Crampi & Muskelkrämpfe: Leitlinie (AWMF/DGN)
📋Auf einen Blick
- •Symptomatische Muskelkrämpfe müssen vor der Diagnose idiopathischer Crampi ausgeschlossen werden.
- •Im akuten Fall soll der verkrampfte Muskel gedehnt oder der Antagonist statisch angespannt werden.
- •Die Wirksamkeit von Magnesium bei idiopathischen Crampi ist nicht ausreichend belegt, ein Mangel sollte aber ausgeglichen werden.
- •Chinin ist mäßig wirksam, darf wegen schwerer Nebenwirkungen aber nur bei starken, therapieresistenten Krämpfen als Ultima Ratio eingesetzt werden.
Hintergrund
Der Muskelkrampf (Crampus) ist eine akute, schmerzhafte und unwillkürliche Kontraktion eines Muskels oder einer Muskelgruppe, die mit einer tastbaren Verhärtung einhergeht. Er dauert Sekunden bis Minuten und ist selbstlimitierend. Man unterscheidet idiopathische (oft nachts, Waden und Fußgewölbe) und symptomatische Muskelkrämpfe.
Ursachen und Risikofaktoren
Risikofaktoren für Crampi sind höheres Alter, Bewegungsmangel, Alkoholkonsum, venöse oder arterielle Gefäßerkrankungen sowie Leber- und Niereninsuffizienz.
Zahlreiche Medikamente können als Nebenwirkung Muskelkrämpfe auslösen:
| Medikamentengruppe / Wirkstoff | Bemerkung |
|---|---|
| Statine | Risiko gering erhöht, kaum dosisabhängig |
| Diuretika | Häufige Ursache, ggf. durch Elektrolytverschiebung |
| Asthmatherapie | β-adrenerge Agonisten |
| Weitere | Calciumantagonisten (Nifedipin), Lithium, Opioide, Kontrazeptiva, Donepezil |
Diagnostik
Vor einer symptomatischen Therapie müssen behandelbare Ursachen (z.B. Hypothyreose, Elektrolytstörungen, Polyneuropathien) ausgeschlossen werden.
| Diagnostikstufe | Empfohlene Parameter |
|---|---|
| Basisdiagnostik | Blutbild, Elektrolyte (Na, K, Mg, Ca), Nüchternblutzucker, Kreatinin, CK, GOT, TSH |
| Erweiterte Diagnostik | fT3, fT4, Vitamin D, Parathormon, HbA1c, Medikamentenspiegel, Rheumafaktor, Autoantikörper |
| Apparativ (bei Verdacht) | Elektromyographie (EMG), Elektroneurographie, Duplexsonographie der Beingefäße |
Allgemeine Therapieprinzipien
Nicht-medikamentöse Therapie
- Akut: Statische Dehnung der verkrampften Muskulatur und/oder Anspannung der Antagonisten.
- Prophylaxe: Bei nächtlichen Wadenkrämpfen sollten regelmäßige passive Dehnübungen der Wadenmuskulatur durchgeführt werden (z.B. mehrmals täglich Vorbeugen an einer Wand).
Medikamentöse Therapie
Die medikamentöse Therapie sollte erst nach Ausschöpfen konservativer Maßnahmen und bei hohem Leidensdruck erfolgen.
| Wirkstoff | Dosierung | Evidenz & Bemerkung |
|---|---|---|
| Magnesium | 100–520 mg/d | Nicht ausreichend belegt. Messbarer Mangel sollte ausgeglichen werden. Kontraindiziert bei Niereninsuffizienz, Herzrhythmusstörungen oder Myasthenie. |
| Chinin (Chininsulfat/Hydrochinin) | 200–400 mg zur Nacht | Mäßig wirksam. Strenge Indikation! Nur bei sehr schmerzhaften/häufigen Krämpfen. Gefahr schwerer Nebenwirkungen (Thrombozytopenie, QT-Verlängerung). |
Wichtige Hinweise zu Chinin:
- Die Indikation ist stark eingeschränkt (Rezeptpflicht, Ultima Ratio).
- Vor Therapiebeginn: Häufigkeit und Schwere über 4–8 Wochen dokumentieren.
- Bei fehlender Besserung nach 4 Wochen absetzen.
- Komedikation prüfen (keine QT-Zeit-verlängernden Medikamente wie Antiarrhythmika oder Neuroleptika!).
- Patienten über Blutungsneigung (Thrombozytopenie) aufklären.
Spezifische Patientengruppen
Für die meisten symptomatischen Crampi gibt es keine ausreichend belegte pharmakologische Therapie:
- Körperliche Belastung: Flüssigkeitsdefizite vermeiden. Dehnübungen. Chinin wird nicht empfohlen.
- Schwangerschaft: Wirksamkeit von Magnesium ist unsicher.
- Dialyse: Dehnübungen und aerobes Training zur Prophylaxe empfohlen.
- Leberzirrhose: Gurkensaft (PICCLES-Studie) linderte in einer Studie die Schwere der Krämpfe. Medikamente haben noch keine ausreichende Evidenz.
- Polyneuropathien: Botulinumtoxin A zeigte in kleinen Studien bei diabetischer Polyneuropathie positive Effekte, reicht aber nicht für eine generelle Empfehlung.
💡Praxis-Tipp
Verschreiben Sie Chinin niemals unkritisch. Lassen Sie Patienten zunächst ein Schmerztagebuch führen und konsequente Dehnübungen durchführen. Klären Sie bei Chinin-Gabe zwingend über Blutungsneigung (Thrombozytopenie) auf.