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Schwere akute Mangelernährung bei Kindern: WHO-Leitlinie

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf WHO Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Ein mittlerer Oberarmumfang (MUAC) < 115 mm oder ein Gewichts-Größen-Verhältnis < -3 Z-Score definieren die schwere akute Mangelernährung (SAM).
  • Unkomplizierte Fälle mit Appetit können ambulant mit RUTF (Ready-to-Use Therapeutic Food) und oralen Antibiotika behandelt werden.
  • Schwere Ödeme (+++) oder medizinische Komplikationen erfordern zwingend eine stationäre Aufnahme.
  • Die prozentuale Gewichtszunahme darf nicht mehr als Entlassungskriterium verwendet werden.
  • Säuglinge unter 6 Monaten benötigen spezielle Fütterungsansätze mit Fokus auf (Re-)Laktation, unverdünnte F-100-Nahrung ist kontraindiziert.
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Hintergrund

Die schwere akute Mangelernährung (SAM) ist weltweit eine der Hauptursachen für die Kindersterblichkeit. Die vorliegende WHO-Leitlinie aktualisiert die Empfehlungen zur Diagnose, Triage und Therapie von Säuglingen und Kindern mit SAM, um die Überlebensraten durch standardisierte klinische und diätetische Maßnahmen zu verbessern.

Diagnose und Aufnahmekriterien

Die Identifikation von Kindern (6–59 Monate) mit SAM erfolgt primär über anthropometrische Messungen und das Vorhandensein von Ödemen.

ParameterGrenzwert / KriteriumMaßnahme
Mittlerer Oberarmumfang (MUAC)< 115 mmSofortige Aufnahme in SAM-Programm
Gewichts-Größen-Verhältnis< -3 Z-Score (WHO-Standard)Sofortige Aufnahme in SAM-Programm
Bilaterale ÖdemeJedes Stadium (+ bis +++)Sofortige Aufnahme in SAM-Programm

Stationäre vs. Ambulante Therapie

Nicht jedes Kind mit SAM muss stationär behandelt werden. Die Triage basiert auf dem klinischen Zustand und dem Appetit.

SettingIndikationKriterien
AmbulantUnkomplizierte SAMGuter Appetit (Appetit-Test bestanden), klinisch stabil, wach, milde/moderate Ödeme (+/++)
StationärKomplizierte SAMFehlender Appetit, medizinische Komplikationen, IMCI-Gefahrenzeichen, schwere Ödeme (+++)

Starke Empfehlung: Kinder mit schweren bilateralen Ödemen (+++) müssen immer stationär aufgenommen werden, auch wenn sie Appetit haben und keine weiteren Komplikationen aufweisen.

Medikamentöse Therapie und Supplementierung

  • Antibiotika: Kinder mit unkomplizierter SAM in ambulanter Behandlung sollten routinemäßig ein orales Breitbandantibiotikum (z. B. Amoxicillin) erhalten (Bedingte Empfehlung). Unterernährte Kinder ohne SAM erhalten keine routinemäßigen Antibiotika.
  • Vitamin A: Eine tägliche Gabe von ca. 5.000 IE ist empfohlen. Eine hochdosierte Gabe (50.000–200.000 IE) bei Aufnahme ist nur indiziert, wenn die therapeutische Nahrung (F-75, F-100, RUTF) nicht nach WHO-Vorgaben angereichert ist.

Ernährungstherapie (6–59 Monate)

PhaseNahrungsartBemerkung
Stabilisierung (Stationär)F-75Bei Durchfall unverändert fortführen
ÜbergangsphaseF-75 zu RUTFWechsel über 2-3 Tage (100-135 kcal/kg/Tag)
RehabilitationRUTF oder F-100RUTF kann auch bei Durchfall gegeben werden

Flüssigkeitsmanagement bei Dehydratation

Das Flüssigkeitsmanagement bei SAM erfordert besondere Vorsicht, um eine Herzinsuffizienz zu vermeiden.

ZustandTherapieBemerkung
Dehydratation ohne SchockReSoMal (oral/Magensonde)5-10 ml/kg/h für max. 12h. Kein Standard-WHO-ORS verwenden!
Cholera / wässriger DurchfallStandard-WHO-ORSReSoMal ist hier kontraindiziert
SchockIV-FlüssigkeitHalf-strength Darrow's + 5% Dextrose oder Ringer-Laktat + 5% Dextrose

Besonderheiten bei Säuglingen < 6 Monate

Säuglinge unter 6 Monaten mit SAM und Komplikationen (Gewichtsverlust, ineffektives Trinken, Ödeme) müssen stationär aufgenommen werden.

  • Fütterung: Priorität hat das (Wieder-)Herstellen des exklusiven Stillens.
  • Zufütterung: Abgepumpte Muttermilch, generische Säuglingsnahrung, F-75 oder verdünnte F-100.
  • Kontraindikation: Niemals unverdünnte F-100 geben (Gefahr der hypernatriämischen Dehydratation durch hohe renale Molenlast).

HIV-Infektion und SAM

Bei HIV-infizierten Kindern sollte die antiretrovirale Therapie (ART) so bald wie möglich nach der Stabilisierung von metabolischen Komplikationen und Sepsis begonnen werden (Indikator: Rückkehr des Appetits und Rückgang schwerer Ödeme). Die Ernährungstherapie unterscheidet sich nicht von der für nicht-infizierte Kinder.

Entlassungskriterien

Die Entlassung aus dem Behandlungsprogramm (6-59 Monate) erfolgt, wenn das Kind für mindestens 2 Wochen ödemfrei ist und der bei Aufnahme verwendete anthropometrische Parameter den Zielwert erreicht hat (Gewichts-Größen-Verhältnis >= -2 Z-Score oder MUAC >= 125 mm).

Starke Empfehlung: Die prozentuale Gewichtszunahme darf nicht als Entlassungskriterium herangezogen werden.

💡Praxis-Tipp

Verwenden Sie bei mangelernährten Kindern mit Dehydratation (ohne Cholera) niemals das Standard-WHO-ORS, sondern ReSoMal, um eine Natriumüberladung zu vermeiden. Unverdünnte F-100-Nahrung ist bei Säuglingen unter 6 Monaten aufgrund der hohen renalen Molenlast streng kontraindiziert.

Häufig gestellte Fragen

Bei Kindern zwischen 6 und 59 Monaten definiert ein mittlerer Oberarmumfang (MUAC) von unter 115 mm eine schwere akute Mangelernährung.
Nein. Kinder mit Appetit, ohne medizinische Komplikationen und mit maximal moderaten Ödemen (+/++) können ambulant mit RUTF (Ready-to-Use Therapeutic Food) behandelt werden.
Auch bei unkomplizierter, ambulant behandelter SAM wird die routinemäßige Gabe eines oralen Breitbandantibiotikums, wie Amoxicillin, empfohlen.
Nein, die WHO rät stark davon ab. Die Entlassung sollte auf dem Erreichen von Z-Scores (>= -2) oder MUAC-Werten (>= 125 mm) sowie einer zweiwöchigen Ödemfreiheit basieren.
Die antiretrovirale Therapie (ART) sollte so bald wie möglich nach der Stabilisierung metabolischer Komplikationen und Sepsis (erkennbar an der Rückkehr des Appetits und dem Rückgang schwerer Ödeme) begonnen werden.

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