Multimorbidität: DEGAM S3-Leitlinie 2024 Zusammenfassung
📋Auf einen Blick
- •Multimorbidität erfordert eine Abkehr von rein krankheitsspezifischen Leitlinien hin zu einer patientenzentrierten, zielorientierten Versorgung.
- •Die Erfassung von Patientenpräferenzen, Krankheitslast und Behandlungslast ist essenziell für die gemeinsame Entscheidungsfindung.
- •Ein regelmäßiges Medikamentenreview mit Prüfung auf Deprescribing soll bei jeder Konsultation erfolgen.
- •Ein jährliches Screening auf Stürze, chronische Schmerzen sowie Seh- und Hörverlust wird zur Prävention von Autonomieverlust empfohlen.
Hintergrund
Multimorbidität bezeichnet das gleichzeitige Vorliegen von mehreren chronischen Erkrankungen (oft definiert als ≥ 3 chronische Diagnosen) bei derselben Person. Die Prävalenz ist stark altersabhängig und liegt bei über 80-Jährigen bei über 67 %. Multimorbidität ist assoziiert mit erhöhter Mortalität, vermehrten Krankenhauseinweisungen, funktionalen Einschränkungen und reduzierter Lebensqualität.
Die strikte Anwendung krankheitsspezifischer Leitlinien bei diesen Patientinnen und Patienten kann durch Multimedikation und widersprüchliche Empfehlungen zu gesundheitlichen Gefährdungen führen. Daher steht der Umgang mit dem Menschen im Fokus, nicht die Kombination spezifischer Erkrankungen.
Patientenzentrierte Kommunikation und Ziele
Eine intensive Patient-Arzt-Kommunikation und gemeinsame Entscheidungsfindung (Shared Decision Making) erfordern ausreichend Zeit. Die Hauptanliegen der Konsultation sollen stets herausgearbeitet werden.
- Empfehlungsgrad A: Patientinnen und Patienten sollen nach ihren individuellen Bedürfnissen, Behandlungspräferenzen und Gesundheitsprioritäten gefragt werden.
- Wichtige Aspekte sind der Erhalt der sozialen Rolle, Verhinderung spezifischer Ereignisse, Minimierung von Nebenwirkungen und Verringerung der Behandlungslast.
| Bereich | Zu erfassende Aspekte |
|---|---|
| Krankheitslast | Psychische Gesundheit, Interaktionen von Gesundheitsproblemen, Auswirkungen auf Wohlbefinden und Lebensqualität |
| Behandlungslast | Anzahl/Art der Termine und Medikamente, Schäden durch Medikamente, nicht-medikamentöse Therapien, Auswirkungen auf die Psyche |
| Ressourcen | Gesundheitskompetenz, Anpassungsstrategien, Lernkompetenzen, finanzielle Lage, soziale Unterstützung |
Der Meta-Algorithmus
Der Meta-Algorithmus der DEGAM dient als Strukturierungs- und Orientierungshilfe für die Konsultation. Er priorisiert:
- Erfassung des Beratungsanlasses und Abgleich mit der erlebten Anamnese.
- Ausschluss von abwendbar gefährlichen Verläufen (z. B. kardiovaskuläre Komplikationen, Exsikkose, gastrointestinale Blutungen).
- Berücksichtigung von Patientenpräferenzen und Lebenszielen.
- Übergreifendes Management (Medikamentenreview, Reevaluation, Thematisierung funktioneller Störungen).
Krankheitsmanagement und Multimedikation
Multimedikation (Einnahme von ≥ 5 Medikamenten) erhöht das Risiko für unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW) wie Stürze, kognitive Beeinträchtigungen und gastrointestinale Blutungen.
- Starker Konsens: Bei jeder Konsultation soll die Anzahl und Dosierung der Medikamente ("pillcount") erfasst werden.
- Ein Medikamentenreview auf nicht-indizierte, UAW-auslösende oder interagierende Medikamente ist zwingend.
- Gegebenenfalls soll ein Absetzen oder eine Dosisreduktion (Deprescribing) erfolgen.
Prävention von Autonomieverlust und Komplikationen
Der Erhalt der Selbstständigkeit hat höchste Priorität. Funktionelle Einschränkungen müssen aktiv erfragt werden.
- Psychische Störungen: Bei der Abklärung somatischer Symptome sollen psychische Komorbiditäten (z. B. Depression, Angst) differenzialdiagnostisch erwogen werden.
- Chronische Schmerzen: Einmal pro Jahr nach beeinträchtigenden Schmerzen fragen; bei Vorliegen vierteljährlich das Schmerzmanagement überprüfen.
| Problembereich | Empfohlene Maßnahme | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|
| Sturzrisiko | Jährliches Screening: "Sind Sie in den letzten 12 Monaten gestürzt?" | A |
| Sturzrisiko | Messung der Ganggeschwindigkeit (gait speed) bei ≥ 1 Sturz im Vorjahr | B |
| Sturzrisiko | Wohnraumanpassungen und multimodales Training (Gleichgewicht, Kraft) | B |
| Harninkontinenz | Beckenbodenmuskeltraining, Strategien zur Blasenkontrolle | B |
| Sehvermögen | Empfehlung zu regelmäßigen augenärztlichen Untersuchungen | B |
| Hörvermögen | Angebot eines Hörtests und ggf. Bereitstellung von Hörgeräten | B |
💡Praxis-Tipp
Führen Sie bei jedem Kontakt einen kurzen 'Pillcount' durch und fragen Sie ältere Patienten einmal jährlich aktiv nach Stürzen im vergangenen Jahr, um Autonomieverlust frühzeitig entgegenzuwirken.