Medikamentenbezogene Störungen: S3-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die Diagnose einer Abhängigkeit nach ICD-10 erfordert das Vorliegen von mindestens 3 von 6 Kriterien innerhalb von 12 Monaten.
- •Im DSM-5 wird die kategoriale Unterscheidung zugunsten einer dimensionalen Einteilung (leicht, mittel, schwer) aufgegeben.
- •Bei bestimmungsgemäßer Einnahme dürfen Toleranz und Entzugssymptome im DSM-5 nicht zur Diagnosestellung herangezogen werden.
- •Die ICD-11 führt den Begriff des 'riskanten Konsums' ein, bei dem noch keine konkreten Schäden vorliegen.
- •Ein Fehlgebrauch (Misuse) kann unabsichtlich oder absichtlich erfolgen, während Missbrauch (Abuse) primär nicht-therapeutische Ziele verfolgt.
Hintergrund
Die S3-Leitlinie zu medikamentenbezogenen Störungen bietet eine evidenzbasierte Grundlage für die Diagnostik und den Umgang mit riskantem, schädlichem oder abhängigem Gebrauch von Arzneimitteln. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Unterscheidung zwischen bestimmungsgemäßem Gebrauch, Fehlgebrauch und Abhängigkeit im Rahmen medizinisch indizierter Therapien.
Beim Einsatz von Medikamenten außerhalb der Zulassung (Off-Label-Use) müssen bestimmte Kriterien erfüllt sein: nachgewiesene Wirksamkeit durch Studien, ein günstiges Nutzen-Risiko-Profil und das Fehlen wirksamer Alternativen. Eine gemeinsame Entscheidungsfindung und eine besondere ärztliche Aufklärung sind hierbei zwingend erforderlich.
Diagnostische Klassifikationssysteme
Die Einteilung medikamentenbezogener Störungen unterliegt einem Wandel durch die verschiedenen Klassifikationssysteme:
| System | Konzept | Besonderheiten |
|---|---|---|
| ICD-10 | Kategorial | Unterscheidung zwischen schädlichem Gebrauch (F1x.1) und Abhängigkeit (F1x.2). F55 für nicht-abhängigkeitserzeugende Substanzen (z.B. Laxantien, nicht-opioide Analgetika). |
| ICD-11 | Kategorial (erweitert) | Einführung des riskanten Konsums (Gefährdung ohne bisherigen Schaden). |
| DSM-5 | Dimensional | Schweregradeinteilung nach Anzahl der Kriterien (leicht: 2-3, mittel: 4-5, schwer: ≥6). |
Kriterien der Abhängigkeit nach ICD-10 (F1x.2)
Für die Diagnose einer Abhängigkeit müssen mindestens drei der folgenden Kriterien innerhalb eines Jahres (oder kontinuierlich über einen Monat) erfüllt sein:
- Starker Wunsch oder Zwang zum Konsum (Craving)
- Verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich Beginn, Beendigung und Menge
- Körperliches Entzugssyndrom bei Dosisreduktion oder Absetzen
- Toleranzentwicklung (Dosissteigerung für gleiche Wirkung erforderlich)
- Vernachlässigung anderer Interessen und hoher Zeitaufwand für Beschaffung/Konsum
- Anhaltender Konsum trotz Nachweis eindeutiger schädlicher Folgen
Hinweis zur körperlichen Abhängigkeit: Diese liegt vor, wenn die Kriterien Entzugssyndrom und/oder Toleranzentwicklung erfüllt sind.
Besonderheiten im DSM-5
Das DSM-5 fasst Missbrauch und Abhängigkeit zur "Substance Use Disorder" zusammen. Für den klinischen Alltag bei verordneten Medikamenten gilt eine wichtige Ausnahme: Treten Toleranz (Kriterium 10) und Entzugssymptome (Kriterium 11) im Rahmen einer verordneten und bestimmungsgemäßen Einnahme auf, dürfen diese nicht für die Diagnosestellung einer Störung verwertet werden.
Begriffsdefinitionen im klinischen Alltag
Die genaue Abgrenzung der Konsummuster ist für die Therapieplanung essenziell:
| Begriff | Definition | Klinische Bedeutung |
|---|---|---|
| Bestimmungsgemäßer Konsum | Einnahme nach ärztlicher Vorgabe und Fachinformation. | Zielzustand der Therapie. |
| Fehlgebrauch (Misuse) | Abweichung von verordneter Dosis oder Applikationsart. | Kann unabsichtlich (Missverständnis) oder absichtlich (z.B. Schlafinduktion durch Opioide) sein. |
| Missbrauch (Abuse) | Exzessiver Konsum ohne medizinische Indikation mit Gesundheitsschäden. | Ziel ist oft die Provokation psychotroper Effekte. |
| Riskanter Konsum | Menge/Häufigkeit birgt Risiko für Schäden. | Noch keine manifesten Schäden (ICD-11 Konzept). |
| Schädlicher Gebrauch | Konsum führt zu tatsächlichen physischen/psychischen Schäden. | Keine Abhängigkeit erfüllt (ICD-10 F1x.1). |
Toleranz und Entzug
- Toleranz (Gewöhnung): Entsteht durch neurologische Adaptation, beschleunigten Abbau oder psychovegetative Anpassung. Sie führt oft zu Dosissteigerungen. Eine Toleranzentwicklung bewirkt, dass chronische Intoxikationen klinisch schwer zu erkennen sind.
- Entzugssyndrom: Tritt bei Absetzen oder Reduktion auf, ist substanzspezifisch und oft selbstlimitierend. Es bildet sich bei erneuter Zufuhr der Substanz zurück.
💡Praxis-Tipp
Bewerten Sie Toleranzentwicklung und Entzugssymptome bei Patienten mit ärztlich verordneter Medikation differenziert: Nach DSM-5 rechtfertigen diese beiden Kriterien allein bei bestimmungsgemäßem Gebrauch keine Diagnose einer Substanzgebrauchsstörung.