CRPS (Komplexes regionales Schmerzsyndrom) Leitlinie AWMF
📋Auf einen Blick
- •Ein persistierender Schmerz (Stärke ≥ 5) eine Woche nach distaler Radiusfraktur ist ein Warnsignal für ein CRPS.
- •Die Diagnose wird rein klinisch anhand der Budapest-Kriterien (IASP) gestellt; apparative Diagnostik dient nur der Bestätigung.
- •Die Therapie erfordert einen multimodalen Ansatz aus Physio-/Ergotherapie, Psychotherapie und medikamentöser Schmerztherapie.
- •Bisphosphonate und kurzzeitige Glukokortikoide (in der akuten, entzündlichen Phase) sind wirksame medikamentöse Optionen.
- •Invasive Maßnahmen (z.B. SCS, DRG-Stimulation) sind streng indiziert und spezialisierten Zentren vorbehalten.
Hintergrund
Das Komplexe regionale Schmerzsyndrom (CRPS) entwickelt sich bei 2–5 % der Patienten nach einer Extremitätenverletzung (z.B. Radiusfraktur). Die Schmerzen sind im Vergleich zum erwarteten Heilungsverlauf unangemessen stark und gehen mit sensorischen, motorischen, vegetativen und trophischen Störungen einher.
| Klassifikation | Definition |
|---|---|
| CRPS I | Ohne nachweisbare Verletzung größerer peripherer Nerven (früher: Morbus Sudeck). |
| CRPS II | Mit nachweisbarer Verletzung größerer peripherer Nerven (früher: Kausalgie). |
| Warmes CRPS | Ca. 70 % der Fälle; warme, entzündlich veränderte Haut zu Beginn. |
| Kaltes CRPS | Ca. 30 % der Fälle; kalte, livide Haut; oft schlechtere Prognose. |
Diagnostik
Die Diagnose des CRPS wird rein klinisch nach den Kriterien der IASP (Budapest-Kriterien) gestellt. Alle vier Punkte müssen erfüllt sein:
- Anhaltender Schmerz, der durch das Anfangstrauma nicht mehr erklärt wird.
- Anamnestisch mindestens ein Symptom aus 3 der 4 Kategorien (Sensorik, Vasomotorik, Sudomotorik/Ödem, Motorik/Trophik).
- Bei der Untersuchung mindestens ein Symptom aus 2 der 4 Kategorien.
- Keine andere Erkrankung erklärt die Symptomatik hinreichend.
Apparative Untersuchungen dienen lediglich der Bestätigung bei unklaren Fällen, können ein CRPS aber nicht ausschließen:
| Untersuchung | Befund / Indikation |
|---|---|
| 3-Phasen-Knochenszintigraphie | Bandenförmige gelenknahe Anreicherungen (hohe Spezifität). |
| Hauttemperaturmessung | Seitenunterschiede > 1–2 °C unterstützen die Diagnose. |
| Röntgen (Seitenvergleich) | Nach 4–8 Wochen oft kleinfleckige, osteoporotische Veränderungen. |
| MRT | Geringe Spezifität, nicht zur Diagnosestellung geeignet (Knochenödeme beweisen kein CRPS). |
Therapiealgorithmus
Die Behandlung sollte frühzeitig und multidisziplinär erfolgen.
| Stufe | Therapie | Bemerkung |
|---|---|---|
| A | Physio-/Ergotherapie & orale Schmerztherapie | Basismaßnahme zur Wiedererlangung der Funktion. |
| B | Steroide oder Bisphosphonate | Bei akuter Symptomatik mit Ödem und Temperatursteigerung. |
| C | Psychologische Evaluierung & Therapie | Bei nicht ausreichender Wirksamkeit von A und B. |
| D | Ketamin-Dauerinfusion | Im Einzelfall stationär bei Therapieresistenz (strenge Indikation). |
| E | Invasive Therapien (z.B. SCS, DRG) | Nur durch spezialisierte Einrichtungen bei strenger Indikation. |
Medikamentöse Therapie
| Wirkstoff | Dosis (Erwachsene) | Indikation & Evidenz |
|---|---|---|
| Bisphosphonate (z.B. Alendronat) | 40 mg/Tag p.o. für 8 Wochen | Empfohlen bei CRPS der oberen/unteren Extremität zur Schmerz- und Funktionsverbesserung. |
| Glukokortikoide (z.B. Prednisolon) | ca. 100 mg/Tag p.o. (Ausschleichen über 2-3 Wochen) | Empfohlen bei frühem, entzündlichem CRPS (Rötung, Ödem). Keine Dauertherapie! |
| Gabapentin | 1200–2400 mg/Tag (max. 3600 mg) | Eingeschränkt empfohlen gegen Schmerzen und Sensibilitätsstörungen. |
| Ketamin | ca. 22 mg/h (bei 70 kg) i.v. über 4 Tage | Empfohlen bei Therapieresistenz in erfahrenen Zentren (Missbrauchs- und Hepatotoxizitätsgefahr). |
| N-Acetylcystein (NAC) | 3 x 600 mg/Tag p.o. | Kann bei kaltem CRPS versucht werden (geringe Evidenz, aber nebenwirkungsarm). |
Nicht-medikamentöse Therapie
- Physiotherapie & Ergotherapie: Unverzichtbar zur Wiederherstellung der Funktion und Vermeidung von Kontrakturen. Aktive Mitarbeit ist essenziell.
- Verhaltenstherapeutische Ansätze: Spiegeltherapie, "Graded Motor Imagery" und "Graded Exposure" (EXP) reduzieren Bewegungsangst und normalisieren kortikale Prozesse.
- Psychotherapie: Wichtig bei psychischen Begleiterkrankungen oder ausbleibender Besserung zur Bewältigung von Angst und Kontrollverlust.
Interventionelle Therapie
Invasive Verfahren sind streng indiziert und spezialisierten Zentren vorbehalten:
- Rückenmarksnahe Elektrostimulation (SCS): Bei therapierefraktärem CRPS der unteren Extremität (ohne mechanische Allodynie).
- DRG-Stimulation (Spinalganglien): Alternative zur SCS bei therapierefraktären Fällen der unteren Extremität.
- Sympathikusblockaden: Genereller Einsatz wird nicht empfohlen (fehlende Evidenz). Nur als zeitlich begrenzte Serie bei nachgewiesenem sympathisch unterhaltenem Schmerz.
- Baclofen intrathekal: Bei schweren, konservativ nicht beherrschbaren dystonen Störungen.
Besonderheiten bei Kindern
Bei Kindern hat das CRPS eine sehr gute Prognose. Die Therapie muss durch einen erfahrenen Pädiater begleitet werden. Invasive oder potenziell schädigende Maßnahmen (z.B. Ketamin) sind fast immer kontraindiziert.
💡Praxis-Tipp
Ein Schmerzscore von ≥ 5 auf der NRS eine Woche nach einer distalen Radiusfraktur ist ein wichtiges Warnsignal für ein CRPS. Beginnen Sie frühzeitig mit aktiver, schmerzadaptierter Physiotherapie und vermeiden Sie rein passive, schmerzverstärkende Maßnahmen.