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Labordiagnostik von Nierenerkrankungen: Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die enzymatische Kreatinin-Bestimmung ist der Jaffe-Methode aufgrund geringerer Störfaktoren vorzuziehen.
  • Cystatin C sollte bei unklarer klinischer Bewertung des Kreatinins (z. B. bei Sarkopenie oder Kindern) bestimmt werden.
  • Die standardisierte eGFR wird routinemäßig nach der CKD-EPI-Formel berechnet.
  • Für die Urindiagnostik wird standardisiert der zweite Morgenurin als Mittelstrahlurin empfohlen.
  • Quantitative Messgrößen im Urin (wie Protein) sollen immer auf die Urin-Kreatinin-Konzentration bezogen werden.
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Hintergrund

Nierenerkrankungen verlaufen in der Regel asymptomatisch und werden oft spät erkannt. Eine frühzeitige und rationelle Labordiagnostik ist entscheidend, um akute Nierenschädigungen (AKI) und chronische Nierenkrankheiten (CKD) zu erkennen, zu differenzieren und eine Progression zur Dialysepflichtigkeit zu verhindern.

Nierenfunktionsparameter im Blut

Die Nierenfunktion wird primär über Filtrationsmarker im Blut erfasst.

  • Kreatinin: Zur Messung im Plasma/Serum sollte die standardisierte enzymatische Methode eingesetzt werden, da sie weniger störanfällig ist als das Jaffe-Verfahren. Einflussgrößen wie Muskelmasse, Alter, Geschlecht und Lebererkrankungen sollen beachtet werden.
  • Cystatin C: Bei Zweifeln an der klinischen Bewertung des Kreatinins sollte Cystatin C gemessen werden. Dies gilt besonders bei sehr muskulösen Personen, bei Sarkopenie und bei Kindern.
  • Harnstoff: Sollte für eine Funktionsdiagnostik der Niere nicht herangezogen werden, da er eher den Proteinmetabolismus und Ernährungszustand widerspiegelt.

Bestimmung der glomerulären Filtrationsrate (GFR)

Die GFR kann nicht direkt gemessen, sondern muss berechnet werden. Die Dosierung von Arzneimitteln soll bei akuten Nierenerkrankungen an die eGFR angepasst werden.

MethodeIndikationBemerkung
CKD-EPI-eGFR (Kreatinin)Standardverfahren in der RoutineAutomatisiert zu berechnen, bezogen auf 1,73 m² Körperoberfläche
Cystatin-C-eGFRBei unklarer Kreatinin-BewertungWichtig bei Kindern, Geriatrie, Sarkopenie
Kombinierte eGFR (Cr-Cys)Spezielle FragestellungenZ. B. Gutachten, Abklärung einer Lebendnierenspende
Endogene Kreatinin-ClearanceErfassung einer glomerulären HyperfiltrationUnabhängig von Störfaktoren, erfordert Sammelurin
Gemessene GFR (mGFR)Wissenschaftliche FragestellungenGoldstandard (z. B. Iohexol-Clearance), aufwendig

Urindiagnostik

Als Probenmaterial sollte bevorzugt der zweite Morgenurin (Mittelstrahlurin) verwendet werden. Das Ergebnis quantitativer Messgrößen soll auf die Kreatinin-Konzentration der Urinprobe bezogen werden (z. B. mg/g Kreatinin), um unterschiedliche Diuresezustände auszugleichen.

Teststreifen und Sediment

Der Urinteststreifen (Protein, Erythrozyten/Hämoglobin, Leukozyten, Glucose, pH) soll die Basisuntersuchung zur Diagnostik einer renalen Strukturstörung darstellen.

Für die Analytik des Harnsediments sollte die Phasenkontrastmikroskopie oder eine automatisierte Zellanalyse bevorzugt eingesetzt werden. Dies ist besonders wichtig zur Differenzierung von Erythrozyten (Akanthozyten, dysmorphe Formen).

SedimentbestandteilObergrenze (Erwachsene)Bemerkung
Erythrozyten≤ 2 pro Gesichtsfeld>10-15% Akanthozyten sprechen für glomeruläre Ursache
Leukozyten≤ 4 pro GesichtsfeldErhöhung bei Entzündungen/Infektionen
Hyaline Zylinder< 1 pro GesichtsfeldIn Ruhe gelegentlich normal
ErythrozytenzylinderKeine (normal nicht präsent)Beweisend für renale (glomeruläre) Hämaturie

Proteinurie

Eine Proteinurie ist das Kardinalsymptom einer Nierenerkrankung und ein wichtiger kardiovaskulärer Risikoindikator. Für die Untersuchung sollte bevorzugt ein frisch gelassener Spontanurin am Vormittag verwendet werden. Harn soll für eine Urineiweißdifferenzierung nicht eingefroren werden, da Proteine aggregieren können.

Zur Differenzierung der Proteinurie (prärenal, glomerulär, tubulär, postrenal) sollen spezifische Leitproteine herangezogen werden:

LeitproteinMolekulargewichtDiagnostische Bedeutung
α1-Mikroglobulin33 kDaTubuläre Proteinurie (eingeschränkte tubuläre Reabsorption)
Albumin67 kDaSelektive oder unselektive glomeruläre Proteinurie
Immunglobulin G (IgG)150 kDaUnselektive glomeruläre Proteinurie (Filtrationsdefekt)
α2-Makroglobulin725 kDaPostrenale Proteinurie (Blutung/Exsudation in den Harnwegen)

Bei Verdacht auf eine monoklonale Gammopathie sollen die freien Leichtketten primär im Serum und nicht im Urin bestimmt werden.

Elektrolyte

Bei allen akuten Nierenerkrankungen sollen die Konzentrationen von Natrium, Kalium und Calcium bestimmt werden. Magnesium sollte als protektiver Elektrolyt zur prognostischen Abschätzung bestimmt werden (Ausschluss einer Hypomagnesiämie). Phosphat soll zum Ausschluss eines sekundären Hyperparathyreoidismus kontrolliert werden.

💡Praxis-Tipp

Nutzen Sie bei Patienten mit abweichender Muskelmasse (z. B. Bodybuilder, Kachexie, Amputationen) Cystatin C statt Kreatinin zur eGFR-Berechnung, um die Nierenfunktion nicht falsch einzuschätzen.

Häufig gestellte Fragen

Die standardisierte enzymatische Methode sollte eingesetzt werden, da sie weniger störanfällig ist als das Jaffe-Verfahren.
Bei Zweifeln an der klinischen Bewertung des Kreatinins, insbesondere bei Sarkopenie, sehr muskulösen Patienten und Kindern.
Bevorzugt sollte standardisiert der zweite Morgenurin als Mittelstrahlurin verwendet werden.
Die Proteinkonzentration soll immer auf die Kreatininkonzentration im Urin bezogen werden (Protein-Kreatinin-Quotient in mg/g), bevorzugt aus dem Spontanurin.
Nein, Urin soll dafür nicht eingefroren werden, da die Gefahr der Aggregation und Konformationsänderung der Harnproteine besteht.

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