Geriatrisches Assessment (CGA): S3-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Ein CGA erfasst medizinische, psychosoziale und funktionelle Defizite sowie Ressourcen geriatrischer Patienten.
- •Es muss mindestens die Dimensionen Selbsthilfefähigkeit, Mobilität, Kognition, Affekt, Ernährung und soziale Situation umfassen.
- •Die Durchführung sollte interprofessionell erfolgen und mindestens 15 Minuten in Anspruch nehmen.
- •In der Onkologie senkt ein CGA vor systemischer Krebstherapie das Risiko für schwere Therapie-Toxizitäten.
- •In der Notaufnahme wird ein multidimensionales Screening zur Identifikation von Risikopatienten empfohlen.
Hintergrund
Ältere Menschen haben im Krankenhaus ein hohes Risiko für krankenhausbedingte Behinderungen (hospital-acquired disabilities, HAD), die mit Funktionsverlust, höheren Kosten und erhöhter Mortalität einhergehen. Das umfassende geriatrische Assessment (Comprehensive Geriatric Assessment, CGA) gilt als Goldstandard, um medizinische, funktionelle, psychologische und soziale Probleme frühzeitig zu erkennen. Es ist ein mehrdimensionaler, interdisziplinärer Prozess, der Defizite und Ressourcen erfasst und in einen individuellen Behandlungsplan überführt.
Indikation und Screening
Die Indikation zum CGA soll anhand der Definition geriatrischer Patienten (Alter, geriatrietypische Multimorbidität, Selbsthilfefähigkeit) oder durch validierte Screening-Instrumente gestellt werden (Empfehlungsgrad A).
| Setting | Empfohlene Screening-Instrumente |
|---|---|
| Notaufnahme | ISAR-Test, Geriatrie-Check BW, Clinical Frailty Scale (CFS) |
| Onkologie | G8-Index, VES-13, PRISMA-7 |
| Allgemein | Geriatrisches Screening nach Lachs, GeriNOT |
Dimensionen des CGA
Ein CGA geht über die reine Organfunktion hinaus und erfasst Syndrome. Folgende Dimensionen sind definiert:
| Kategorie | Dimensionen |
|---|---|
| Obligat (Mindestanforderung) | Selbsthilfefähigkeit, Mobilität, kognitive Funktion (inkl. Delir), Affekt, Ernährung, soziale Situation |
| Fakultativ (Erweiterung) | Sensorik, Dysphagie, Kommunikationsfähigkeit, Inkontinenz, Schmerz, Schlaf, Sucht, Spiritualität, Multimorbidität, Polypharmazie |
Durchführung und Team
Die Durchführung des CGA und die Umsetzung des Behandlungsplans sollten durch ein interprofessionelles Team erfolgen (Empfehlungsgrad B). Dieses besteht aus Pflegefachpersonen, Therapeuten, sozialen Diensten und Ärzten mit geriatrischer Qualifikation. Patienten und deren Bezugspersonen sind aktiv einzubinden.
- Dauer: Ein CGA sollte mindestens 15 Minuten dauern, um therapierelevante Aussagen treffen zu können (Empfehlungsgrad B).
Setting-spezifische Empfehlungen
Notaufnahme
In der Notaufnahme sollte ein multidimensionales Screening durchgeführt werden, um den weiteren CGA-Bedarf zu ermitteln (Empfehlungsgrad B). Die Auswahl des Screenings sollte sich an den "5Ms of Geriatrics" orientieren:
- Mind: Demenz, Delir, Depression
- Mobility: Beweglichkeit, Sturzrisiko
- Medications: Polypharmazie
- Multi-complexity: Vielseitige Bedürfnisse
- Matters most: Wünsche und Präferenzen des Patienten
Onkologie
Ältere onkologische Patienten sollten ein Screening mittels G8-Fragebogen erhalten (Empfehlungsgrad B).
- Indikation zur Therapieanpassung: Patienten ≥ 65 Jahre mit einem G8-Score ≤ 14 Punkte, geriatrische Patienten sowie alle Patienten ≥ 70 Jahre sollten vor einer systemischen Krebstherapie ein CGA erhalten (Empfehlungsgrad B).
- Ziel: Reduktion des Risikos von Therapie-assoziierter Toxizität (CTCAE Grad 3 oder höher). Ein CGA verzögert den Beginn der Krebstherapie wahrscheinlich nicht.
Orthogeriatrie
Bei Patienten mit hüftgelenknahen Frakturen, die im Screening als geriatrisch identifiziert wurden, sollte ein CGA durchgeführt werden (Empfehlungsgrad B). Dies kann die Institutionalisierungsrate reduzieren, die Funktionsfähigkeit erhalten und Komplikationen (wie ein Delir) vermindern.
Akutgeriatrie
Im akutgeriatrischen Setting soll ein CGA durchgeführt werden, das alle therapierelevanten Dimensionen beinhaltet (Empfehlungsgrad A). Dies verbessert relevante Endpunkte wie das Leben zuhause, Aktivitäten des täglichen Lebens und senkt das Risiko für eine Institutionalisierung.
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie in der Notaufnahme Kurz-Screenings wie den ISAR-Test, um geriatrische Risikopatienten schnell zu identifizieren. Planen Sie für das eigentliche CGA im weiteren Verlauf mindestens 15 Minuten ein, um therapierelevante Aussagen treffen zu können.