EHEC-Erkrankung und HUS: Leitlinie (RKI-Ratgeber)
📋Auf einen Blick
- •Die Übertragung von EHEC erfolgt fäkal-oral, oft durch Wiederkäuer oder kontaminierte Lebensmittel, bei einer sehr geringen Infektionsdosis (< 100 Erreger).
- •Bei 5-10 % der symptomatischen Kinder entwickelt sich als schwere Komplikation ein hämolytisch-urämisches Syndrom (HUS).
- •Die Diagnostik basiert auf dem Nachweis von Shigatoxinen bzw. Toxingenen (stx1/stx2) mittels PCR.
- •Antibiotika, die eine Shigatoxin-Freisetzung induzieren (z.B. Beta-Laktame), sind in der Akutphase zu vermeiden.
- •Für die Wiederzulassung in Gemeinschaftseinrichtungen gelten strenge, vom stx-Subtyp abhängige IfSG-Regeln.
Hintergrund
Enterohämorrhagische Escherichia coli (EHEC) bzw. Shigatoxin-produzierende E. coli (STEC) sind gramnegative Stäbchenbakterien. Ihr Hauptmerkmal ist die Bildung von Shigatoxinen (stx1 und stx2). Schwere Krankheitsverläufe werden fast ausschließlich durch stx2-positive Stämme (v.a. Subtypen stx2a, stx2c, stx2d) verursacht.
Das Hauptreservoir bilden Wiederkäuer (Rinder, Schafe, Ziegen). Die Übertragung erfolgt fäkal-oral durch direkten Tierkontakt, kontaminierte Lebensmittel (Rohmilch, rohes Fleisch, Sprossen) oder von Mensch zu Mensch. Die Infektionsdosis ist sehr gering (< 100 Erreger).
Klinische Symptomatik
Die Inkubationszeit beträgt durchschnittlich 3 bis 4 Tage (Spannweite 2-10 Tage). Eine EHEC-Infektion kann asymptomatisch verlaufen oder sich in verschiedenen Schweregraden manifestieren:
| Verlaufsform | Häufigkeit | Symptomatik |
|---|---|---|
| Unkomplizierte Gastroenteritis | Häufigste Form | Wässriger Durchfall, Übelkeit, Erbrechen, Abdominalschmerzen |
| Hämorrhagische Kolitis | 10-20 % | Krampfartige Bauchschmerzen, blutiger Stuhl, teils Fieber |
| Hämolytisch-urämisches Syndrom (HUS) | 5-10 % (v.a. Kinder) | Nierenversagen, hämolytische Anämie, Thrombozytopenie |
Symptome eines HUS beginnen meist 5 bis 13 Tage nach Beginn des Durchfalls.
Diagnostik
Das wichtigste diagnostische Merkmal ist der Nachweis der Shigatoxine bzw. Toxingene (stx1/stx2), idealerweise mittels PCR aus dem Stuhl. Eine EHEC-Diagnostik ist in folgenden Fällen indiziert:
- Blutiger Durchfall
- Wegen Diarrhö hospitalisierte Kinder (bis zum 6. Lebensjahr)
- Endoskopisch nachgewiesene hämorrhagische Kolitis
- HUS oder akutes Nierenversagen bei pädiatrischen Patienten
- Kontaktpersonen von HUS-Patienten
- Erkrankte Personen, die im Lebensmittelbereich tätig sind (§ 42 IfSG)
Therapie
Die Behandlung der EHEC-Gastroenteritis erfolgt primär symptomatisch.
| Wirkstoffgruppe | Empfehlung | Begründung |
|---|---|---|
| Beta-Laktame, Fluorchinolone, Cotrimoxazol | Verzicht in Akutphase | Induzieren Shigatoxin-Freisetzung, erhöhen Risiko für TMA/HUS |
| Gezielte Antibiose | Nur bei manifestem HUS | Bei klarer infektiologischer Indikation (gemäß S3-Leitlinie) |
| Azithromycin | Einzelfallentscheidung | Ggf. zur Verkürzung der Ausscheidungsdauer bei Langzeitausscheidern |
Meldepflicht und Wiederzulassung
Nach § 6 und § 7 IfSG sind der Krankheitsverdacht, die Erkrankung und der Tod an HUS sowie der direkte/indirekte Nachweis von EHEC namentlich meldepflichtig.
Für die Wiederzulassung zu Gemeinschaftseinrichtungen (§ 34 IfSG) ist der nachgewiesene EHEC-Stamm entscheidend:
| EHEC-Stamm | Kriterium | Wiederzulassung |
|---|---|---|
| Nicht-HUS-assoziiert (stx2-negativ) | 48h nach klinischer Genesung | Ohne Stuhlkontrolle möglich |
| HUS-assoziiert (stx2a/c/d positiv oder stx-Typ unbekannt) | Frühestens 48h nach Genesung | Nur nach zwei negativen Stuhlproben (Abstand mind. 24h) |
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie bei Verdacht auf eine akute EHEC-Infektion auf den empirischen Einsatz von Beta-Laktam-Antibiotika oder Fluorchinolonen, da diese die Shigatoxin-Freisetzung triggern und das HUS-Risiko deutlich erhöhen können.