Perioperative Versorgung bei Frailty: AWMF S3-Leitlinie
Hintergrund
Frailty (Gebrechlichkeit) ist ein eigenständiges, klinisch relevantes Syndrom. Es ist durch verminderte physiologische Reserven und eine reduzierte Widerstandsfähigkeit gegenüber Stressoren gekennzeichnet.
Im perioperativen Kontext geht Frailty mit einem signifikant erhöhten Risiko für postoperative Komplikationen, einer verlängerten Rekonvaleszenz und einer erhöhten Mortalität einher. Die frühzeitige Erkennung ist daher für die Behandlungsplanung essenziell.
Da Frailty kein statisches, sondern ein modifizierbares Risikoprofil darstellt, können gezielte Interventionen den klinischen Verlauf positiv beeinflussen. Die AWMF S3-Leitlinie bietet hierfür strukturierte Handlungsempfehlungen für das interprofessionelle Behandlungsteam.
Empfehlungen
Die AWMF-Leitlinie formuliert folgende Kernempfehlungen für die perioperative Versorgung:
Screening und Diagnostik
Es wird empfohlen, alle perioperativen Personen ab 70 Jahren zur Risikoeinschätzung auf das Vorliegen einer Frailty zu screenen (starke Empfehlung). Das Screening sollte frühestmöglich erfolgen, idealerweise bereits bei der Indikationsstellung zur Operation.
Für die Erfassung formuliert die Leitlinie folgende Präferenzen hinsichtlich der Instrumente:
| Assessment-Instrument | Empfohlener Einsatzbereich | Erfasste Domänen |
|---|---|---|
| Clinical Frailty Scale (CFS) | Bevorzugtes Standard-Screening (starke Empfehlung) | Klinische Gesamteinschätzung |
| Fried-Kriterien | Weiterführende Diagnostik bei elektiven Eingriffen | Physischer Phänotyp |
| Kognitives Screening | Zwingende Ergänzung zu den Fried-Kriterien | Kognitive Funktion |
Bei einem positiven Screening-Ergebnis wird eine Evaluierung durch ein multidisziplinäres Team angeraten. So können Verbesserungspotenziale vor der Operation optimal genutzt werden.
Prähabilitation
Es wird vorgeschlagen, bei Vorliegen von Frailty vor abdominal-, kardio- oder thoraxchirurgischen Eingriffen sowie vor Hüft-TEPs eine multimodale Prähabilitation anzubieten.
Laut Leitlinie sollte diese Prähabilitation folgende Elemente umfassen:
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Ein körperliches Training bestehend aus Kraft- und Ausdauertraining (starke Empfehlung)
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Nach individueller Notwendigkeit ergänzende Ernährungstherapie
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Atemtherapie oder psychosoziale Interventionen bei entsprechendem Bedarf
Perioperatives Management und OP-Entscheidung
Die Entscheidung zur Durchführung einer Operation sollte nach differenzierter Risikoerhebung und dem Prinzip der geteilten Entscheidungsfindung (Shared Decision Making) getroffen werden (starke Empfehlung). Das Ergebnis des Frailty-Assessments ist dabei zwingend in die Entscheidungsfindung einzubeziehen (starke Empfehlung).
Für die perioperative Phase wird die Anwendung von ERAS- (Enhanced Recovery After Surgery), Fast-track- oder mPOM-Konzepten vorgeschlagen. Zudem wird der Einsatz von Comprehensive Geriatric Care-Modellen angeraten, um das Risiko eines postoperativen Delirs zu senken.
Postoperative Versorgung und Rehabilitation
Auf der Intensivstation wird eine standardisierte Dokumentation von Analgesie, Sedierung, Angst und Delir mindestens einmal pro Schicht empfohlen (starke Empfehlung). Die elektive Aufnahme auf eine Intensivstation sollte jedoch einer strengen Nutzen-Risiko-Bewertung unterzogen werden.
Für die Mobilisation und Nachsorge gelten folgende Leitlinienvorgaben:
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Eine (Früh-)Mobilisation auf der Intensivstation wird vorgeschlagen, wobei zumindest die sitzende Position erreicht werden sollte
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Postoperativ sollte die Möglichkeit einer stationären Rehabilitationsmaßnahme systematisch geprüft werden
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Die Einbindung von An- und Zugehörigen in die Planung und Umsetzung der perioperativen Prozesse wird ausdrücklich empfohlen (starke Empfehlung)
💡Praxis-Tipp
Laut Leitlinie sollte der Frailty-Status bei Notfallpatienten nicht anhand des akuten Zustands bewertet werden. Es wird empfohlen, den Gesundheitszustand der Person etwa 14 Tage vor dem Akutereignis zu erheben, um Verzerrungen durch die akute Erkrankung zu vermeiden. Zudem stellt das chronologische Alter allein keine Kontraindikation für minimalinvasive oder komplexe chirurgische Verfahren dar.
Häufig gestellte Fragen
Die Leitlinie empfiehlt bevorzugt die Anwendung der Clinical Frailty Scale (CFS) für das perioperative Screening. Dieses Instrument zeichnet sich durch eine hohe Praktikabilität und prädiktive Aussagekraft aus.
Es wird empfohlen, alle perioperativen Personen ab einem Alter von 70 Jahren systematisch auf das Vorliegen einer Frailty zu screenen. Dies dient der frühzeitigen Risikoeinschätzung und der Einleitung präventiver Maßnahmen.
Laut Leitlinie muss eine Prähabilitation zwingend ein körperliches Training aus Kraft- und Ausdauerelementen beinhalten. Ergänzend werden je nach individuellem Bedarf Ernährungstherapie, Atemtherapie und psychosoziale Interventionen vorgeschlagen.
Die Leitlinie empfiehlt, den aktuellen Grad von Delir, Analgesie, Sedierung und Angst standardisiert mindestens einmal pro Schicht zu dokumentieren. In der Regel entspricht dies einem 8-stündlichen Intervall.
Es wird vorgeschlagen, die elektive Aufnahme von Personen mit Frailty auf eine Intensivstation einer strengen Nutzen-Risiko-Bewertung zu unterziehen. Die Zielsetzung und Intensität der Therapie sollten im Vorfeld im Rahmen eines Shared Decision Making besprochen werden.
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Quelle: S3-Leitlinie Perioperative Versorgung von Patient:innen mit Frailty (S3) (AWMF). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.