HUS im Kindesalter: Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Das HUS ist definiert durch die Trias aus mikroangiopathischer hämolytischer Anämie, Thrombozytopenie und akutem Nierenversagen.
- •Bei ca. 90 % der Kinder liegt ein STEC-HUS vor, bei dem eine EHEC-gerichtete antibiotische Therapie kontraindiziert ist.
- •Bei Verdacht auf ein Komplement-vermitteltes HUS ist Eculizumab (C5-Inhibitor) die First-Line-Therapie.
- •Die wichtigste Differenzialdiagnose ist die TTP, die umgehend mittels ADAMTS-13-Aktivität ausgeschlossen werden muss.
- •Aufgrund der Komplexität soll die Behandlung immer in einem spezialisierten Zentrum erfolgen.
Hintergrund
Das Hämolytisch-urämische Syndrom (HUS) ist eine häufige Ursache des akuten, dialysepflichtigen Nierenversagens im Kindesalter. Es ist definiert durch die Trias aus:
- Mikroangiopathischer, hämolytischer Anämie (MAHA)
- Thrombozytopenie
- Akuter Nierenfunktionseinschränkung (AKI)
Histologisch liegt der Erkrankung eine thrombotische Mikroangiopathie (TMA) zugrunde. In der Diagnostik bei HUS soll auch an extrarenale Manifestationen gedacht werden (Starker Konsens, ↑↑).
Einteilung und Ursachen
Die alte Einteilung in typisches (D+) und atypisches (D-) HUS wird den pathophysiologischen Erkenntnissen nicht mehr gerecht. Aktuell wird wie folgt klassifiziert:
| HUS-Form | Häufigkeit | Ursache |
|---|---|---|
| STEC-HUS | ca. 90% | Infektion mit Shigatoxin-bildenden E. coli (EHEC), meist nach blutiger Diarrhoe |
| Komplement-vermitteltes HUS | 5-10% | Genetische oder erworbene Dysregulation des alternativen Komplementwegs |
| Andere Formen | selten | Pneumokokken, DGKE-Mutation, Cobalamin-C-Mangel, sekundär (z.B. Medikamente) |
Diagnostik und Differenzialdiagnosen
Die wichtigste Differenzialdiagnose ist die Thrombotisch-thrombozytopenische Purpura (TTP), die unbehandelt eine hohe Letalität aufweist. Die Diagnostik muss zügig erfolgen, darf aber notwendige Therapien nicht verzögern.
| Verdachtsdiagnose | Diagnostischer Pfad | Leitlinien-Empfehlung |
|---|---|---|
| TTP | ADAMTS-13-Aktivität (<10%) | Bei Verdacht auf TTP soll schnellstmöglich die Bestimmung der ADAMTS-13 Aktivität veranlasst und mit einer Plasmapherese begonnen werden (Starker Konsens, ↑↑). |
| STEC-HUS | Stuhlkultur, PCR (Toxin-Gene), ggf. IgM-Serologie | Der Erregernachweis soll mittels Stuhlkultur und molekularbiologischem Nachweis erfolgen (Starker Konsens, ↑↑). |
| Komplement-HUS | C3, C4, Komplementfaktoren, Genetik, Antikörper | Bei Verdacht soll weiterführende Komplementdiagnostik durchgeführt werden (Starker Konsens, ↑↑). |
| Pneumokokken-HUS | Blutkultur, Liquor, Pleurapunktat/BAL | Mittels direktem Erregernachweis soll die Diagnose bestätigt werden (Starker Konsens, ↑↑). |
Therapie
Die Therapie ruht auf zwei Säulen: der supportiven Behandlung des akuten Nierenversagens und der ursachenspezifischen Therapie.
Supportive Therapie
- Flüssigkeitsmanagement, Bilanzierung und Blutdruckkontrolle.
- Nierenersatztherapie (bei Kleinkindern meist Peritonealdialyse) bei nicht beherrschbarer Hyperkaliämie, Azidose oder Volumenüberladung.
- Die Indikation zur Transfusion von Erythrozyten- und Thrombozyten-konzentraten sollte streng gestellt werden und sich an der klinischen Symptomatik orientieren (Starker Konsens, ↑↑). (EK-Gabe meist bei Hb < 5-7 g/dl).
- Eine antithrombotische Therapie ist nicht indiziert.
Spezifische Therapie
| HUS-Form | Therapie der Wahl | Leitlinien-Empfehlung |
|---|---|---|
| STEC-HUS | Rein supportiv | Bei einem manifesten STEC-HUS ist eine EHEC-gerichtete, antibiotische Therapie nicht indiziert (Starker Konsens, ↑↑). |
| Komplement-HUS | Eculizumab (oder andere C5-Inhibitoren) | Eculizumab soll als First-Line-Therapie verwendet werden (Starker Konsens, ↑↑). |
| CFH-Antikörper-HUS | Eculizumab + Immunsuppression | Beim Nachweis von CFH-Antikörpern soll zusätzlich zur Komplementinhibition eine immunsuppressive Therapie erfolgen (Starker Konsens, ↑↑). |
Besonderheiten unter Eculizumab
Eculizumab blockiert die terminale Komplementaktivierung, was das Risiko für Infektionen mit bekapselten Bakterien (v.a. Meningokokken) stark erhöht. Bei einer Therapie mit Eculizumab sollen eine Impfung gegen bekapselte Bakterien sowie eine antibiotische Prophylaxe bis 2 Wochen nach der letzten Impfung durchgeführt werden (Starker Konsens, ↑↑).
Nachsorge und Versorgungsstruktur
- Auf Grund der Komplexität in Diagnostik und Therapie eines HUS soll die Behandlung der Kinder in einem hierfür spezialisierten Zentrum erfolgen (Starker Konsens, ↑↑).
- Auf Grund der hohen Anzahl an renalen Residuen soll eine regelmäßige kindernephrologische Nachsorge durchgeführt werden (Starker Konsens, ↑↑).
💡Praxis-Tipp
Verzögern Sie bei Verdacht auf ein Komplement-vermitteltes HUS oder eine TTP niemals den Therapiebeginn (Eculizumab bzw. Plasmapherese) durch das Warten auf aufwendige Laborergebnisse.