WHO-Leitlinie: Schwangerenvorsorge (Antenatal Care)
📋Auf einen Blick
- •Ein Vorsorgemodell mit mindestens 8 Kontakten wird empfohlen, um die perinatale Mortalität zu senken.
- •Zur Prävention von Anämie und Frühgeburten wird die tägliche Einnahme von 30-60 mg Eisen und 400 µg Folsäure empfohlen.
- •Ein Ultraschall vor der 24. Schwangerschaftswoche wird zur Bestimmung des Gestationsalters und zum Fehlbildungsscreening empfohlen.
- •Routine-CTG und Routine-Doppler-Ultraschall werden bei unauffälligen Schwangerschaften nicht empfohlen.
- •Bei asymptomatischer Bakteriurie wird eine 7-tägige Antibiotikatherapie empfohlen.
Hintergrund
Die WHO-Leitlinie zur Schwangerenvorsorge (Antenatal Care, ANC) zielt darauf ab, Frauen eine positive Schwangerschaftserfahrung zu ermöglichen. Dies umfasst nicht nur die Prävention von Mortalität und Morbidität, sondern auch den Erhalt der physischen und soziokulturellen Normalität. Ein zentraler Paradigmenwechsel ist die Erhöhung der empfohlenen Vorsorgekontakte.
Ernährungsinterventionen und Supplementierung
Eine gesunde Ernährung und körperliche Aktivität werden allen Schwangeren empfohlen, um eine übermäßige Gewichtszunahme zu vermeiden. Die Empfehlungen zur Mikronährstoff-Supplementierung sind klar definiert:
| Wirkstoff | Dosis | Indikation | Evidenz |
|---|---|---|---|
| Eisen & Folsäure | 30-60 mg Eisen + 400 µg Folsäure tägl. | Prävention von Anämie, Sepsis, Frühgeburt | Empfohlen |
| Kalzium | 1,5-2,0 g tägl. | Bei niedriger alimentärer Zufuhr zur Präeklampsie-Prävention | Kontextspezifisch empfohlen |
| Vitamin A | - | Nur in Endemiegebieten zur Prävention von Nachtblindheit | Kontextspezifisch empfohlen |
| Zink, Vit. C, D, E, B6 | - | Verbesserung maternaler/perinataler Outcomes | Nicht empfohlen |
| Multiple Mikronährstoffe | - | Verbesserung maternaler/perinataler Outcomes | Nicht empfohlen |
- Koffein: Bei einer Zufuhr von >300 mg/Tag wird eine Reduktion empfohlen, um das Risiko für Schwangerschaftsverluste und ein niedriges Geburtsgewicht zu senken.
Maternale und fetale Diagnostik
Die Leitlinie definiert klare Standards für die Routineuntersuchungen während der Schwangerschaft.
| Untersuchung | Methode/Intervention | Evidenz |
|---|---|---|
| Anämie-Screening | Großes Blutbild (alternativ: Vor-Ort-Hämoglobinometer) | Kontextspezifisch empfohlen |
| Asymptomatische Bakteriurie (ASB) | Mittelstrahlurin-Kultur (alternativ: Gram-Färbung) | Kontextspezifisch empfohlen |
| Ultraschall | Ein Ultraschall vor der 24. SSW (Gestationsalter, Anomalien) | Empfohlen |
| Routine-CTG | Routinemäßige antenatale Kardiotokographie | Nicht empfohlen |
| Routine-Doppler | Routinemäßiger Doppler-Ultraschall fetaler Gefäße | Nicht empfohlen |
| Kindsbewegungen | Tägliches Zählen der Kindsbewegungen (z.B. Kick-Charts) | Nur im Rahmen von Studien |
- Gesundheitsdienstleister sollten routinemäßig nach Tabakkonsum, Alkohol- und Substanzgebrauch sowie Gewalt in der Partnerschaft (IPV) fragen.
Präventive Maßnahmen
Zur Vermeidung von Infektionen und schwangerschaftsassoziierten Komplikationen gelten folgende Empfehlungen:
- Asymptomatische Bakteriurie: Eine 7-tägige Antibiotikatherapie wird für alle Schwangeren mit ASB empfohlen, um Frühgeburten vorzubeugen.
- Tetanus-Impfung: Wird für alle Schwangeren empfohlen, abhängig vom bisherigen Impfstatus.
- Malaria-Prävention: In Endemiegebieten wird eine intermittierende präventive Therapie (IPTp-SP) ab dem zweiten Trimenon kontextspezifisch empfohlen.
- HIV-Prävention: Eine orale Präexpositionsprophylaxe (PrEP) sollte Schwangeren mit erheblichem HIV-Risiko kontextspezifisch empfohlen werden.
- Anti-D-Prophylaxe: Die antenatale Routine-Gabe bei Rh-negativen Frauen wird nur im Rahmen von Studien empfohlen.
Management häufiger Beschwerden
Für typische physiologische Schwangerschaftsbeschwerden empfiehlt die WHO verschiedene evidenzbasierte Linderungsmaßnahmen:
| Symptom | Therapieoptionen | Evidenz |
|---|---|---|
| Übelkeit | Ingwer, Kamille, Vitamin B6, Akupunktur | Empfohlen |
| Sodbrennen | Diät/Lebensstil, Antazida bei hartnäckigen Symptomen | Empfohlen |
| Wadenkrämpfe | Magnesium, Kalzium, nicht-pharmakologische Optionen | Empfohlen |
| Rücken-/Beckenschmerzen | Regelmäßige Bewegung, Physiotherapie, Stützgürtel, Akupunktur | Empfohlen |
| Verstopfung | Weizenkleie, Ballaststoffe | Empfohlen |
| Ödeme/Krampfadern | Kompressionsstrümpfe, Beine hochlegen, Wasserimmersion | Empfohlen |
Gesundheitssystem und ANC-Modell
Um die Qualität und Inanspruchnahme der Schwangerenvorsorge zu verbessern, hat die WHO das bisherige Modell mit vier Besuchen revidiert.
- Vorsorgekontakte: Ein Modell mit mindestens 8 Kontakten wird empfohlen, um die perinatale Mortalität zu senken und die Zufriedenheit zu steigern.
- Mutterpass: Es wird empfohlen, dass jede Schwangere ihre eigenen Behandlungsunterlagen bei sich trägt.
- Hebammengeleitete Versorgung: Modelle mit kontinuierlicher Betreuung durch eine bekannte Hebamme werden in funktionierenden Systemen kontextspezifisch empfohlen.
- Task-Shifting: Die Übertragung von Aufgaben (z.B. Gesundheitsförderung) auf ein breites Spektrum von Gesundheitspersonal wird empfohlen.
💡Praxis-Tipp
Führen Sie routinemäßig einen Ultraschall vor der 24. SSW durch, verzichten Sie jedoch auf Routine-CTGs und Routine-Doppler-Untersuchungen bei unauffälligen Schwangerschaften.