Diabetes in der Schwangerschaft: AWMF S2e-Leitlinie

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Präkonzeptionelle Beratung ist entscheidend, um Risiken für Fehlbildungen und Komplikationen zu minimieren.
  • Ziel-HbA1c präkonzeptionell ist < 7%, idealerweise < 6,5% ohne Hypoglykämie-Risiko.
  • Während der Schwangerschaft sollen kapilläre Blutglukosewerte nüchtern 65-95 mg/dl und 1 Stunde postprandial ≤ 140 mg/dl betragen.
  • Intensivierte Insulintherapie (ICT) oder Insulinpumpentherapie (CSII) sind die Therapie der Wahl.
  • Kurz- und langwirksame Insulinanaloga können in der Schwangerschaft eingesetzt werden, Humaninsuline sind ebenfalls eine Option.
  • Eine Ketoazidose ist eine kritische Notfallsituation, die auch bei euglykämischen Werten auftreten kann.
  • Folsäure- und Jodsubstitution sowie eine individuelle Beratung zur ASS-Gabe sind wichtige präkonzeptionelle Maßnahmen.
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Hintergrund

Die S2e-Leitlinie "Diabetes in der Schwangerschaft" der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG), publiziert im Jahr 2021, richtet sich an Ärzte mit den Schwerpunkten Diabetes, Gynäkologie, Geburtshilfe, Kinder- und Jugendmedizin, Perinatalmedizin, Neonatologie sowie pädiatrische Intensivmedizin. Sie dient zudem als Informationsquelle für Diabetesberaterinnen und Patientinnen. Ziel der Leitlinie ist es, alle relevanten Bereiche der Schwangerschaftsbetreuung bei Diabetes mellitus zu beleuchten. Die Erstellung erfolgte evidenzbasiert mittels systematischer Literaturrecherche und Bewertung nach Evidenzklassen (EK) sowie dem Grading System for Recommendations in Evidence Based Guidelines (SIGN).

Die Empfehlungsgrade orientieren sich an der Nomenklatur Nationaler VersorgungsLeitlinien:

NomenklaturBeschreibungEmpfehlungsgrad
SollStarke EmpfehlungA
SollteEmpfehlungB
KannOffen0

Epidemiologie

Im Jahr 2019 wurden in Deutschland bei etwa 1,01% der Geburten ein präexistenter Diabetes mellitus (Typ-1- oder Typ-2-Diabetes) bei den Müttern erfasst, eine Häufigkeit, die sich in den letzten zehn Jahren kaum verändert hat. Der Anteil von Schwangeren mit Typ-2-Diabetes unter allen Schwangeren mit präexistentem Diabetes wird in Deutschland auf mindestens 10-30% geschätzt. Weltweit wird ein Anstieg der Prävalenz von Diabetes und somit auch von Schwangerschaften mit präexistentem Diabetes mellitus erwartet.

Kinder diabetischer Mütter haben ein 1,5- bis 3-fach erhöhtes Risiko für angeborene Fehlbildungen, Frühgeburtlichkeit, Hypertrophie, Atemstörungen, Plexusparese und Asphyxie. Dieses Risiko ist bei prägravidem Diabetes größer als bei Gestationsdiabetes. Die perinatale Mortalität ist bei prägravidem Diabetes erhöht. Die häufigste Komplikation bei Neugeborenen diabetischer Mütter ist die postnatale Hypoglykämie, die 200- bis 400-fach häufiger auftritt als bei Kindern nicht-diabetischer Mütter.

Präkonzeptionelle Betreuung

Die Planung einer Schwangerschaft ist für Frauen mit Typ-1- oder Typ-2-Diabetes von größter Bedeutung. Ein unzureichend behandelter Diabetes mellitus bei Konzeption erhöht das Risiko für kongenitale Fehlbildungen, intrauterinen Fruchttod, Schwangerschaftskomplikationen und den Progress diabetesassoziierter Folgeerkrankungen wie Retinopathie oder Nephropathie. Daten zeigen, dass 32-44% der Schwangerschaften bei Frauen mit Typ-1-Diabetes ungeplant sind, was mit signifikant höheren HbA1c-Werten präkonzeptionell und im Schwangerschaftsverlauf sowie häufigeren neonatalen Komplikationen einhergeht.

  • Bei Frauen im fertilen Alter soll bzgl. des Risikopotenzials einer ungeplanten Schwangerschaft beraten werden, da diese die Gefahr einer perikonzeptionellen Hyperglykämie und die Gefahr einer erhöhten fetalen Morbidität und Mortalität sowie einer erhöhten Fehlbildungsrate birgt. (LoE 2+, A)
  • Im Rahmen der Diabetesbehandlung sollte bereits bei Jugendlichen die Beratung hinsichtlich wirksamer Kontrazeptions-Methoden und hinsichtlich einer Familienplanung erfolgen. (LoE 2+, B)

Begleiterkrankungen

Diabetesassoziierte Begleiterkrankungen stellen unabhängige Risikofaktoren für Schwangerschaftskomplikationen und ein ungünstiges fetales Outcome dar.

  • Adipositas: Eine maternale Adipositas (BMI ab 30 kg/m²) erhöht das Risiko für Fehlgeburten, perinatale Mortalität und Neuralrohrdefekte. Eine präkonzeptionelle Lebensstilintervention mit Bewegung und adäquater Ernährung wird angestrebt. Frauen mit Adipositas sollten bereits bei Planung einer Schwangerschaft eine Folsäure-Supplementation mit mindestens 400 μg/Tag beginnen und bis zum Ende des ersten Trimenons fortführen. Nach bariatrischer Operation sollte eine Substitution von 800 μg Folsäure pro Tag erfolgen.
  • Retinopathie/Nephropathie/Hypertonie: Eine präkonzeptionell bestehende diabetische Retinopathie birgt das Risiko einer rapiden Progression, insbesondere bei unzureichender glykämischer Kontrolle, langer Diabetesdauer und arterieller Hypertonie. Regelmäßige ophthalmologische Kontrollen sind präkonzeptionell, während der Schwangerschaft und bis zu 12 Monate post partum zu empfehlen. Eine diabetische Nephropathie mit Serum-Kreatinin > 2 mg/dl und Proteinurie > 3g/24h ist mit hohen Komplikationsraten assoziiert. Diese Begleiterkrankungen sollten neben der glykämischen Kontrolle bereits präkonzeptionell optimal therapiert werden, wobei schwangerschaftsbedingte Kontraindikationen medikamentöser Therapien zu beachten sind.

Autoimmunerkrankungen

Bei 27-40% der Menschen mit Typ-1-Diabetes liegt eine weitere Autoimmunerkrankung vor, am häufigsten eine Autoimmunthyreopathie. Bei Schwangeren mit Typ-1-Diabetes besteht eine hohe Prävalenz einer Autoimmunthyreoiditis (bis zu 50% positive Schilddrüsen-Autoantikörper).

  • Wegen der hohen Prävalenz einer Autoimmunthyreoiditis sollte präkonzeptionell bzw. bei schwangeren Frauen mit Typ-1-Diabetes ein Screening auf TPO-Antikörper erfolgen. (LoE 1++, B)
  • Bei unbehandelten euthyreoten Schwangeren, die TPO-AK-positiv sind, sollte die Serum-TSH-Konzentration alle 4 bis 8 Wochen gemessen werden. (LoE 2- bis 4, B)
  • Bei Frauen mit TPO-Antikörper-Nachweis sollte bereits bei TSH > 2,5 μU/ml auf Grund der möglichen eingeschränkten Schilddrüsenhormonreserve die Therapie mit Levothyroxin begonnen werden. (LoE 1+ bis 3, B)
  • Bei Vorliegen einer latenten Hypothyreose soll umgehend eine Therapie mit Levothyroxin eingeleitet werden. (LoE 1+, A)

Manifeste Hypothyreose kann gravierende Auswirkungen auf Schwangerschaftsverlauf und fetales Outcome haben. Die Behandlung einer latenten oder manifesten Hypothyreose wird klar empfohlen. Bei präkonzeptionell behandelter Hypothyreose soll ab Schwangerschaftseintritt die Levothyroxin-Dosis so angepasst werden, dass der TSH-Wert zwischen unterer Referenzgrenze und 2,5 μU/ml liegt.

Bei manifester Hyperthyreose (z. B. Morbus Basedow) ist eine kritische Risiko-Nutzen-Bewertung der thyreostatischen Medikation erforderlich. Propylthiouracil (PTU) sollte unter Risiko-Nutzen-Abwägung bereits bei Planung einer Schwangerschaft bevorzugt werden. Carbimazol oder Thiamazol dürfen nur nach strenger individueller Nutzen-Risiko-Bewertung und in niedrigster wirksamer Dosis angewendet werden. Engmaschige Kontrollen der Schilddrüsenhormone sind indiziert.

Stoffwechselziele

Blutglukoseziele präkonzeptionell

Ein Zusammenhang zwischen präkonzeptionellem HbA1c-Wert und dem Risiko für embryonale Fehlbildungen ist belegt. Das Risiko steigt mit höheren HbA1c-Werten linear an.

  • Präkonzeptionell soll eine normnahe Stoffwechseleinstellung (HbA1c < 7%) angestrebt werden. (LoE 2++, A)
  • Wenn eine normnahe Einstellung ohne Hypoglykämie-Risiko möglich ist, dann sollte präkonzeptionell ein HbA1c < 6,5% angestrebt werden. (LoE 2++, B)

Blutglukoseziele während der Schwangerschaft

Auch während der Schwangerschaft besteht ein klarer Zusammenhang zwischen höheren Blutglukosewerten und ungünstigen fetalen und maternalen Ereignissen. Die bereits angewendeten Blutglukosezielwerte bleiben gültig.

  • Folgende Blutglukose-Zielwerte sollten während der Schwangerschaft (kapilläre Selbstmessungen) angestrebt werden:
    • Nüchtern und präprandial: 65-95 mg/dl (3,8-5,2 mmol/l)
    • 1 Stunde nach Beginn der Mahlzeit: ≤ 140 mg/dl (≤ 7,7 mmol/l)
    • 2 Stunden nach Beginn der Mahlzeit: ≤ 120 mg/dl (≤ 6,6 mmol/l)
    • Der HbA1c-Wert sollte im Verlauf der Schwangerschaft im oberen Normbereich unter Beachtung des Hypoglykämie-Risikos angestrebt werden. (LoE 2+, B)
  • Bei Nutzung eines CGMS sollte bei schwangeren Frauen mit Typ-1-Diabetes eine TIR (time-in-range: 63-140 mg/dl (3,5-7,7 mmol/l)) der Sensorglukose von mindestens > 70% angestrebt werden. (LoE 1+, B)
  • Bei Nutzung eines CGMS kann eine TIR (time-in-range: 63-140 mg/dl (3,5-7,7 mmol/l)) der Sensorglukose bei schwangeren Frauen mit Typ-2-Diabetes von > 90% angestrebt werden. (LoE 4, 0)

Beratung bei Kinderwunsch

Frauen mit Diabetes haben ein erhöhtes Risiko für frühe Spontanaborte und fetale Fehlbildungen, die mit der Qualität der perikonzeptionellen Stoffwechseleinstellung korrelieren. Das Risiko für relevante angeborene Malformationen ist bei mütterlichem präkonzeptionellem Diabetes 2,4-fach erhöht. Das Spektrum umfasst insbesondere angeborene Herzfehler, Neuralrohrdefekte und Skelettanomalien.

  • Patientinnen mit bekanntem Diabetes mellitus (Typ-1, Typ-2) sollen über das mit hohen HbA1c bei Konzeption assoziierte erhöhte Risiko für fetale Fehlbildungen unterschiedlichster Art aufgeklärt werden. Es soll darauf hingewiesen werden, dass das Risiko im Wesentlichen mit der perikonzeptionellen Stoffwechseleinstellung korreliert und daher eine möglichst normnahe Stoffwechseleinstellung angestrebt werden soll. (LoE 1+, A)
  • Frauen mit Diabetes und Kinderwunsch soll die orale Einnahme von Folsäure (mindestens 0,4mg/Tag) und außerdem nach eingetretener Schwangerschaft eine qualifizierte Ultraschalldiagnostik angeraten werden. (LoE 2++, A)

Langzeitfolgen für die Nachkommen

Nachkommen von Frauen mit Typ-1-Diabetes haben ein Risiko von ca. 2-5% (bis 10%) für Typ-1-Diabetes im Leben. Sie haben zudem ein erhöhtes Risiko für Übergewicht, höhere BMI-SDS Werte, eine pathologische Glukosetoleranz oder ein metabolisches Syndrom. Die Datenlage zu kognitiven Problemen, Verhaltensstörungen oder anderen neurologischen Auffälligkeiten ist gering und teils kontrovers, sodass derzeit keine spezifischen Empfehlungen abgeleitet werden können.

Folsäure- und Jodidsubstitution, Aspirin

  • Frauen mit Diabetes mellitus sollen bereits in der Phase des Kinderwunsches und in der Frühschwangerschaft eine Folsäuresupplementierung (mindestens 0,4mg/Tag) erhalten. (LoE 2++, A)
  • Es sollte bei Frauen mit Typ-1-Diabetes präkonzeptionell bzw. bei schwangeren Frauen mit Typ-1-Diabetes eine TPO-Antikörper-Bestimmung empfohlen werden. (LoE 1++, B)
  • Die Substitution von Jod bei Frauen mit Typ-1-Diabetes und Kinderwunsch in der präkonzeptionellen Phase und in der Schwangerschaft soll wie bei stoffwechselgesunden Frauen erfolgen (100-200μg/Tag). (LoE 1++, A)
  • Es soll jede Patientin über die ASS-Gabe beraten werden, die Gabe erfolgt im Konsens mit der Patientin. Die Indikationsstellung zur Gabe von Aspirin zur Prophylaxe der Präeklampsie kann auch bei Frauen mit Diabetes risikoadaptiert über ein Prä-Eklampiescreening erfolgen oder eine generelle Empfehlung ausgesprochen werden. Bei Diabetes und Nephropathie sollte jedoch ASS allen Schwangeren empfohlen werden. (LoE 1+, A)
  • Wenn bei Frauen mit Diabetes ein unauffälliges Prä-Eklampsie-Screening vorliegt, kann auf eine routinemäßige Aspirin-Therapie verzichtet werden. (LoE 4, B)
  • Wenn bei Frauen mit Diabetes eine Gabe von Aspirin zur Prophylaxe einer Präeklampsie erfolgt, soll diese vor der 16+0 SSW begonnen werden, mit 150mg/Tag bis zur 35+0 SSW erfolgen und dann abgesetzt werden. (LoE 1+, A)

Insulintherapie

Die Behandlung mit Insulin ist die Therapie der Wahl, wenn diätetische Maßnahmen nicht ausreichen. Eine möglichst normoglykämische Stoffwechsellage vor und während der Gravidität ist entscheidend. Die Insulintherapie muss laufend an die wechselnden Erfordernisse im Schwangerschaftsverlauf angepasst werden.

  • Eine möglichst normnahe Stoffwechseleinstellung soll bereits vor der Konzeption bei Kinderwunsch und Schwangerschaftsplanung vorliegen. Als optimale Therapie gelten die ICT/funktionelle Insulintherapie oder die kontinuierliche subkutane Insulininfusion (CSII, „Pumpentherapie“). Beide Therapieformen sind bei entsprechender Schulung als gleichwertig bezüglich der Schwangerschaftsergebnisse einzustufen, wesentlich sind eine perfekte Handhabung und im Zielbereich liegende Blutglukosewerte. (LoE 1+, A)

Insulinarten - Wirkeigenschaften

WirkungEintrittMaximumDauerAnwendung in der Regel
Humaninsuline
NPH-Insulin2-4 h4-10 h12-18 hEinmal vor dem Schlafengehen oder zweimal täglich
Normalinsulin30-60 min2-3 h8-10 h0-30 min vor den Mahlzeiten
Mischinsulin (NPH (70)/Normal (30))30-60 min2-6 h12-18 hVor Frühstück und Abendessen
Insulinanaloga
Degludec1 hkein Maximum> 42hEinmal täglich
Detemir3-4 h3-9 h6-24 hEin- oder zweimal täglich
Glargin2-6 hkein Maximum6-24 hEin- oder zweimal täglich
Aspart5-15 min30-90 min4-6 h0-15 min vor den Mahlzeiten
Glulisin5-15 min30-90 min4-6 h0-15 min vor den Mahlzeiten
Lispro5-15 min30-90 min4-6 h0-15 min vor den Mahlzeiten
Mischinsulin (Kurzwirksame Analoga plus NPH)5-15 min2-4 h14-24 h0-15 min vor Frühstück und Abendessen

Wahl des Insulinpräparates

Analoginsuline sind mittlerweile die Insuline der Wahl. Für die kurzwirksamen Insulinanaloga Aspart und Lispro gibt es neue Formulierungen (Fiasp®, Lyumjev), die für die Schwangerschaft zugelassen sind. Für Insulin Glulisin und Degludec liegen derzeit keine ausreichenden Daten für die Schwangerschaft vor, weswegen sie nicht eingesetzt werden sollten.

  • Zur Therapie von Schwangeren mit präexistentem Typ-1- oder Typ-2-Diabetes sollen Humaninsuline (Normalinsulin, Humaninsuline mit Verzögerungsprinzip) oder Insulinanaloga (kurzwirksame, langwirksame) eingesetzt werden. (LoE 2++, A)
  • Werden strenge Therapieziele angestrebt, sollte der Einsatz kurzwirksamer und langwirksamer Insulinanaloga erwogen werden, da im Vergleich zu Normalinsulinen mit Vorteilen hinsichtlich HbA1c-Absenkung und einem geringeren Risiko für Hypoglykämien zu rechnen ist. (LoE 2++, B)
  • Schwangere, die auf die kurzwirksamen Insulinanaloga oder auf die langwirksamen Insulinanaloge Insulin eingestellt sind, sollten diese nach entsprechender Aufklärung über die Stoffwechselziele weiterverwenden, da gegenüber Humaninsulinen keine Nachteile bekannt geworden sind. Für Insulin Degludec liegen für die Schwangerschaft noch keine ausreichenden Daten vor, weshalb es in der Schwangerschaft nicht eingesetzt werden sollte. (LoE 4, B)
  • Bei Frauen mit Typ-1-Diabetes und Kinderwunsch bzw. Schwangeren mit Typ-1-Diabetes kann eine Insulinpumpentherapie bei folgenden Konstellationen erwogen werden:
    • wenn die individuellen Therapieziele nicht erreicht wurden
    • insbesondere bei unzureichender glykämischer Kontrolle der Stoffwechsellage unter ICT, z. B. Dämmerungsphänomen.
    • bei häufig unregelmäßigem Tagesablauf, z. B. Schichtarbeit, Tätigkeiten mit variierender körperlicher Aktivität, Probleme bei der Durchführung einer klassischen ICT/Spritzentherapie (unter anderem zur Verbesserung der Lebensqualität)
    • bei geringem Insulinbedarf (LoE 4, 0)

Überprüfung der Therapie im Schwangerschaftsverlauf

Der Insulinbedarf steigt im zweiten Trimenon um ca. 50% und im dritten Trimenon auf bis zu 70-100% an. Engmaschige Überprüfungen der Blutglukoseprofile und Therapieanpassungen sind erforderlich.

  • Im ersten Trimenon ist mit einer höheren Rate an schweren Hypoglykämien zu rechnen. Daher soll bei Notwendigkeit das glykämische Einstellungsziel aus mütterlicher Indikation individuell angepasst werden. (LoE 2+, A)
  • Der Insulinbedarf steigt ab dem 2./3. Trimenon um 50-100%, bei adipösen Patientinnen mit Typ-2-Diabetes ist oft ein noch größerer Anstieg zu erwarten. Die Algorithmen für die Insulindosis sollen sich nach den Glukoseselbstmessungen bzw. den Sensordaten richten. (LoE 2+, A)

Peripartale Insulintherapie

Am Tag der Entbindung soll die Insulinmenge wegen des vermehrten Glukoseverbrauchs und des raschen Abfalls des Insulinbedarfs deutlich reduziert werden. Der Glukoseverlauf muss engmaschig überwacht werden. Postpartal sollen die Algorithmen der funktionellen Insulintherapie individuell neu angepasst werden, meist orientiert am präkonzeptionellen Bedarf.

  • Mit der Geburt sinkt der Insulin-Bedarf drastisch, es sollen engmaschige Dosisanpassungen vorgenommen werden, die sich am präkonzeptionellen Bedarf orientieren. (LoE 2+, A)

Kontinuierliches Glukosemonitoring (rtCGM)

Real-time-CGM-Systeme (rtCGM-Systeme) bieten Vorteile hinsichtlich des Risikos von Hypoglykämien, Time in Range, Glukoseschwankungen und HbA1c-Werten. Eine randomisiert kontrollierte Studie zeigte signifikante Vorteile für das neonatale Outcome bei rtCGM-Einsatz bei Schwangeren mit Typ-1-Diabetes.

  • Ein Selbstmanagement mithilfe rtCGM in der Schwangerschaft sollte angeboten werden. (LoE 1+, B)

Diabetologische Notfälle

Hypoglykämien

Schwere mütterliche Hypoglykämien müssen primär aus mütterlicher Sicht vermieden werden. Ein negativer Einfluss leichter mütterlicher Hypoglykämien auf die fetale Entwicklung ist beim Menschen nicht belegt.

  • Schwangere mit Typ-1-Diabetes sollen bezüglich Hypoglykämierisiken gut geschult sein und der Partner oder ein anderer Angehöriger soll über Hypoglykämie-Risiken und Hypoglykämie-Symptome informiert und in die Anwendung des Glukagon-Notfallsets (Spritze oder Nasenpulver) eingewiesen sein. (LoE 4, A)
  • Der wichtigste Risikofaktor für schwere Hypoglykämien im 1. Trimenon der Schwangerschaft ist eine hierfür positive präkonzeptionelle Anamnese in den letzten vier Monaten. Diese Schwangeren sollen vor oder während der Schwangerschaft mit einem CGM-System ausgestattet werden. (LoE 4, A)

Ketoazidose

Die Ketoazidose (DKA) bei diabetischer Schwangerschaft ist eine kritische Notfallsituation mit einem erhöhten Risiko für intrauterinen Fruchttod. Sie kann sich in der Schwangerschaft schneller und bei niedrigeren Blutglukosewerten entwickeln. Auch eine euglykämische Ketoazidose (BZ-Werte < 200 mg/dl) kann auftreten.

  • Die Ketoazidose (DKA) bei diabetischer Schwangerschaft ist eine kritische Notfallsituation und ein wichtiger Risikofaktor für intrauterinen Fruchttod. Sie wird oft durch Emesis ausgelöst und betrifft überwiegend Frauen mit Typ-1-Diabetes, kann aber auch bei Typ-2-Diabetes vorkommen. Auch bei Glukosewerten unter 200 mg/dl (11,1 mmol/l) und unvollständiger Symptomatik (z. B. nur Emesis oder Oberbauchschmerzen) sollte an das Vorliegen einer (euglykämischen) Ketoazidose gedacht werden. (LoE 4, B)
  • Schwangeren mit Typ-1-Diabetes sollen Ketonteststreifen oder -messgeräte angeboten werden. (LoE 4, A)
  • Schwangere mit Typ-1- und Typ-2-Diabetes sollen bei Hyperglykämie oder plötzlichem Unwohlsein dringend ärztliche Hilfe suchen. Wenn Frauen mit Diabetes (ohne Rücksicht auf den Typ) über Hyperglykämie oder Unwohlsein berichten, soll dringend eine Ketosediagnostik durchgeführt werden. (LoE 4, A)
  • Bei Verdacht auf diabetische Ketoazidose soll nach Anlage eines peripheren Venenweges und Infusion von physiologischer Kochsalzlösung die sofortige stationäre Einweisung mit notärztlicher Begleitung in eine geeignete Klinik erfolgen. Nach Diagnosesicherung einer DKA soll unmittelbar die intensivmedizinische Komatherapie nach validiertem Behandlungsschema begonnen werden und das weitere Vorgehen in enger Absprache zwischen Diabetologen, Geburtsmedizinern und Neonatologen erfolgen. (LoE 4, A)

Komplikationen in der Schwangerschaft durch Diabetes-assoziierte Begleiterkrankungen

Arterielle Hypertonie, Gestationshypertonie, Präeklampsie/Eklampsie

Das Risiko einer Gestationshypertonie/Präeklampsie ist bei Frauen mit Diabetes mellitus deutlich erhöht (Inzidenz 15-20% bei Typ-1- und Typ-2-Diabetes vs. 2-7% bei stoffwechselgesunden Frauen). Risikofaktoren sind chronische Hypertonie, vorbestehende Mikroalbuminurie/Proteinurie, manifeste diabetische Nephropathie, diabetische Retinopathie und unzureichende glykämische Stoffwechsellage in der Frühschwangerschaft.

Medikamentöse Blutdrucktherapie

Bei chronischer Hypertonie sollten Frauen mit Diabetes mellitus bereits bei Kinderwunsch mit schwangerschaftsverträglichen Medikamenten behandelt werden, mit einem Zielblutdruck von systolisch 120 bis ≤ 130 und diastolisch 70-79 mmHg präkonzeptionell. Während der Schwangerschaft soll der Blutdruck auf Werte systolisch < 140 mmHg und diastolisch < 90 mmHg gesenkt werden.

Bei schwangerschaftsspezifischen Hochdruckerkrankungen wird die Einleitung einer medikamentösen Behandlung bei systolischem Blutdruck > 150 mmHg oder diastolischem Blutdruck > 95 mmHg empfohlen. Zielblutdruckwerte sollten zwischen 130-150 mmHg systolisch und 80-100 mmHg diastolisch angestrebt werden. Bei diabetischer Nephropathie soll das Risiko für eine Präeklampsie durch eine Blutdruckeinstellung präkonzeptionell bis zur 20. SSW < 140/90 mmHg reduziert werden.

💡Praxis-Tipp

Betonen Sie bei Frauen im fertilen Alter mit Diabetes die Wichtigkeit einer präkonzeptionellen Beratung und einer stabilen Stoffwechseleinstellung, um das Risiko für fetale Fehlbildungen und Schwangerschaftskomplikationen zu minimieren. Bei Verdacht auf diabetische Ketoazidose, auch bei normnahen Glukosewerten, sofort eine Ketosediagnostik durchführen und stationäre Einweisung veranlassen.

Häufig gestellte Fragen

Die Planung einer Schwangerschaft ist für Frauen mit Typ-1- oder Typ-2-Diabetes als äußerst wichtig anzusehen, idealerweise bereits präkonzeptionell.
Präkonzeptionell soll ein HbA1c-Wert < 7% angestrebt werden, idealerweise < 6,5% ohne Hypoglykämie-Risiko.
Kapilläre Selbstmessungen sollten nüchtern und präprandial 65-95 mg/dl, 1 Stunde nach Beginn der Mahlzeit ≤ 140 mg/dl und 2 Stunden nach Beginn der Mahlzeit ≤ 120 mg/dl betragen.
Humaninsuline (Normalinsulin, NPH-Insulin) oder Insulinanaloga (kurzwirksame wie Aspart, Lispro; langwirksame wie Detemir, Glargin) können eingesetzt werden. Für Glulisin und Degludec liegen keine ausreichenden Daten vor.
Die Ketoazidose ist eine kritische Notfallsituation und ein wichtiger Risikofaktor für intrauterinen Fruchttod. Sie kann sich schneller und bei niedrigeren Blutglukosewerten entwickeln (euglykämische Ketoazidose).
Ja, Frauen mit Diabetes sollen bereits in der Phase des Kinderwunsches und in der Frühschwangerschaft eine Folsäuresupplementierung (mindestens 0,4mg/Tag) erhalten. Die Jodsubstitution (100-200μg/Tag) soll wie bei stoffwechselgesunden Frauen erfolgen.
Jede Patientin soll individuell über die ASS-Gabe beraten werden. Bei Diabetes und Nephropathie sollte ASS allen Schwangeren empfohlen werden. Die Gabe soll vor der 16+0 SSW beginnen und bis zur 35+0 SSW mit 150mg/Tag erfolgen.

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