Borderline-Persönlichkeitsstörung: S3-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die Diagnostik einer BPS soll bereits bei Jugendlichen ab 12 Jahren erfolgen, wenn die Kriterien erfüllt sind.
- •Strukturierte, BPS-spezifische Psychotherapie (z.B. DBT, MBT) ist die primäre Behandlungsmethode.
- •Medikamente stellen nicht die primäre Therapie dar und sollen nicht standardmäßig eingesetzt werden.
- •Die Diagnose soll den Betroffenen transparent mitgeteilt und Behandlungsoptionen aufgezeigt werden.
- •Die Behandlung soll primär im ambulanten Setting stattfinden; unspezifische stationäre Aufenthalte sind zu vermeiden.
Hintergrund
Die Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) weist in der Allgemeinbevölkerung eine Prävalenz von ca. 0,7 bis 2,7 % auf. In klinischen Settings ist sie mit ca. 10 % (ambulant) bis 20 % (stationär) deutlich häufiger anzutreffen. Entgegen früherer Annahmen ist die Prognose oft günstig: Verlaufsstudien zeigen, dass nach 16 Jahren 99 % der ehemals stationär Behandelten die Diagnosekriterien nicht mehr erfüllen, wenngleich psychosoziale Einschränkungen oft persistieren.
Indikation zur Diagnostik
Eine fachgerechte Abklärung einer BPS-Diagnose soll bei Erwachsenen und Jugendlichen ab 12 Jahren erwogen werden, wenn mindestens eines der folgenden Charakteristika vorliegt:
- Wiederholtes suizidales oder selbstverletzendes/selbstschädigendes Verhalten
- Erhebliche emotionale Instabilität
- Gleichzeitiges Vorliegen mehrerer psychischer Störungsbilder
- Kein befriedigender Behandlungserfolg durch bisherige Therapien
- Sehr/stark beeinträchtigtes psychosoziales Funktionsniveau
Sobald die Diagnose feststeht, soll sie den Betroffenen transparent mitgeteilt werden, wobei wirksame Behandlungsmöglichkeiten zu betonen sind (starke Empfehlung).
Diagnosekriterien und Klassifikation
Die Diagnosestellung sollte durch validierte, halbstrukturierte Interviews unterstützt werden. Die Klassifikationssysteme unterscheiden sich in ihrer Systematik:
| System | Konzept | Kriterien/Typen |
|---|---|---|
| ICD-10 | Emotional instabile Persönlichkeitsstörung (F60.3) | Unterteilung in Impulsiver Typus (F60.30) und Borderline-Typus (F60.31) |
| DSM-5 | Borderline-Persönlichkeitsstörung (301.83) | Kategorial: Mindestens 5 von 9 spezifischen Kriterien müssen erfüllt sein |
| ICD-11 | Dimensionale Diagnostik (6D10 / 6D11.5) | Schweregradeinteilung (leicht, mäßig, schwer) plus Zusatzmerkmal Borderline-Muster |
Therapie
Die primäre Behandlung der BPS ist psychotherapeutisch. Medikamente spielen eine untergeordnete Rolle.
Psychotherapie
- Strukturierte, BPS-spezifische Psychotherapie: Soll allen Patientinnen und Patienten angeboten werden (Empfehlungsgrad A).
- Frequenz: Sollte nach Möglichkeit eine Sitzung pro Woche nicht unterschreiten (Empfehlungsgrad B).
- Spezifische Verfahren: Wenn die Reduktion schwerwiegenden selbstverletzenden oder suizidalen Verhaltens im Fokus steht, soll Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) oder Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT) angeboten werden (Empfehlungsgrad A).
- Psychoedukation: Soll fester Bestandteil der Therapie sein (Empfehlungsgrad A).
Medikamentöse Therapie
Medikamentöse Interventionen sollen nicht die primäre Therapie darstellen (Empfehlungsgrad A).
| Prinzip | Empfehlung | Bemerkung |
|---|---|---|
| Stellenwert | Soll nicht anstelle besser geeigneter Interventionen eingesetzt werden | Psychotherapie nicht standardmäßig durch Medikamente ergänzen |
| Polypharmazie | Soll vermieden oder reduziert werden | So wenige Präparate wie möglich einsetzen |
| Symptomkontrolle | Kann zeitlich begrenzt erwogen werden | Zur Behandlung umschriebener Symptome oder in akuten Krisen |
| Sicherheit | Sollte auf Abhängigkeitspotenzial verzichten | Toxische Präparate wegen Suizidrisiko nur sehr zurückhaltend verschreiben |
Versorgungssetting
Im Allgemeinen soll die Behandlung ambulant durchgeführt werden (Empfehlungsgrad A). Stationäre oder teilstationäre Behandlungen sollten spezifischen Indikationen vorbehalten bleiben:
- Kurzzeitige psychiatrische Krisenintervention (z.B. akute Eigen-/Fremdgefährdung)
- Länger dauernde, zeitlich definierte störungsspezifische elektive Behandlungsprogramme
Längere unspezifische stationäre Aufenthalte ohne strukturierte störungsspezifische Angebote sollen vermieden werden (Empfehlungsgrad A).
💡Praxis-Tipp
Kommunizieren Sie die BPS-Diagnose transparent und betonen Sie die guten Behandlungsmöglichkeiten. Vermeiden Sie Polypharmazie und setzen Sie Medikamente nicht als Ersatz für Psychotherapie ein.