Lagerung & Mobilisation Intensivstation: S3-Leitlinie AWMF
📋Auf einen Blick
- •Frühmobilisation sollte innerhalb von 72 Stunden nach Intensivaufnahme gestartet werden.
- •Bauchlagerung (≥ 12-16h) ist bei ARDS mit PaO2/FiO2 < 150 mmHg stark empfohlen.
- •Intubierte Patienten sollten zur VAP-Prophylaxe eine Oberkörperhochlagerung von ≥ 40° erhalten.
- •Von der kontinuierlichen lateralen Rotationstherapie (KLRT) wird abgeraten.
- •Mobilisation ist auch unter ECMO und Nierenersatzverfahren (CRRT) nach Teamabsprache indiziert.
Hintergrund
Die S3-Leitlinie "Lagerungstherapie und Mobilisation von kritisch Erkrankten auf Intensivstationen" (AWMF) definiert evidenzbasierte Standards für die Positionierung und Frühmobilisation. Ziel ist die Reduktion von Komplikationen wie der beatmungsassoziierten Pneumonie (VAP) und die Verbesserung des klinischen Outcomes.
Lagerungstherapie
Die Wahl der richtigen Lagerung hat signifikante Auswirkungen auf die pulmonale und hämodynamische Situation des Patienten.
| Lagerungsform | Empfehlung | Bemerkung |
|---|---|---|
| Oberkörperhochlagerung (≥ 40°) | Stark empfohlen | Bei intubierten Patienten zur VAP-Prophylaxe. Dekubitusrisiko beachten. |
| Flache Rückenlage | Stark abgeraten | Regelmäßige Modifikation der Lagerung erforderlich. |
| Kontinuierliche laterale Rotation (KLRT) | Schwach abgeraten | Führt zu mehr Agitation und längerer Beatmungsdauer. |
| Seitenlagerung (90°) | Schwach empfohlen | Bei unilateraler Lungenschädigung: gesunde Seite nach unten ("good lung down"). |
- Erhöhter intrakranieller Druck (ICP): Oberkörper so lagern, dass der günstigste Effekt auf den zerebralen Perfusionsdruck entsteht.
- Erhöhter intraabdomineller Druck: Anti-Trendelenburg-Lagerung bevorzugen, um eine weitere Druckerhöhung durch Beugung der Hüfte zu vermeiden.
Bauchlagerung beim ARDS
Die Bauchlagerung ist eine zentrale Säule der lungenprotektiven Beatmung beim schweren ARDS.
| Parameter | Kriterium / Empfehlung |
|---|---|
| Indikation | Invasiv beatmete Patienten mit ARDS und PaO2/FiO2 < 150 mmHg |
| Zeitpunkt | Frühzeitig erwägen und unverzüglich umsetzen |
| Dauer | Mindestens 12 h, vorzugsweise 16 h |
| Beendigung | Bei anhaltender Besserung in Rückenlage (4h nach Rücklagerung: PaO2/FiO2 ≥ 150, PEEP ≤ 10, FiO2 ≤ 0,6) |
| Awake Proning | Stark empfohlen bei nicht-invasiv beatmeten COVID-19 Patienten |
- Komplette Bauchlagerung (180°) ist der inkompletten vorzuziehen.
- Risiken: Gefährdete Stellen für Druckulzera (z.B. Jochbein, Kinn, Thorax) müssen sorgfältig geprüft werden.
- Hämodynamik: Der Einsatz von Katecholaminen ist keine Kontraindikation für die Bauchlagerung.
Frühmobilisation
Die Mobilisation sollte so früh wie möglich beginnen, um funktionellen Einbußen vorzubeugen.
- Start: Innerhalb von 72 Stunden nach Aufnahme auf die Intensivstation.
- Intensität: Starke Empfehlung für eine schrittweise Mobilisierung auf die höchstmögliche Stufe.
- Spezielle Patientengruppen: Auch Patienten mit kontinuierlicher Nierenersatztherapie (CRRT) oder ECMO-Therapie sollen nach Absprache im interprofessionellen Team mobilisiert werden.
- Zusatzmaßnahmen: Neuromuskuläre Elektrostimulation (NMES) kann im Rahmen der Frühmobilisation erwogen werden.
- Integration: Einbindung in ein Maßnahmenbündel (z.B. ABCDEF-Bundle) wird stark empfohlen.
Abbruchkriterien der Mobilisation
Eine Mobilisierungseinheit sollte pausiert oder abgebrochen werden, wenn eine Gefährdung auftritt:
| Parameter | Grenzwert für Pausierung/Abbruch |
|---|---|
| SpO2 | Abfall < 86% |
| Herzfrequenz | Anstieg > 30 % vom Ausgangswert |
| Systolischer Blutdruck | Anstieg ≥ 40 mmHg |
| Diastolischer Blutdruck | Anstieg ≥ 20 mmHg |
| Mittlerer arterieller Druck (MAP) | < 60 mmHg |
| Klinische Zeichen | Neu aufgetretene Rhythmusstörungen, Bewusstseinsverschlechterung, unkontrollierbare Schmerzen |
💡Praxis-Tipp
Integrieren Sie die Frühmobilisation in ein tägliches Maßnahmenbündel (z.B. ABCDEF-Bundle) und mobilisieren Sie Patienten nach interprofessioneller Absprache auch unter laufender ECMO- oder CRRT-Therapie.