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Therapie des spastischen Syndroms: S2k-Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die Therapieentscheidung basiert auf der individuellen funktionellen Beeinträchtigung und nicht primär auf dem Ausmaß der Muskeltonuserhöhung.
  • Fokale, multifokale und segmentale Spastik wird bevorzugt mit Botulinumtoxin A (BoNT A) behandelt, idealerweise unter Ultraschall- oder EMG-Kontrolle.
  • Orale Antispastika sind primär bei multisegmentaler oder generalisierter Spastik indiziert, wenn physikalische Maßnahmen nicht ausreichen.
  • Gerätegestützte Therapien (z. B. FES-Cycling, ESWT, Vibration) und serielles Casting bieten wirksame nicht-medikamentöse Behandlungsoptionen.
  • Zur Evaluation des Therapieerfolgs sollten standardisierte Assessments für Impairment (z. B. MAS, REPAS) und Funktion (z. B. GAS) kombiniert werden.
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Hintergrund

Das spastische Syndrom (spastische Bewegungsstörung, SMD) ist eine Folge von Läsionen deszendierender motorischer Bahnen des zentralen Nervensystems (ZNS). Es ist Teil des Syndroms des ersten motorischen Neurons (Upper Motor Neuron Syndrome, UMNS). Die muskuläre Hypertonie setzt sich aus einer neurogenen Komponente (erhöhte Erregbarkeit von Alpha-Motoneuronen) und einer nicht-neurogenen Komponente (Veränderungen der Viskoelastizität, Weichteilkontrakturen) zusammen.

Eine spastische Tonuserhöhung per se ist nicht immer behandlungsbedürftig. Die Therapieindikation ergibt sich aus der funktionellen Behinderung, Schmerzen oder drohenden Sekundärkomplikationen.

Klassifikation der Spastik (Topik)

Die Ausbreitung der Spastik ist entscheidend für die differenzialtherapeutische Planung:

TopikBeschreibungPrimäre Therapieoption
Fokale Spastik1-2 eng benachbarte BewegungssegmenteFokale Therapie (BoNT A)
Segmentale SpastikEine Extremität mit mehreren benachbarten SegmentenFokale Therapie (BoNT A)
Multisegmentale SpastikZwei Extremitäten oder Extremität + angrenzender RumpfOrale Medikation / ITB
Generalisierte SpastikMehr als zwei Extremitäten (inkl. Rumpf)Orale Medikation / ITB

Diagnostik und Assessment

Vor jeder symptomatischen Therapie muss nach kausalen Behandlungsmöglichkeiten und Spastik-Triggern (z. B. Schmerzen, Infekte, Harnverhalt) gesucht werden. Zur Evaluation sollten Assessments auf Impairment- und Funktionsebene kombiniert werden (starker Konsens).

Assessment-ZielEmpfohlene Skalen
Passiver Dehnungswiderstand (Impairment)Ashworth-Skala (AS), Modifizierte Ashworth-Skala (MAS), REPAS, Tardieu-Skala
Funktionelle Ziele (Aktiv/Passiv)Goal Attainment Scale (GAS), Disability Assessment Scale (DAS)

Nicht-medikamentöse Therapie

Die Verbesserung aktiver motorischer Funktionen ist ein primäres Selektionskriterium für die Ergo- und Physiotherapie. Eine wirksame Therapie verstärkt die spastische Tonuserhöhung in der Regel nicht.

  • Physiotherapie: Die Bobath-Therapie zeigt keine Überlegenheit gegenüber anderen Standardtherapien. Arm-Basis-Training und Constraint-Induced Movement Therapy (CIMT) können die aktive Funktion verbessern und gleichzeitig den spastischen Tonus reduzieren.
  • Lagerung und Dehnung: Regelmäßige Lagerung in größtmöglicher schmerzfreier Dehnung wird empfohlen (starker Konsens). Statisches Dehnen durch einfaches Lagern reicht oft nicht aus; Lagerungsschienen können die Spastizität der Handgelenksflexoren reduzieren.

Physikalische und gerätegestützte Maßnahmen

MaßnahmeIndikation / ZielEmpfehlung
Serielles CastingKontrakturen (z. B. Sprunggelenk), bevorzugt nach BoNT A-GabeStarker Konsens
TENSBeinspastizität nach SchlaganfallStarker Konsens
FES (Cycling)Beinspastizität, Verbesserung aktiver FunktionenStarker Konsens
ESWT (Stoßwelle)Reduktion der Spastizität, Verbesserung passiver BeweglichkeitStarker Konsens
KinesiotapingSchulterschmerzen bei Subluxation nach SchlaganfallStarker Konsens
Fokale VibrationSpastizität an den oberen Extremitäten nach SchlaganfallStarker Konsens

Medikamentöse Therapie

Die medikamentöse Therapie ist in ein therapeutisches Gesamtkonzept einzubetten.

TherapieformIndikationBemerkung
Botulinumtoxin A (BoNT A)Fokale, multifokale, segmentale SpastikMittel der 1. Wahl. Bessere Nutzen-Risiko-Relation als orale Medikamente. Ultraschall/EMG-Kontrolle zur Injektion empfohlen.
Orale AntispastikaMultisegmentale, generalisierte SpastikNur wenn physikalische Therapie unzureichend. Einschleichende Dosierung.
Nabiximols (THC/CBD)Spastik-Symptome bei Multipler SkleroseStarker Konsens für den Einsatz bei Erwachsenen mit MS.
Intrathekales Baclofen (ITB)Schwere multisegmentale/generalisierte SpastikBei unzureichender Wirkung oraler Medikation. Erfordert erfahrenes Team und Langzeit-Versorgungsprogramm.

Operative Verfahren

Nach Ausschöpfung konservativer und reversibler Behandlungsmethoden können operative Verfahren (Neurotomien, muskulotendinöse Verlängerungen, Muskel-Sehnen-Transfers) im Rahmen einer interdisziplinären Abstimmung erwogen werden (starker Konsens).

💡Praxis-Tipp

Kombinieren Sie Botulinumtoxin-Injektionen gezielt mit adjuvanten Maßnahmen wie seriellem Casting oder strukturierter Physiotherapie, um die tonussenkende Wirkung zu verstärken und Kontrakturen effektiv zu behandeln.

Häufig gestellte Fragen

Wenn eine alltagsrelevante Spastizität (mit Beeinträchtigung aktiver oder passiver Funktionen) trotz adäquater physikalischer und therapeutischer Maßnahmen nicht ausreichend kontrolliert werden kann.
Bei fokaler, multifokaler und segmentaler Spastik hat die Injektionsbehandlung mit Botulinumtoxin A (BoNT A) das beste Nutzen-Risiko-Verhältnis und sollte vor oralen Antispastika eingesetzt werden.
Zur Messung des passiven Dehnungswiderstands eignen sich die (modifizierte) Ashworth-Skala, REPAS oder die Tardieu-Skala. Funktionelle Ziele sollten z. B. mit der Goal Attainment Scale (GAS) erfasst werden.
Nein, Studien zeigen, dass die Behandlung nach Bobath anderen Standardtherapien bezüglich Sensomotorik und Alltagsaktivitäten nicht überlegen ist.
Primär sollten das spastische Muster, die Behandlungsziele, die Zielmuskeln und die Dosis reevaluiert werden. Gegebenenfalls ist eine Untersuchung auf neutralisierende Antikörper indiziert.

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