Cockcroft-Gault-Formel zur genaueren Bestimmung der Kreatinin-Clearance herangezogen werden.
  • Besondere Vorsicht gilt bei älteren Frauen mit niedrigem Gewicht ("little old lady"), da hier eine Überdosierung leicht verkannt wird.

Adhärenz

Non-Adhärenz ist häufig eine Kombination aus mangelnder Akzeptanz und fehlender Unterstützung. Es wird unterschieden zwischen:

FormBeschreibung
Beabsichtigte Non-AdhärenzPatient entscheidet bewusst gegen die ärztliche Empfehlung.
Unbeabsichtigte Non-AdhärenzPatient möchte folgen, hat aber praktische Probleme (z.B. Schluckbeschwerden, Vergesslichkeit).

💡Praxis-Tipp

Nutzen Sie die 'Brown-Bag-Methode': Bitten Sie den Patienten, zu einem vereinbarten Termin alle eingenommenen Medikamente (inklusive rezeptfreier OTC-Präparate) in einer Tüte mitzubringen. Berechnen Sie zudem bei älteren Patienten mindestens einmal jährlich die eGFR zur Dosisanpassung.

Häufig gestellte Fragen

Von Multimedikation spricht man in der Regel bei der gleichzeitigen und dauerhaften Einnahme von 5 oder mehr Medikamenten.
Bei Patienten mit Multimedikation (≥ 5 Medikamente) und Multimorbidität (≥ 3 chronische Erkrankungen) sollte mindestens einmal jährlich eine strukturierte Überprüfung erfolgen.
Der Patient bringt alle seine Medikamente, inklusive Selbstmedikation (OTC), in einer Tüte zur vollständigen Erfassung in die Hausarztpraxis mit.
Zur Beurteilung wird die Cockcroft-Gault-Formel (Kreatinin-Clearance) oder die CKD-EPI-Formel (eGFR) empfohlen. Bei grenzwertiger eGFR und Dosisanpassungen sollte bevorzugt die Cockcroft-Gault-Formel genutzt werden.
Es beschreibt die subjektive Belastung des Patienten durch die Therapie, z.B. durch komplexe Einnahmevorschriften, häufige Arztbesuche oder aufwendige Selbstkontrollen.

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