Multimorbidität: S3-Leitlinie (AWMF/DEGAM)
📋Auf einen Blick
- •Im Zentrum der Behandlung steht die Erfassung der individuellen Patientenpräferenzen und Behandlungsziele.
- •Ein 'Meta-Algorithmus' hilft bei der Priorisierung: Ausschluss gefährlicher Verläufe und Autonomieverlust stehen im Fokus.
- •Bei jeder Konsultation soll ein Medikamentenreview ('Pillcount') zur Vermeidung von Polypharmazie und UAW erfolgen.
- •Ein jährliches Screening auf Stürze, chronische Schmerzen sowie Seh- und Hörbeeinträchtigungen wird empfohlen.
Hintergrund
Multimorbidität bezeichnet das gleichzeitige Vorliegen von mehreren chronischen Erkrankungen (oft definiert als ≥ 3 Diagnosen). Sie ist stark altersabhängig und geht mit erhöhter Mortalität, vermehrten Krankenhauseinweisungen, funktionalen Einschränkungen und reduzierter Lebensqualität einher. Die Versorgung nach rein krankheitsspezifischen Leitlinien kann bei diesen Patienten durch Multimedikation und widersprüchliche Empfehlungen zu Gefährdungen führen.
Der Meta-Algorithmus
Der Meta-Algorithmus dient als Strukturierungs- und Orientierungshilfe in der Konsultation. Er priorisiert die Behandlung nicht nach Einzeldiagnosen, sondern nach übergeordneten Zielen:
| Priorität | Fokus | Maßnahmen |
|---|---|---|
| 1 | Ausschluss abwendbar gefährlicher Verläufe | Lebensbedrohlichkeit prüfen, Reevaluation |
| 2 | Autonomieverlust | Kognition, Mobilität, Stürze und Lebensperspektive thematisieren |
| 3 | Unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW) | Medikamentenreview, Prüfung auf Blutungen, Elektrolytstörungen, Schwindel |
| 4 | Umfassendes Krankheitsmanagement | Leitlinien für Einzeldiagnosen, psychosoziale Faktoren, Patientenpräferenzen |
Patientenzentrierte Kommunikation
Die Versorgung erfordert eine intensive Patient-Arzt-Kommunikation und ausreichend Zeit.
- Sprache: Klar, empathisch, verständlich und direkt.
- Ziele: Hauptanliegen der Konsultation herausarbeiten.
- Präferenzen: Individuelle Bedürfnisse erfassen (z. B. Erhalt der sozialen Rolle, Lebensverlängerung, Minimierung von Nebenwirkungen).
- Entscheidungsfindung: Abgleich der patientenseitigen Prioritäten (z. B. Angst vor Autonomieverlust) und ärztlichen Zielsetzungen (z. B. Ausschluss gefährlicher Verläufe).
Krankheits- und Behandlungslast
Die Belastung der Patienten wird in zwei Dimensionen erfasst:
| Dimension | Zu erfassende Aspekte |
|---|---|
| Krankheitslast (Disease Burden) | Psychische Gesundheit, Interaktionen von Gesundheitsproblemen, Auswirkungen auf Wohlbefinden und Lebensqualität |
| Behandlungslast (Treatment Burden) | Anzahl der Termine/Medikamente, UAW, nicht-medikamentöse Therapien, Auswirkungen der Therapie auf die Psyche |
Zudem sollen Ressourcen wie Gesundheitskompetenz, soziale Unterstützung und finanzielle Lage evaluiert werden.
Multimedikation
Multimedikation (oft ≥ 5 Medikamente) erhöht das Risiko für UAW (z. B. Stürze, gastrointestinale Blutungen, kognitive Einschränkungen).
- Pillcount: Bei jeder Konsultation soll die Anzahl und Dosierung der Medikamente erfasst werden.
- Medikamentenreview: Prüfung auf nicht-indizierte, UAW-auslösende oder interagierende Medikamente.
- Deprescribing: Gegebenenfalls Absetzen oder Dosisreduktion erwägen.
Funktionelle Einschränkungen und Autonomieverlust
Ein regelmäßiges Screening auf Faktoren, die die Autonomie gefährden, wird empfohlen:
| Problembereich | Screening / Maßnahme | Empfehlung |
|---|---|---|
| Neue Diagnosen | Bei Abklärung von Symptomen auf weitere chronische Erkrankungen achten | Sollte erfolgen |
| Psychische Störungen | Bei somatischen Symptomen differenzialdiagnostisch an Depression/Angst denken | Soll erfolgen |
| Stürze | Ältere Patienten mind. 1x/Jahr nach Stürzen in den letzten 12 Monaten fragen | Soll erfolgen |
| Sturzrisiko | Bei ≥ 1 Sturzereignis: Ganggeschwindigkeit messen, Wohnraumanpassung, multimodales Training | Sollte erfolgen |
| Chronische Schmerzen | 1x/Jahr erfragen. Bei Vorliegen: Schmerzmanagement 1x/Quartal überprüfen | Soll / Sollte erfolgen |
| Harninkontinenz | Beckenbodenmuskeltraining (PFMT) ggf. mit Blasenkontrollstrategien anbieten | Sollte erfolgen |
| Sehen & Hören | Regelmäßige augenärztliche Untersuchung; Hörtest und ggf. Hörgeräteversorgung | Sollte erfolgen |
Versorgungskoordination
Wenn mehrere Gesundheitsprofessionen beteiligt sind, sollten sich Patient, Spezialisten, Hausarzt, Angehörige und Pflegepersonal hinsichtlich Diagnostik und Therapie abstimmen.
💡Praxis-Tipp
Erfassen Sie bei jedem Kontakt die aktuelle Medikation ('Pillcount') und fragen Sie ältere Patienten einmal jährlich aktiv nach Stürzen im vergangenen Jahr.