Adipositas und Schwangerschaft: S3-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Adipöse Frauen sollten präkonzeptionell 400 µg Folsäure/Tag einnehmen, nach bariatrischer OP 800 µg/Tag.
- •Ab einem BMI von 35 kg/m² sollte ab 11+0 SSW eine Präeklampsie-Prophylaxe mit 150 mg ASS/Tag erfolgen.
- •Nach bariatrischen Eingriffen sollte in den ersten 12 Monaten eine Schwangerschaft sicher verhütet werden (keine oralen Kontrazeptiva).
- •Bei übergewichtigen Schwangeren mit mindestens zwei weiteren Risikofaktoren ist eine medikamentöse Thromboseprophylaxe indiziert.
Hintergrund
Adipositas ist ein zunehmendes Problem bei Schwangeren und geht mit erheblichen Komplikationen für Mutter und Kind einher. Die Klassifikation erfolgt nach WHO-Kriterien:
| Kategorie | BMI (kg/m²) | Risiko für Begleiterkrankungen |
|---|---|---|
| Normalgewicht | 18,5–24,9 | Durchschnittlich |
| Übergewicht (Präadipositas) | 25,0–29,9 | Gering erhöht |
| Adipositas Grad I | 30,0–34,9 | Erhöht |
| Adipositas Grad II | 35,0–39,9 | Hoch |
| Adipositas Grad III | ≥ 40,0 | Sehr hoch |
Präkonzeptionelle Betreuung
Lebensstil und Ernährung
Adipöse Frauen mit Kinderwunsch sollten zu einer präkonzeptionellen Lebensstilintervention (Bewegung, gesunde Ernährung) motiviert werden (Empfehlungsgrad B), da dies das Risiko für einen späteren Gestationsdiabetes senkt.
Folsäuresupplementierung
Frauen mit Adipositas haben ein erhöhtes Risiko für kindliche Neuralrohrdefekte.
- Standardempfehlung: Zusätzlich zur folatreichen Ernährung sollen 400 µg Folsäure/Tag supplementiert werden (Empfehlungsgrad A).
- Nach bariatrischer OP: Es sollten 800 µg Folsäure/Tag substituiert werden (Empfehlungsgrad B).
- Zeitraum: Die Einnahme soll mindestens 4 Wochen vor Konzeption beginnen und bis zum Ende des 1. Trimenons fortgeführt werden (Empfehlungsgrad A).
Bariatrische Chirurgie
Nach einem adipositaschirurgischen oder metabolischen Eingriff sollte in der Phase des Gewichtsverlustes (erste 12 Monate) eine sichere Empfängnisverhütung durchgeführt werden (Empfehlungsgrad B). Orale Kontrazeptiva gelten insbesondere nach Bypassverfahren als nicht sicher, da eine ausreichende Resorption nicht gewährleistet ist.
Komorbiditäten
Vor einer Schwangerschaft soll eine Abklärung und adäquate Behandlung von Komorbiditäten (z. B. Diabetes mellitus, Hypertonus, PCOS) erfolgen (Empfehlungsgrad A). Eine bestehende Medikation sollte interdisziplinär überprüft und ggf. umgestellt werden (Empfehlungsgrad B).
Besondere Aspekte in der Schwangerenvorsorge
Präeklampsie-Prophylaxe
Adipositas erhöht das Risiko für eine Präeklampsie um den Faktor 3–5.
- Risikokalkulation: Übergewichtigen Schwangeren (BMI ≥ 25 kg/m²) sollte zwischen 11+0 und 13+6 SSW eine individuelle Risikokalkulation angeboten werden (Empfehlungsgrad B).
- ASS-Prophylaxe nach Risiko: Bei einem Risiko > 1:100 sollte 150 mg/Tag Acetylsalicylsäure (ASS) zur Reduktion der Präeklampsierate vor der 37. SSW gegeben werden (Empfehlungsgrad B).
- ASS-Prophylaxe nach BMI: Bei einem BMI > 35 kg/m² sollte generell eine Gabe von ASS 150 mg/Tag ab 11+0 SSW erfolgen (Empfehlungsgrad B).
Vitamin-D-Substitution
Eine generelle höherdosierte Vitamin-D-Gabe bei Adipositas wird nicht empfohlen. Im Einzelfall kann bei fehlender oder verminderter Eigensynthese eine Supplementation (200–600 Einheiten/Tag) indiziert sein (Empfehlungsgrad 0).
Thromboseprophylaxe
Das Risiko für venöse Thromboembolien (VTE) ist bei Adipositas erhöht, insbesondere post partum und nach Sectio.
| Risikostufe | Kriterien in der Schwangerschaft |
|---|---|
| Niedrig | Familiäre Thromboseanamnese, thrombophile Faktoren ohne Eigenanamnese |
| Mittel | Thrombose in Eigenanamnese, wiederholte Aborte/schwere Präeklampsie + Thrombophilie, Niedriges Risiko + Zusatzfaktoren (z. B. Adipositas) |
| Hoch | Wiederholte Thrombose in Eigenanamnese, homozygote Faktor-V-Leiden-Mutation + Thrombose in Eigenanamnese |
Zusätzliche Risikofaktoren (Auswahl):
- BMI > 25 kg/m²
- Alter > 35 Jahre
- Multiparität (> 4 Geburten)
- Präeklampsie
- Sectio caesarea
- Immobilisation
Übergewichtige Schwangere mit zwei oder mehr zusätzlichen Risikofaktoren sollten neben der nichtmedikamentösen VTE-Prophylaxe eine medikamentöse Prophylaxe erhalten (Empfehlungsgrad B).
💡Praxis-Tipp
Beginnen Sie bei Schwangeren mit einem BMI > 35 kg/m² frühzeitig (ab 11+0 SSW) mit einer ASS-Prophylaxe (150 mg/Tag), um das signifikant erhöhte Präeklampsierisiko zu senken. Achten Sie nach bariatrischen Operationen auf eine sichere, nicht-orale Kontrazeption in den ersten 12 Monaten.