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Multimorbidität: S3-Leitlinie (AWMF/DEGAM)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Im Zentrum der Behandlung steht die Erfassung der individuellen Patientenpräferenzen und Behandlungsziele.
  • Ein 'Meta-Algorithmus' hilft bei der Priorisierung: Ausschluss gefährlicher Verläufe und Autonomieverlust stehen im Fokus.
  • Bei jeder Konsultation soll ein Medikamentenreview ('Pillcount') zur Vermeidung von Polypharmazie und UAW erfolgen.
  • Ein jährliches Screening auf Stürze, chronische Schmerzen sowie Seh- und Hörbeeinträchtigungen wird empfohlen.
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Hintergrund

Multimorbidität bezeichnet das gleichzeitige Vorliegen von mehreren chronischen Erkrankungen (oft definiert als ≥ 3 Diagnosen). Sie ist stark altersabhängig und geht mit erhöhter Mortalität, vermehrten Krankenhauseinweisungen, funktionalen Einschränkungen und reduzierter Lebensqualität einher. Die Versorgung nach rein krankheitsspezifischen Leitlinien kann bei diesen Patienten durch Multimedikation und widersprüchliche Empfehlungen zu Gefährdungen führen.

Der Meta-Algorithmus

Der Meta-Algorithmus dient als Strukturierungs- und Orientierungshilfe in der Konsultation. Er priorisiert die Behandlung nicht nach Einzeldiagnosen, sondern nach übergeordneten Zielen:

PrioritätFokusMaßnahmen
1Ausschluss abwendbar gefährlicher VerläufeLebensbedrohlichkeit prüfen, Reevaluation
2AutonomieverlustKognition, Mobilität, Stürze und Lebensperspektive thematisieren
3Unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW)Medikamentenreview, Prüfung auf Blutungen, Elektrolytstörungen, Schwindel
4Umfassendes KrankheitsmanagementLeitlinien für Einzeldiagnosen, psychosoziale Faktoren, Patientenpräferenzen

Patientenzentrierte Kommunikation

Die Versorgung erfordert eine intensive Patient-Arzt-Kommunikation und ausreichend Zeit.

  • Sprache: Klar, empathisch, verständlich und direkt.
  • Ziele: Hauptanliegen der Konsultation herausarbeiten.
  • Präferenzen: Individuelle Bedürfnisse erfassen (z. B. Erhalt der sozialen Rolle, Lebensverlängerung, Minimierung von Nebenwirkungen).
  • Entscheidungsfindung: Abgleich der patientenseitigen Prioritäten (z. B. Angst vor Autonomieverlust) und ärztlichen Zielsetzungen (z. B. Ausschluss gefährlicher Verläufe).

Krankheits- und Behandlungslast

Die Belastung der Patienten wird in zwei Dimensionen erfasst:

DimensionZu erfassende Aspekte
Krankheitslast (Disease Burden)Psychische Gesundheit, Interaktionen von Gesundheitsproblemen, Auswirkungen auf Wohlbefinden und Lebensqualität
Behandlungslast (Treatment Burden)Anzahl der Termine/Medikamente, UAW, nicht-medikamentöse Therapien, Auswirkungen der Therapie auf die Psyche

Zudem sollen Ressourcen wie Gesundheitskompetenz, soziale Unterstützung und finanzielle Lage evaluiert werden.

Multimedikation

Multimedikation (oft ≥ 5 Medikamente) erhöht das Risiko für UAW (z. B. Stürze, gastrointestinale Blutungen, kognitive Einschränkungen).

  • Pillcount: Bei jeder Konsultation soll die Anzahl und Dosierung der Medikamente erfasst werden.
  • Medikamentenreview: Prüfung auf nicht-indizierte, UAW-auslösende oder interagierende Medikamente.
  • Deprescribing: Gegebenenfalls Absetzen oder Dosisreduktion erwägen.

Funktionelle Einschränkungen und Autonomieverlust

Ein regelmäßiges Screening auf Faktoren, die die Autonomie gefährden, wird empfohlen:

ProblembereichScreening / MaßnahmeEmpfehlung
Neue DiagnosenBei Abklärung von Symptomen auf weitere chronische Erkrankungen achtenSollte erfolgen
Psychische StörungenBei somatischen Symptomen differenzialdiagnostisch an Depression/Angst denkenSoll erfolgen
StürzeÄltere Patienten mind. 1x/Jahr nach Stürzen in den letzten 12 Monaten fragenSoll erfolgen
SturzrisikoBei ≥ 1 Sturzereignis: Ganggeschwindigkeit messen, Wohnraumanpassung, multimodales TrainingSollte erfolgen
Chronische Schmerzen1x/Jahr erfragen. Bei Vorliegen: Schmerzmanagement 1x/Quartal überprüfenSoll / Sollte erfolgen
HarninkontinenzBeckenbodenmuskeltraining (PFMT) ggf. mit Blasenkontrollstrategien anbietenSollte erfolgen
Sehen & HörenRegelmäßige augenärztliche Untersuchung; Hörtest und ggf. HörgeräteversorgungSollte erfolgen

Versorgungskoordination

Wenn mehrere Gesundheitsprofessionen beteiligt sind, sollten sich Patient, Spezialisten, Hausarzt, Angehörige und Pflegepersonal hinsichtlich Diagnostik und Therapie abstimmen.

💡Praxis-Tipp

Erfassen Sie bei jedem Kontakt die aktuelle Medikation ('Pillcount') und fragen Sie ältere Patienten einmal jährlich aktiv nach Stürzen im vergangenen Jahr.

Häufig gestellte Fragen

Ältere Patienten mit Multimorbidität sollen mindestens einmal im Jahr gefragt werden, ob sie in den letzten 12 Monaten gestürzt sind.
Krankheitslast bezieht sich auf die Auswirkungen der Erkrankungen selbst (z. B. auf die Psyche und Lebensqualität), während Behandlungslast die Belastung durch die Therapie (z. B. Arzttermine, Medikamentenanzahl, Nebenwirkungen) beschreibt.
Bei jeder Konsultation soll ein 'Pillcount' (Erfassung von Anzahl und Dosis) sowie ein Medikamentenreview erfolgen, um potenziell inadäquate Medikamente abzusetzen oder zu reduzieren (Deprescribing).
Es sollte ein Beckenbodenmuskeltraining (PFMT) allein oder in Kombination mit Strategien zur Blasenkontrolle und Selbstüberwachung empfohlen werden.

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