Diabetes in der Schwangerschaft: DDG-Leitlinie
Hintergrund
Die Prävalenz von präexistentem Diabetes mellitus (Typ 1 und Typ 2) in der Schwangerschaft liegt in Deutschland bei rund 1 Prozent. Dabei ist ein stetiger Anstieg von Schwangeren mit Typ-2-Diabetes zu verzeichnen.
Kinder diabetischer Mütter haben ein deutlich erhöhtes Risiko für angeborene Fehlbildungen, Frühgeburtlichkeit, Makrosomie und postnatale Hypoglykämien. Auch das Risiko für schwangerschaftsspezifische Hochdruckerkrankungen wie die Präeklampsie ist bei den Müttern signifikant erhöht.
Eine ungeplante Schwangerschaft und eine unzureichende Stoffwechseleinstellung zum Zeitpunkt der Konzeption gelten als Hauptrisikofaktoren für Komplikationen. Daher betont die Leitlinie die Wichtigkeit einer frühzeitigen präkonzeptionellen Beratung und Therapieoptimierung.
Empfehlungen
Präkonzeptionelle Betreuung
Die DDG-Leitlinie empfiehlt bei Kinderwunsch eine normnahe Stoffwechseleinstellung mit einem HbA1c-Wert von unter 7,0 Prozent (starke Empfehlung, Grad A). Wenn es ohne erhöhtes Hypoglykämierisiko möglich ist, sollte laut Leitlinie präkonzeptionell sogar ein HbA1c-Wert von unter 6,5 Prozent angestrebt werden.
Zudem wird für Frauen mit Diabetes bereits in der Phase des Kinderwunsches empfohlen:
-
Einnahme von Folsäure (mindestens 0,4 mg/Tag) bis zum Abschluss des ersten Trimenons (Grad A)
-
Substitution von Jod (100-200 µg/Tag) analog zu stoffwechselgesunden Frauen (Grad A)
-
Überprüfung der Schilddrüsenfunktion (TSH und TPO-Antikörper)
Blutzucker-Zielwerte in der Schwangerschaft
Während der Schwangerschaft wird eine engmaschige Kontrolle der Blutglukose empfohlen. Laut Leitlinie gelten folgende Zielwerte für kapilläre Selbstmessungen:
| Messzeitpunkt | Blutglukose-Zielwert |
|---|---|
| Nüchtern und präprandial | 65-95 mg/dl (3,8-5,2 mmol/l) |
| 1 Stunde nach Mahlzeit | <= 140 mg/dl (<= 7,7 mmol/l) |
| 2 Stunden nach Mahlzeit | <= 120 mg/dl (<= 6,6 mmol/l) |
Bei Nutzung eines kontinuierlichen Glukosemonitorings (rtCGM) wird bei Typ-1-Diabetes eine Time-in-Range (63-140 mg/dl) von über 70 Prozent angestrebt. Bei Typ-2-Diabetes kann ein Zielbereich von über 90 Prozent anvisiert werden.
Insulintherapie
Die intensivierte Insulintherapie (ICT) oder die Insulinpumpentherapie (CSII) gelten als optimale Therapieformen. Es wird der Einsatz von Humaninsulinen oder Insulinanaloga (wie Aspart, Lispro, Detemir oder Glargin) empfohlen (Grad A).
Der Insulinbedarf verändert sich im Verlauf der Schwangerschaft stark:
-
Im ersten Trimenon besteht ein erhöhtes Risiko für schwere Hypoglykämien.
-
Ab dem zweiten und dritten Trimenon steigt der Insulinbedarf um 50 bis 100 Prozent an.
-
Mit der Geburt sinkt der Bedarf drastisch ab.
Begleiterkrankungen und Komplikationen
Bei chronischer Hypertonie wird ein Zielblutdruck von systolisch unter 140 mmHg und diastolisch unter 90 mmHg empfohlen. Zur Prophylaxe einer Präeklampsie soll jede Patientin über die Gabe von Acetylsalicylsäure (ASS 150 mg/Tag ab vor der 16. SSW) beraten werden (Grad A).
Zudem werden regelmäßige augenärztliche Kontrollen zur Überwachung einer diabetischen Retinopathie angeraten. Eine vorbestehende Retinopathie stellt laut Leitlinie per se keine Indikation zur primären Sectio dar (Grad A).
Geburtshilfliches Management
Es wird empfohlen, Schwangere mit präexistentem Diabetes zur Entbindung in ein Perinatalzentrum Level I oder II zu überweisen (Grad A). Bei Erreichen des erwarteten Entbindungstermins soll bei ausbleibendem Geburtsbeginn eine Geburtseinleitung erfolgen (Grad A).
Unter der Geburt wird eine stündliche Blutzuckerkontrolle mit Zielwerten zwischen 90 und 126 mg/dl empfohlen. Größere Stoffwechselschwankungen sollen vermieden werden, um das Risiko einer postnatalen Hypoglykämie beim Neugeborenen zu minimieren.
Dosierung
Die Leitlinie nennt spezifische medikamentöse Therapieoptionen zur Behandlung der chronischen Hypertonie in der Schwangerschaft:
| Medikament | Dosierung | Anmerkungen |
|---|---|---|
| Alpha-Methyldopa | 250-500 mg oral (2-4x/d), max. 2 g/d | Mittel der 1. Wahl |
| Nifedipin retard | 20-60 mg ret. oral, max. 120 mg/d | Geeignet |
| Metoprolol | 25-100 mg (2x tgl.) | Mittel der Wahl bei ß-Blockern, erhöhtes Risiko fetaler Wachstumsrestriktion |
Kontraindikationen
Laut Leitlinie sind ACE-Hemmer und AT1-Rezeptorantagonisten in der Schwangerschaft aufgrund einer erwiesenen Fetotoxizität (z. B. Oligohydramnion, Niereninsuffizienz des Neugeborenen) kontraindiziert. Eine bestehende Therapie soll mit Feststellung der Schwangerschaft, spätestens vor dem zweiten Trimenon, beendet werden.
Zudem wird von der Einnahme von Diuretika abgeraten, da diese die uteroplazentare Perfusion beeinträchtigen können. Die Insulinanaloga Glulisin und Degludec sollen aufgrund unzureichender Datenlage in der Schwangerschaft nicht eingesetzt werden.
💡Praxis-Tipp
Laut Leitlinie sinkt der mütterliche Insulinbedarf mit Wehenbeginn und nach der Geburt der Plazenta abrupt um etwa 50 Prozent ab. Es wird dringend angeraten, die basale Insulinzufuhr entsprechend frühzeitig zu reduzieren und die Blutglukose unter der Geburt stündlich zu kontrollieren. Dadurch können schwere mütterliche Hypoglykämien und konsekutive postnatale Hypoglykämien beim Neugeborenen vermieden werden.
Häufig gestellte Fragen
Die Leitlinie empfiehlt nüchtern und präprandial Werte zwischen 65 und 95 mg/dl. Eine Stunde nach der Mahlzeit sollte der Wert unter 140 mg/dl und nach zwei Stunden unter 120 mg/dl liegen.
Laut Leitlinie ist die Studienlage zu Metformin unzureichend, weshalb es nicht routinemäßig eingesetzt werden sollte. Es wird empfohlen, Frauen mit Typ-2-Diabetes bereits bei Kinderwunsch auf eine Insulintherapie umzustellen.
Als Mittel der ersten Wahl wird Alpha-Methyldopa empfohlen. Alternativ können Nifedipin retard oder Metoprolol eingesetzt werden, während ACE-Hemmer und AT1-Antagonisten kontraindiziert sind.
Mit Einsetzen der Wehentätigkeit sinkt der Insulinbedarf rasch auf etwa 50 Prozent des vorherigen Bedarfs. Es wird empfohlen, die Dosis entsprechend zu reduzieren und den Blutzucker stündlich zu überwachen.
Bei guter Stoffwechselführung wird laut Leitlinie eine CTG-Kontrolle ab der 32. Schwangerschaftswoche empfohlen. Die genaue Frequenz sollte an das individuelle Risiko von Mutter und Kind angepasst werden.
War diese Zusammenfassung hilfreich?
Quelle: DDG: Langfassung 3. Auflage pdf (DDG, 2021). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.