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Myotone Dystrophien & Myotonien: S1-Leitlinie (DGN)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Mexiletin ist als 1. Wahl zur Behandlung nicht dystropher Myotonien zugelassen.
  • Vor und unter der Therapie mit Antimyotonika sind zwingend EKG-Kontrollen erforderlich.
  • Die Diagnosesicherung der Myotonien und Paralysen erfolgt primär molekulargenetisch.
  • Bei myotonen Dystrophien (DM1/DM2) sind regelmäßige kardiologische Kontrollen essenziell.
  • Depolarisierende Muskelrelaxanzien (wie Succinylcholin) sind bei Narkosen streng kontraindiziert.
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Hintergrund

Die Leitlinie umfasst eine Gruppe seltener Ionenkanal- und Skelettmuskelerkrankungen. Diese werden in drei Hauptgruppen unterteilt:

KrankheitsgruppeSubtypen / BeispieleGenetik / Ursache
Myotone DystrophienTyp 1 (DM1), Typ 2 (DM2)Multisystemisch, CTG/CCTG-Repeat-Expansionen
Nicht dystrophe MyotonienChloridkanalmyotonien (Thomsen, Becker), Natriumkanalmyotonien (Paramyotonia congenita)Hereditäre Ionenkanalerkrankungen (CLCN1, SCN4A)
Periodische ParalysenHyperkaliämische, hypokaliämische, normokaliämische Paralyse, Andersen-Tawil-SyndromTransiente Unerregbarkeit der Membran (CACNA1S, SCN4A, KCNJ2/5)

Diagnostik

Die Basisdiagnostik umfasst die klinische Untersuchung, Bestimmung von CK und Transaminasen sowie die EMG-Untersuchung (Nachweis myotoner Entladungsserien). Die endgültige Sicherung erfolgt molekulargenetisch.

ErkrankungObligate DiagnostikGenetik
DM1 / DM2EMG, Augenarzt (Katarakt), EKG/Langzeit-EKG, LungenfunktionDM1: DMPK-Gen (ab 51 CTG-Repeats), DM2: CNBP-Gen (ab 75 CCTG-Repeats)
ChloridkanalmyotonienEMG, CK (max. 5-fach erhöht)CLCN1-Gen
NatriumkanalmyotonienEMG (mit Kühlung bei Paramyotonie), CKSCN4A-Gen
Periodische ParalysenSerumkalium (interiktal/in Attacke), Ruhe-EKG, EMGSCN4A, CACNA1S, KCNJ2/5

Kernaussage: Auch im Zeitalter der Genetik bleibt der klinisch-neurophysiologische Long Exercise Test (LET) sinnvoll, um die abnorme Erregbarkeit des Sarkolemms nachzuweisen.

Therapie der Myotonien

Die Behandlung der myotonen Relaxationsstörung erfolgt symptomatisch. Mexiletin ist seit 2018 in Europa für nicht dystrophe Myotonien zugelassen.

WahlWirkstoffDosierungIndikation
1. WahlMexiletin1-3 × 167 mg/dAlle Myotonieformen
1. WahlLamotrigin50-300 mg/dAlle Myotonieformen
1. WahlAcetazolamid / Dichlorphenamid250-750 mg/d bzw. 50-100 mg/dNur kaliumsensitive Myotonien & periodische Paralysen
2. WahlPropafenon2 × 150-300 mg/dAlle Myotonieformen
2. WahlFlecainid2 × 50-100 mg/dAlle Myotonieformen

Wichtiger Sicherheitshinweis: Vor und unter der Therapie mit Antimyotonika (Klasse-1-Antiarrhythmika) sind zwingend EKG-Kontrollen erforderlich, da diese Erregungsausbreitungsstörungen hervorrufen können.

Therapie der periodischen Paralysen

Die Therapie richtet sich nach dem Kaliumspiegel während der Attacken.

FormAkuttherapie in der AttackeProphylaxe
HyperkaliämischLeichte Bewegung, Kohlenhydrate, Inhalation von ß-Mimetika (Salbutamol), ThiaziddiuretikaAcetazolamid (1. Wahl), Dichlorphenamid, Hydrochlorothiazid
HypokaliämischLeichte Bewegung, Kaliumgabe (oral/i.v.)Kochsalzarme Diät, Carboanhydrasehemmer (Acetazolamid), kaliumsparende Diuretika

Besonderheiten im Klinikalltag

  • Kardiologie: Bei DM1 und DM2 sind jährliche kardiologische Kontrollen zur Erfassung von Rhythmusstörungen essenziell. Ggf. ist eine prophylaktische Schrittmacherversorgung indiziert.
  • Narkose: Depolarisierende Muskelrelaxanzien (wie Succinylcholin) sind streng kontraindiziert, da sie die myotone Symptomatik massiv verstärken (Gefahr der Kiefer-/Thoraxverkrampfung). Hypothermie ist zu vermeiden.

💡Praxis-Tipp

Führen Sie vor und regelmäßig während der Gabe von Antimyotonika wie Mexiletin zwingend EKG-Kontrollen durch. Bei Narkosen von Patienten mit Myotonien ist Succinylcholin streng kontraindiziert!

Häufig gestellte Fragen

Mexiletin (167 mg Kapseln) ist das Medikament der 1. Wahl und offiziell für diese Indikation zugelassen. Alternativ kann Lamotrigin eingesetzt werden.
Depolarisierende Muskelrelaxanzien wie Succinylcholin sind kontraindiziert, da sie zu lebensbedrohlichen Verkrampfungen der Atem- und Kiefermuskulatur führen können.
Die Diagnose wird molekulargenetisch durch den Nachweis einer CTG-Repeat-Expansion (ab 51 Repeats) im DMPK-Gen gesichert.
Es werden jährliche kardiologische Kontrollen (inkl. Langzeit-EKG) empfohlen, um Herzrhythmusstörungen frühzeitig zu erkennen und ggf. einen Schrittmacher zu implantieren.

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