Schwangerenvorsorge (Antenatal Care): NICE-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Der erste Vorsorgetermin (Booking Appointment) sollte bis zur Schwangerschaftswoche (SSW) 10+0 stattfinden.
- •Für Erstgebärende sind 10, für Mehrgebärende 7 reguläre Vorsorgetermine vorgesehen.
- •Routinemäßige Ultraschalluntersuchungen finden zwischen SSW 11+2–14+1 und 18+0–20+6 statt; nach SSW 28 ist bei unkomplizierten Verläufen kein Routine-Ultraschall indiziert.
- •Schwangere sollten ab SSW 28 nicht mehr auf dem Rücken schlafen, um das Risiko einer Totgeburt zu minimieren.
- •Bei unklarer vaginaler Blutung nach SSW 13 ist eine Überweisung in die Sekundärversorgung sowie ggf. eine Anti-D-Prophylaxe indiziert.
Hintergrund
Die Schwangerenvorsorge (Antenatal care) zielt darauf ab, durch regelmäßige Untersuchungen und Aufklärung Risiken für Mutter und Kind frühzeitig zu erkennen und zu minimieren. Die vorliegende NICE-Leitlinie fasst die evidenzbasierten Empfehlungen für unkomplizierte Schwangerschaften zusammen.
Terminplanung und Organisation
Der erste Vorsorgetermin (Booking Appointment) sollte idealerweise bis zur Schwangerschaftswoche (SSW) 10+0 stattfinden. Bei späterer Vorstellung sollte der Termin innerhalb von 2 Wochen ermöglicht werden.
| Parität | Anzahl regulärer Termine | Bemerkung |
|---|---|---|
| Nullipara | 10 | Erstgebärende |
| Multipara | 7 | Mehrgebärende |
Zusätzliche oder längere Termine sind je nach medizinischen, sozialen oder emotionalen Bedürfnissen der Schwangeren einzuplanen.
Klinische Untersuchungen und Screening
Bei jedem persönlichen Routinetermin muss der Blutdruck (mit einem für die Schwangerschaft validierten Gerät) gemessen und ein Urin-Schnelltest auf Proteinurie durchgeführt werden.
Ultraschall-Screening
| Zeitraum (SSW) | Indikation / Ziel |
|---|---|
| 11+2 bis 14+1 | Bestimmung des Gestationsalters, Erkennung von Mehrlingsschwangerschaften, optionales Aneuploidie-Screening |
| 18+0 bis 20+6 | Screening auf fetale Anomalien, Bestimmung der Plazentalokalisation |
| Ab 28+0 | Keine routinemäßigen Ultraschalluntersuchungen bei unkomplizierten Einlingsschwangerschaften |
Labor und Prophylaxe
In der 28. SSW wird ein Blutbild sowie ein Antikörpersuchtest empfohlen. Rhesus-D-negativen Frauen ohne bekannte Sensibilisierung ist eine Anti-D-Prophylaxe anzubieten.
Risikoscreening
- Venöse Thromboembolie (VTE): Risikobewertung beim Ersttermin sowie nach jedem Krankenhausaufenthalt oder signifikanten Gesundheitsereignis.
- Gestationsdiabetes: Risikobewertung beim Ersttermin. Bei erhöhtem Risiko oraler Glukosetoleranztest (oGTT) zwischen SSW 24+0 und 28+0.
- Präeklampsie: Risikobewertung beim Ersttermin und im 2. Trimenon. Bei Risiko Empfehlung zur Aspirin-Einnahme.
Überwachung von Wachstum und Lage
- Symphysen-Fundus-Abstand: Ab SSW 24+0 bei jedem Termin messen (maximal alle 2 Wochen) und in eine Wachstumskurve eintragen. Bei Auffälligkeiten (zu groß/zu klein) folgt ein Ultraschall.
- Kindsbewegungen: Ab SSW 24+0 thematisieren. Bei verminderten Kindsbewegungen ist eine zeitnahe klinische Beurteilung erforderlich.
- Beckenendlage (Breech): Ab SSW 36+0 durch abdominale Palpation prüfen. Bei Verdacht Ultraschall zur Bestätigung. Bei bestätigter Beckenendlage Aufklärung über Optionen (äußere Wendung, vaginale Geburt, Sectio). Frauen, die eine vaginale Geburt aus Schädellage bevorzugen, ist die äußere Wendung (External Cephalic Version) anzubieten.
Aufklärung und Lebensstil
Ein zentraler Punkt der Aufklärung im dritten Trimenon betrifft die Schlafposition:
- Schwangeren ist zu raten, ab SSW 28 nicht mehr auf dem Rücken einzuschlafen.
- Es besteht eine Assoziation zwischen der Rückenlage im späten Stadium der Schwangerschaft und einem erhöhten Risiko für Totgeburten.
- Kissen können zur Stabilisierung der Seitenlage genutzt werden.
Management von Schwangerschaftsbeschwerden
Übelkeit und Erbrechen
| Schweregrad | Therapieoptionen | Bemerkung |
|---|---|---|
| Leicht bis moderat | Ingwer | Als nicht-pharmakologische Option |
| Leicht bis moderat | Antiemetika | Auswahl nach Präferenz und Vorerfahrung der Patientin |
| Moderat bis schwer | i.v.-Flüssigkeit, Akupressur | Ambulante i.v.-Gabe bevorzugen |
| Schwer (Hyperemesis) | Stationäre Aufnahme | Bei Therapieresistenz im ambulanten Setting |
Weitere Beschwerden
- Sodbrennen: Zunächst Lebensstil- und Ernährungsanpassungen. Medikamentös kann ein Versuch mit Antazida oder Alginaten erfolgen.
- Vaginaler Ausfluss: Zunahme ist physiologisch. Bei Juckreiz, Schmerzen oder Geruch Abstrich erwägen. Therapie der Candidiasis mit vaginalen Imidazolen (z.B. Clotrimazol). Bakterielle Vaginose mit oralen oder vaginalen Antibiotika behandeln.
- Beckengürtelschmerzen: Überweisung zur Physiotherapie (Übungsanleitung und/oder lumbopelvischer Stützgurt).
Unklare vaginale Blutung (ab SSW 13)
Bei unklaren Blutungen nach dem ersten Trimenon gelten folgende Kernmaßnahmen:
- Überweisung in die Sekundärversorgung zur fachärztlichen Abklärung.
- Gabe von Anti-D-Immunglobulin bei Rhesus-D-negativen Frauen mit Risiko für Isoimmunisierung.
- Ultraschall zur Plazentalokalisation, falls noch nicht bekannt.
- Bei stationärer Aufnahme und erhöhtem Risiko für eine Frühgeburt innerhalb von 48 Stunden: Gabe von Kortikosteroiden zur fetalen Lungenreife erwägen.
💡Praxis-Tipp
Klären Sie Schwangere aktiv darüber auf, ab der 28. SSW nicht mehr auf dem Rücken einzuschlafen, da dies das Risiko für späte Totgeburten erhöht. Empfehlen Sie Stillkissen zur Stabilisierung der Seitenlage.