Alkoholbezogene Störungen: S3-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Riskanter Konsum beginnt bei gesunden Erwachsenen bei >24 g/Tag (Männer) bzw. >12 g/Tag (Frauen).
- •Zum Screening auf alkoholbezogene Störungen soll primär der AUDIT oder die Kurzform AUDIT-C eingesetzt werden.
- •Für den Nachweis von akutem Konsum eignen sich Ethanol (Atem/Blut) sowie EtG und EtS (Urin).
- •Chronischer Konsum sollte über PEth (Blut) oder EtG (Haare) nachgewiesen werden, da diese direkten Marker indirekten Markern überlegen sind.
- •Bei Schwangeren weisen Fragebögen eine unzureichende Sensitivität auf; hier sollen Biomarker (EtG, FAEEs, PEth) genutzt werden.
Hintergrund
Alkoholbezogene Störungen gehören zu den häufigsten Diagnosen in deutschen Krankenhäusern. In Deutschland konsumieren etwa 18,1 % der Erwachsenen Alkohol in riskanten Mengen. Die S3-Leitlinie zielt darauf ab, die Früherkennung (Screening) und Diagnostik zu verbessern, da die Erkrankung im klinischen Alltag oft unterdiagnostiziert oder bagatellisiert wird.
Definitionen und Grenzwerte
Die Leitlinie definiert klare Grenzen für den Alkoholkonsum bei gesunden Erwachsenen (nicht gültig für Schwangere, Jugendliche oder Kranke):
| Konsumform | Männer | Frauen |
|---|---|---|
| Risikoarmer Konsum | ≤ 24 g/Tag | ≤ 12 g/Tag |
| Riskanter Konsum | > 24 g/Tag | > 12 g/Tag |
| Rauschtrinken (Binge Drinking) | ≥ 5 Standardgetränke/Gelegenheit | ≥ 4 Standardgetränke/Gelegenheit |
Screening-Instrumente
Für das Screening in der medizinischen Grundversorgung (z. B. Hausarztpraxis, Notaufnahme, Allgemeinkrankenhaus) werden strukturierte Fragebögen empfohlen:
- Empfehlungsgrad A: Zum Screening auf riskanten oder schädlichen Konsum sowie Abhängigkeit soll der AUDIT (Alcohol Use Disorders Identification Test) eingesetzt werden.
- KKP (Klinischer Konsenspunkt): Wenn der AUDIT im Alltag zu aufwendig ist, soll die Kurzform AUDIT-C verwendet werden.
- Cut-offs für Deutschland: Beim AUDIT wird ein Cut-off von 5 Punkten für Männer und 4 Punkten für Frauen empfohlen, um eine optimale Sensitivität zu erreichen.
Biomarker und Labordiagnostik
Zur Objektivierung des Konsums und zur Abstinenzkontrolle spielen Zustandsmarker eine zentrale Rolle. Direkte Ethanolmetabolite sind indirekten Markern (wie GGT, MCV oder CDT) in Sensitivität und Spezifität deutlich überlegen.
| Marker-Typ | Parameter | Probenmaterial | Indikation | Evidenz |
|---|---|---|---|---|
| Akuter Konsum | Ethanol | Atemluft, Blut | Akute Intoxikation | Empfehlungsgrad A |
| Akuter Konsum | EtG, EtS | Urin | Kürzlicher Konsum (Tage), Abstinenzkontrolle | Empfehlungsgrad A |
| Chronischer Konsum | PEth | Blut | Exzessiver Konsum, Rückfalldiagnostik | Empfehlungsgrad B |
| Chronischer Konsum | EtG, EtPa | Haare | Langzeitverlauf | Empfehlungsgrad B |
| Indirekte Marker | GGT, MCV, CDT | Blut | Kombination zur Erhöhung der diagnostischen Güte | Empfehlungsgrad A |
Schwangerschaft
- Empfehlungsgrad A: Alle Schwangeren sollen dahingehend beraten werden, dass jeglicher Alkoholkonsum in der gesamten Schwangerschaft und Stillzeit schädlich für das Ungeborene ist.
- Da Fragebögen bei Schwangeren eine unzureichende Sensitivität aufweisen, sollen zum Nachweis Biomarker wie EtG (Urin), FAEEs (Haar) oder PEth (Blut) eingesetzt werden.
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie im klinischen Alltag den kurzen AUDIT-C Fragebogen für ein schnelles Screening. Zur strikten Abstinenzkontrolle (z.B. vor Organtransplantationen) ist die Bestimmung von EtG im Urin (Cut-off 0,1 mg/L) oder PEth im Blut deutlich zuverlässiger als die reine Patientenanamnese.