ClariMedClariMed
AWMFS32022Psychiatrie

Borderline-Persönlichkeitsstörung: S3-Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die Diagnostik einer BPS soll bereits bei Jugendlichen ab 12 Jahren erfolgen, wenn die Kriterien erfüllt sind.
  • Strukturierte, BPS-spezifische Psychotherapie (z.B. DBT, MBT) ist die primäre Behandlungsmethode.
  • Medikamente stellen nicht die primäre Therapie dar und sollen nicht standardmäßig eingesetzt werden.
  • Die Diagnose soll den Betroffenen transparent mitgeteilt und Behandlungsoptionen aufgezeigt werden.
  • Die Behandlung soll primär im ambulanten Setting stattfinden; unspezifische stationäre Aufenthalte sind zu vermeiden.
Frage zu dieser Leitlinie stellen...

Hintergrund

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) weist in der Allgemeinbevölkerung eine Prävalenz von ca. 0,7 bis 2,7 % auf. In klinischen Settings ist sie mit ca. 10 % (ambulant) bis 20 % (stationär) deutlich häufiger anzutreffen. Entgegen früherer Annahmen ist die Prognose oft günstig: Verlaufsstudien zeigen, dass nach 16 Jahren 99 % der ehemals stationär Behandelten die Diagnosekriterien nicht mehr erfüllen, wenngleich psychosoziale Einschränkungen oft persistieren.

Indikation zur Diagnostik

Eine fachgerechte Abklärung einer BPS-Diagnose soll bei Erwachsenen und Jugendlichen ab 12 Jahren erwogen werden, wenn mindestens eines der folgenden Charakteristika vorliegt:

  • Wiederholtes suizidales oder selbstverletzendes/selbstschädigendes Verhalten
  • Erhebliche emotionale Instabilität
  • Gleichzeitiges Vorliegen mehrerer psychischer Störungsbilder
  • Kein befriedigender Behandlungserfolg durch bisherige Therapien
  • Sehr/stark beeinträchtigtes psychosoziales Funktionsniveau

Sobald die Diagnose feststeht, soll sie den Betroffenen transparent mitgeteilt werden, wobei wirksame Behandlungsmöglichkeiten zu betonen sind (starke Empfehlung).

Diagnosekriterien und Klassifikation

Die Diagnosestellung sollte durch validierte, halbstrukturierte Interviews unterstützt werden. Die Klassifikationssysteme unterscheiden sich in ihrer Systematik:

SystemKonzeptKriterien/Typen
ICD-10Emotional instabile Persönlichkeitsstörung (F60.3)Unterteilung in Impulsiver Typus (F60.30) und Borderline-Typus (F60.31)
DSM-5Borderline-Persönlichkeitsstörung (301.83)Kategorial: Mindestens 5 von 9 spezifischen Kriterien müssen erfüllt sein
ICD-11Dimensionale Diagnostik (6D10 / 6D11.5)Schweregradeinteilung (leicht, mäßig, schwer) plus Zusatzmerkmal Borderline-Muster

Therapie

Die primäre Behandlung der BPS ist psychotherapeutisch. Medikamente spielen eine untergeordnete Rolle.

Psychotherapie

  • Strukturierte, BPS-spezifische Psychotherapie: Soll allen Patientinnen und Patienten angeboten werden (Empfehlungsgrad A).
  • Frequenz: Sollte nach Möglichkeit eine Sitzung pro Woche nicht unterschreiten (Empfehlungsgrad B).
  • Spezifische Verfahren: Wenn die Reduktion schwerwiegenden selbstverletzenden oder suizidalen Verhaltens im Fokus steht, soll Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) oder Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT) angeboten werden (Empfehlungsgrad A).
  • Psychoedukation: Soll fester Bestandteil der Therapie sein (Empfehlungsgrad A).

Medikamentöse Therapie

Medikamentöse Interventionen sollen nicht die primäre Therapie darstellen (Empfehlungsgrad A).

PrinzipEmpfehlungBemerkung
StellenwertSoll nicht anstelle besser geeigneter Interventionen eingesetzt werdenPsychotherapie nicht standardmäßig durch Medikamente ergänzen
PolypharmazieSoll vermieden oder reduziert werdenSo wenige Präparate wie möglich einsetzen
SymptomkontrolleKann zeitlich begrenzt erwogen werdenZur Behandlung umschriebener Symptome oder in akuten Krisen
SicherheitSollte auf Abhängigkeitspotenzial verzichtenToxische Präparate wegen Suizidrisiko nur sehr zurückhaltend verschreiben

Versorgungssetting

Im Allgemeinen soll die Behandlung ambulant durchgeführt werden (Empfehlungsgrad A). Stationäre oder teilstationäre Behandlungen sollten spezifischen Indikationen vorbehalten bleiben:

  • Kurzzeitige psychiatrische Krisenintervention (z.B. akute Eigen-/Fremdgefährdung)
  • Länger dauernde, zeitlich definierte störungsspezifische elektive Behandlungsprogramme

Längere unspezifische stationäre Aufenthalte ohne strukturierte störungsspezifische Angebote sollen vermieden werden (Empfehlungsgrad A).

💡Praxis-Tipp

Kommunizieren Sie die BPS-Diagnose transparent und betonen Sie die guten Behandlungsmöglichkeiten. Vermeiden Sie Polypharmazie und setzen Sie Medikamente nicht als Ersatz für Psychotherapie ein.

Häufig gestellte Fragen

Nach fachgerechter Diagnostik soll die Diagnose bereits bei Jugendlichen ab 12 Jahren gestellt werden, wenn sie die diagnostischen Kriterien erfüllen.
Es soll eine Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) oder Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT) angeboten werden.
Sie sind nicht die primäre Therapie. Ein zeitlich begrenzter Einsatz kann für umschriebene Symptome oder in Krisen erwogen werden, Polypharmazie ist strikt zu vermeiden.
Entgegen früherer Annahmen ist die Prognose oft positiv. Nach 16 Jahren erfüllen 99 % der ehemals stationär Behandelten die Kriterien nicht mehr, auch wenn psychosoziale Einschränkungen oft bestehen bleiben.

Verwandte Leitlinien