Schutz vor Über- und Unterversorgung: DEGAM-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Für die patientenzentrierte Versorgung bei Multimorbidität muss ausreichend Zeit eingeplant werden.
- •Bei KHK-Verdacht und einer Vortestwahrscheinlichkeit bis 50 % ist die Koronar-CT das bevorzugte bildgebende Verfahren.
- •Eine invasive Koronarangiographie ist bei stabiler KHK ohne prognostische Bypass-Indikation oder bei Ablehnung durch den Patienten obsolet.
- •Für einen möglichen Überlebensvorteil der PCI (Stent) bei stabiler KHK gibt es keine Evidenz aus randomisierten Studien.
- •Die Langzeitbetreuung von Asthma-Patienten sollte primär hausärztlich oder pädiatrisch erfolgen.
- •Eine CT bei COPD ist nur bei diagnostischen Diskrepanzen oder inadäquatem Therapieansprechen indiziert.
Hintergrund
Die DEGAM-Leitlinie "Schutz vor Über- und Unterversorgung" fokussiert sich auf die Vermeidung von medizinischen Maßnahmen, die über die Bedarfsdeckung hinausgehen (Überversorgung) oder bei denen indizierte Leistungen unterlassen werden (Unterversorgung). Ziel ist eine ressourcenschonende, patientenzentrierte Medizin, die auch Aspekte der "Planetary Health" (Klimaschutz durch Vermeidung unnötiger Medizin) berücksichtigt. Die hausärztliche Praxis spielt als koordinierende Instanz eine Schlüsselrolle.
Multimorbidität und Versorgungskoordination
Bei multimorbiden Patienten steht oft der Erhalt der Autonomie und Lebensqualität im Vordergrund. Eine unkoordinierte fachärztliche Mitbehandlung birgt das Risiko von Polypharmazie und Überdiagnostik.
| Versorgungsbereich | Empfohlene Koordination |
|---|---|
| Kommunikation | Ausreichend Zeit für gemeinsame Entscheidungsfindung einplanen (starke Empfehlung). |
| Diagnostik | Gezielte Anforderung (z. B. Bildgebung) durch die Hausarztpraxis. |
| Therapie | Medikamentöse Änderungen durch Spezialisten sollten vorab mit dem Hausarzt abgestimmt werden. |
| Krankenhaus | Gemeinsame Entscheidung zur Einweisung; konsiliarische Einbindung des Hausarztes. |
Chronische Koronare Herzkrankheit (KHK)
Ein zentrales Thema der Überversorgung ist die zu häufige Durchführung von invasiven Koronarangiographien (Herzkatheter) und Stent-Implantationen (PCI) ohne prognostischen Nutzen.
Nicht-invasive vs. invasive Diagnostik
| Vortestwahrscheinlichkeit (VTW) | Empfohlene Diagnostik | Bemerkung |
|---|---|---|
| Bis 50 % | Bevorzugt Koronar-CT | Hohe Testgüte, vermeidet unnötige invasive Eingriffe. |
| 15 - 85 % | Nicht-invasive Ischämie-Diagnostik | Bei fehlendem Ischämie-Nachweis ist ein Herzkatheter kontraindiziert. |
Indikationen und Kontraindikationen der Koronarangiographie
Eine invasive Koronarangiographie soll nicht durchgeführt werden bei:
- Niedriger Wahrscheinlichkeit für eine stenosierende KHK.
- Mittlerer Wahrscheinlichkeit (15-85 %) ohne Ischämie-Nachweis nach nicht-invasiver Diagnostik.
- Hoher Komorbidität (Risiko übersteigt Nutzen).
- Patienten, die eine Bypass-OP zur Lebensverlängerung ablehnen.
- Beschwerdefreiheit nach vorheriger Intervention (ohne neuen Ischämie-Nachweis).
Aufklärung und Therapieentscheidung
Patienten sollen vor einer invasiven Diagnostik zwingend mit einer Entscheidungshilfe aufgeklärt werden. Es muss klar kommuniziert werden, dass für einen möglichen Überlebensvorteil der PCI (Stent) bei stabiler KHK keine Evidenz aus randomisierten Studien vorliegt. Lediglich eine Bypass-OP kann bei bestimmten Konstellationen (z. B. Hauptstammstenose, Mehrgefäßerkrankung mit Diabetes) prognostisch wirksam sein.
Asthma und COPD
Auch in der Pneumologie spielt die hausärztliche Steuerung eine zentrale Rolle zur Vermeidung von Fehlversorgung.
| Erkrankung | Empfehlung zur Versorgung |
|---|---|
| Asthma | Langzeitbetreuung und Dokumentation (DMP) sollten primär durch Haus- oder Kinderärzte erfolgen. |
| Asthma | Bei Stabilisierung unter fachärztlicher Therapie sollte eine Rücküberweisung in die Hausarztpraxis geprüft werden. |
| COPD | Eine Computertomographie (CT) soll nur bei diagnostischen Diskrepanzen, Diskrepanz zwischen Lungenfunktion und Beschwerden oder inadäquatem Therapieansprechen erfolgen. |
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie bei KHK-Verdacht mit einer Vortestwahrscheinlichkeit <50 % primär die Koronar-CT und klären Sie Patienten aktiv darüber auf, dass eine Stent-Implantation (PCI) bei stabiler KHK keinen Überlebensvorteil bietet.