Multiple Mikronährstoffe in der Schwangerschaft (WHO)
📋Auf einen Blick
- •Multiple Mikronährstoffpräparate (MMS) mit Eisen und Folsäure werden im Rahmen strenger Forschung empfohlen.
- •MMS reduzieren das Risiko für ein niedriges Geburtsgewicht im Vergleich zu reinen Eisen-Folsäure-Präparaten (IFA) um etwa 12-13 %.
- •Die Evidenz stammt primär aus Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen (LMIC); die Übertragbarkeit auf einkommensstarke Länder ist unklar.
- •Die meisten untersuchten MMS (wie UNIMMAP) enthalten 30 mg Eisen, während die WHO in Gebieten mit hoher Anämieprävalenz 60 mg Eisen empfiehlt.
Hintergrund
Eine gesunde Ernährung in der Schwangerschaft erfordert eine ausreichende Zufuhr von Energie, Proteinen, Vitaminen und Mineralien. In vielen Regionen ist die über die Nahrung aufgenommene Menge unzureichend, was zu Mikronährstoffmängeln führt. Traditionell empfiehlt die WHO die Supplementierung von Eisen und Folsäure (IFA), um mütterlicher Anämie und Neuralrohrdefekten vorzubeugen. Diese Leitlinie aktualisiert die Empfehlung von 2016 bezüglich des Einsatzes von multiplen Mikronährstoffpräparaten (MMS) anstelle von reinen IFA-Präparaten.
Empfehlung der WHO
Die WHO hat ihre bisherige Ablehnung revidiert und spricht nun folgende Empfehlung aus:
- Multiple Mikronährstoffpräparate (MMS), die Eisen und Folsäure enthalten, werden im Kontext strenger Forschung empfohlen.
Diese Empfehlung gilt für schwangere Frauen und heranwachsende Mädchen im Rahmen der routinemäßigen Schwangerenvorsorge (Antenatal Care, ANC).
UNIMMAP-Zusammensetzung
Die Evidenz basiert maßgeblich auf Studien, die das standardisierte UNIMMAP-Präparat (United Nations International Multiple Micronutrient Antenatal Preparation) verwenden. Dieses enthält 15 Mikronährstoffe:
| Mikronährstoff | Dosis |
|---|---|
| Vitamin A | 800 μg |
| Vitamin D | 200 IU |
| Vitamin E | 10 mg |
| Niacin | 18 mg |
| Folsäure | 400 μg |
| Vitamin B1 | 1,4 mg |
| Vitamin B2 | 1,4 mg |
| Vitamin B6 | 1,9 mg |
| Vitamin B12 | 2,6 μg |
| Vitamin C | 70 mg |
| Zink | 15 mg |
| Eisen | 30 mg |
| Selen | 65 μg |
| Kupfer | 2 mg |
| Jod | 150 μg |
Klinische Effekte: MMS vs. IFA
Der Vergleich von MMS (insbesondere UNIMMAP) mit reinen Eisen-Folsäure-Präparaten zeigt folgende klinische Effekte:
| Outcome | Effekt von MMS im Vergleich zu IFA | Evidenzgrad |
|---|---|---|
| Niedriges Geburtsgewicht | Reduktion um 12-13 % | Hoch / Moderat |
| Small for Gestational Age (SGA) | Reduktion um ca. 9 % (bei UNIMMAP) | Moderat |
| Maternale Anämie | Wahrscheinlich kein Unterschied | Hoch |
| Frühgeburt | Wahrscheinlich kein Unterschied | Moderat |
| Maternale Mortalität | Wahrscheinlich kein Unterschied | Niedrig |
Forschungskontext und Implementierung
Da die Empfehlung an den Kontext "strenger Forschung" gebunden ist, definiert die WHO spezifische Anforderungen an zukünftige Studien und Implementierungsprogramme:
- Gestationsalter: Zukünftige klinische Studien müssen das Gestationsalter zwingend durch Ultraschall in der Frühschwangerschaft exakt bestimmen, da die Effekte auf niedriges Geburtsgewicht, Frühgeburtlichkeit und SGA in bisherigen Studien schwer zu interpretieren waren.
- Eisen-Dosierung: Viele MMS (wie UNIMMAP) enthalten 30 mg elementares Eisen. Die WHO empfiehlt jedoch 60 mg Eisen in Populationen, in denen Anämie ein schweres öffentliches Gesundheitsproblem darstellt (Prävalenz ≥ 40 %). Die Auswirkungen einer Dosisreduktion bei der Umstellung von IFA auf MMS müssen evaluiert werden.
- Implementierungsforschung: Bei der Einführung von MMS-Programmen müssen Akzeptanz, Machbarkeit, Nachhaltigkeit, Kosteneffizienz und Auswirkungen auf die gesundheitliche Chancengleichheit (Equity) untersucht werden.
💡Praxis-Tipp
Prüfen Sie bei der Erwägung von multiplen Mikronährstoffpräparaten (MMS) stets die regionale Anämieprävalenz. Da gängige MMS wie UNIMMAP nur 30 mg Eisen enthalten, könnte dies für Patientinnen in Hochrisikogebieten (Empfehlung: 60 mg Eisen) unzureichend sein.