Schmerzmanagement in der Geriatrie: GeriPAIN (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Ein Schmerzscreening sollte innerhalb der ersten 24 Stunden nach Erstkontakt mit dem Gesundheitswesen erfolgen.
- •Das Schmerzassessment beginnt immer mit der Selbstauskunft und wird bei kognitiven Einschränkungen durch eine Fremdeinschätzung ergänzt.
- •Analgetika sollen in niedriger Dosierung begonnen und langsam gesteigert werden (Start low, go slow).
- •Ein interprofessionelles Medikamentenreview wird zur Prüfung der Angemessenheit der Therapie empfohlen.
- •Geriatrische Patienten und ihre Angehörigen sollen aktiv in die gemeinsame Entscheidungsfindung einbezogen werden.
Hintergrund
Die S3-Leitlinie GeriPAIN adressiert das Schmerzmanagement bei geriatrischen Patienten in allen Versorgungssettings. Diese Patientengruppe ist durch geriatrietypische Multimorbidität und ein höheres Lebensalter (in der Regel ab 70 Jahren, ab 80 Jahren immer geriatrisch) gekennzeichnet. Aufgrund eingeschränkter Reservekapazitäten sind diese Patienten besonders vulnerabel für Komplikationen, Chronifizierung und den Verlust der Selbstbestimmung.
Gemeinsame Entscheidungsfindung
Geriatrische Patienten und ihre Angehörigen sollten (⇑) aktiv in alle Aspekte des Schmerzmanagements einbezogen werden. Im Rahmen der gemeinsamen Entscheidungsfindung soll (⇑⇑) der mögliche Nutzen und Schaden einer nicht-medikamentösen und/oder medikamentösen Schmerztherapie besprochen werden. Dabei müssen häufige Ängste (z. B. vor Abhängigkeit, Nebenwirkungen oder Stigmatisierung) aktiv adressiert werden.
Versorgungskontinuität
Um Versorgungsbrüche zu vermeiden, ist eine strukturierte interprofessionelle Zusammenarbeit essenziell:
- Kommunikation: Die Kommunikation zwischen den beteiligten Professionen soll (⇑⇑) strukturiert erfolgen.
- Dokumentation: Alle relevanten Informationen müssen an einer eindeutig definierten Stelle für alle Beteiligten zugänglich dokumentiert werden.
- Medikamentenreview: Ein Review zwischen verschreibendem Arzt und weiteren Professionen sollte (⇑) durchgeführt werden, um die Medikation anzupassen.
- Schulung: Alle an der Versorgung Beteiligten sollen (⇑⇑) regelmäßige Schulungen zum Schmerzmanagement erhalten.
Schmerzerfassung
Der diagnostische Prozess wird in drei aufeinanderfolgende Stufen unterteilt:
| Stufe | Zeitpunkt / Indikation | Ziel / Maßnahme |
|---|---|---|
| 1. Screening | Innerhalb 24h nach Erstkontakt oder anlassbezogen | Dichotome Erfassung (Schmerz vorhanden: ja/nein). Bei positivem Ergebnis folgt das Assessment. |
| 2. Assessment | Zeitnah bei positivem Screening | Mehrdimensionale Erfassung von Intensität, Lokalisation und Verhalten. |
| 3. Verlaufserfassung | Bei bestehenden Schmerzen oder laufender Therapie | Evaluation von Maßnahmen, Nebenwirkungen und stabilisierenden/destabilisierenden Faktoren. |
Besonderheiten im Schmerzassessment
Das Assessment soll (⇑⇑) immer mit der Selbstauskunft der Patienten beginnen. Bei vorliegender oder vermuteter kognitiver Beeinträchtigung (z. B. Demenz) soll (⇑⇑) eine zusätzliche systematische Fremdeinschätzung erfolgen (z. B. mittels BESD, BISAD oder PAIC 15).
Wichtige Grundregeln für das Assessment:
- Erfassung sowohl in Ruhe als auch in Aktivitätssituationen (z. B. bei der Pflege).
- Nutzung von patienteneigenen Worten und Schmerzzeichnungen zur Lokalisation.
- Berücksichtigung von non- und paraverbalem Schmerzverhalten (z. B. schmerzhafter Gesichtsausdruck, schützendes Verhalten, Unruhe).
- Erfassung von Schmerzhistorie, Komorbiditäten und aktueller Schmerzmedikation.
Therapieprinzipien
Medikamentöse Therapie
Aufgrund altersphysiologischer Veränderungen und Multimorbidität besteht ein erhöhtes Risiko für unerwünschte Arzneimittelwirkungen.
- Dosierung: Die Therapie mit Analgetika und Co-Analgetika soll (⇑⇑) in niedriger Dosierung begonnen und bei individueller Notwendigkeit langsam gesteigert werden.
- Monitoring: Wirksamkeit und Verträglichkeit sollen (⇑⇑) engmaschig kontrolliert werden. Ein verzögerter Eintritt von Nebenwirkungen ist zu bedenken.
Nicht-medikamentöse Therapie
- Körperliche Aktivierung: Ohne oder mit Unterstützung therapeutischer Interventionen soll (⇑⇑) körperliche Aktivierung bei muskuloskelettalen Schmerzen zur Reduktion der Schmerzintensität und Verbesserung der Funktionalität angewandt werden.
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie bei Patienten mit Demenz systematische Fremdeinschätzungsinstrumente (wie BESD oder BISAD) und achten Sie gezielt auf nonverbale Schmerzzeichen wie Abwehrverhalten bei der Pflege, veränderte Mimik oder plötzliche Unruhe.