S1-Leitlinie Internetnutzungsstörungen (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die Computerspielstörung (Gaming Disorder) ist in der ICD-11 offiziell als Suchterkrankung (6C51) anerkannt.
- •Für alle Unterformen der Internetnutzungsstörungen wird primär eine störungsspezifische kognitive Verhaltenstherapie (KVT) empfohlen.
- •Bei Kindern und Jugendlichen sollen Eltern und Angehörige zwingend in die Behandlung einbezogen werden.
- •Für das Screening stehen spezifische validierte Fragebögen (z.B. CIUS, IGDS9-SF, SMDS) zur Verfügung.
- •Eine rein medikamentöse Therapie wird bei der Shoppingstörung explizit nicht empfohlen.
Hintergrund
Die Nutzung des Internets ist für die meisten Menschen unproblematisch, kann jedoch bei einem Teil der Nutzer zu schwerwiegenden psychischen, sozialen und finanziellen Problemen führen. Der Begriff Internetnutzungsstörungen (INS) dient als Oberbegriff für verschiedene Formen der suchtartigen Nutzung.
In der ICD-11 werden diese Störungen wie folgt klassifiziert:
| Störung | Abkürzung | ICD-11 Kodierung |
|---|---|---|
| Computerspielstörung | CSS | 6C51 (Gaming Disorder) |
| Soziale-Netzwerke-Nutzungsstörung | SNS | 6C5Y (Andere spezifizierte Störungen) |
| Unspezifische Verhaltenssucht | UVS | 6C5Z (Unspezifizierte Störungen) |
Die Glücksspielstörung (6C50) ist ebenfalls anerkannt, wird in dieser Leitlinie jedoch aufgrund einer separaten Evidenzbasis ausgeklammert.
Diagnostische Kriterien (ICD-11)
Für die Diagnosestellung der Computerspielstörung nach ICD-11 müssen folgende Kriterien erfüllt sein:
- Verminderte Kontrolle über das Spielverhalten (z.B. Dauer, Intensität, Kontext).
- Steigende Priorität des Spielens und Vernachlässigung anderer Alltagsaktivitäten.
- Fortsetzung oder Eskalation trotz des Erlebens negativer Konsequenzen (z.B. schulische oder berufliche Probleme).
- Zwingend erforderlich: Das Verhalten führt zu funktionellen Beeinträchtigungen im Alltag und/oder signifikantem Leidensdruck.
Screening und Diagnostik
Für das Screening in der Praxis werden spezifische validierte Instrumente empfohlen. Für die weiterführende Diagnostik sollte das Strukturierte Klinische Interview zu Internetbezogenen Störungen (AICA-SKI:IBS) oder das vollstrukturierte I-CAT eingesetzt werden.
| Störungsbild | Empfohlene Screening-Instrumente | Spezifisch für Kinder/Jugendliche |
|---|---|---|
| INS (generisch) | CIUS, OSV-S | - |
| Computerspielstörung (CSS) | IGDS9-SF, GDT | CSAS, GADIS |
| Soziale-Netzwerke (SNS) | SMDS | SOMEDIS |
| Shoppingstörung (ShS) | PBS, COSS | - |
| Pornografie (PNS) | BPS, PPCS-6 | - |
Therapieempfehlungen
Die Basis der Behandlung bildet bei allen Unterformen die störungsspezifische kognitive Verhaltenstherapie (KVT). Bei der Behandlung von Kindern und Jugendlichen sollen Eltern und Angehörige miteinbezogen werden.
| Störungsbild | Psychotherapie & Ergänzungen | Medikamentöse Therapie (Ergänzend) |
|---|---|---|
| INS (allgemein) | KVT, Entspannungsverfahren, Sport-/Bewegungstherapie, Elektroakupunktur | Bupropion kann erwogen werden |
| Computerspielstörung | KVT | Bupropion, Escitalopram; bei ADHS: Atomoxetin |
| Soziale Netzwerke | KVT, Modifikation kognitiver Verzerrungen, (teil-)abstinenzorientierte Verfahren | Keine spezifische Empfehlung |
| Shoppingstörung | KVT | Keine rein medikamentöse Behandlung! |
| Pornografie | KVT | SSRI (wenn Psychotherapie nicht den erwünschten Effekt zeigt) |
Frühintervention
Für die Frühintervention bei Internetnutzungsstörungen sollen indizierte Präventionsmaßnahmen mit kognitiv-verhaltenstherapeutischen Elementen angeboten werden. Diese Maßnahmen sollen bevorzugt direkt in Bildungseinrichtungen stattfinden.
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie für das erste Screening im Praxisalltag validierte Kurzfragebögen wie den CIUS (generisch) oder den IGDS9-SF (Computerspiele). Beziehen Sie bei minderjährigen Patienten stets die Eltern in die Anamnese und Therapie ein.