Triage & Notfaelle bei Kindern: Leitlinie (WHO)
📋Auf einen Blick
- •Notfallzeichen (z. B. Atemwegsobstruktion, Schock, Koma, Krampfanfaelle) erfordern eine sofortige Behandlung.
- •Prioritaetszeichen (z. B. Alter < 2 Monate, hohes Fieber, schwere Blaesse) erfordern eine rasche Beurteilung ohne Wartezeit.
- •Die Schocktherapie unterscheidet sich grundlegend zwischen normal ernaehrten und schwer mangelernaehrten Kindern.
- •Bei Vergiftungen mit aetzenden Stoffen oder Erdoelderivaten ist das Ausloesen von Erbrechen streng kontraindiziert.
- •Hypoglykaemie (< 2,5 mmol/l bzw. < 3,0 mmol/l bei Mangelernaehrung) wird akut mit 5 ml/kg 10%iger Glukoseloesung i.v. behandelt.
Hintergrund
Die Triage dient der schnellen Identifikation von kranken Kindern bei Ankunft im Krankenhaus. Ziel ist es, Patienten in drei Kategorien einzuteilen: solche mit Notfallzeichen (sofortige Behandlung), solche mit Prioritaetszeichen (rasche Beurteilung ohne Wartezeit) und nicht-dringliche Faelle.
Notfall- und Prioritaetszeichen
| Kategorie | Klinische Zeichen | Massnahme |
|---|---|---|
| Notfallzeichen | Obstruierte/fehlende Atmung, schwere Atemnot, zentrale Zyanose, Schockzeichen, Koma, Krampfanfaelle, schwere Dehydratation bei Diarrhoe | Sofortige Notfallbehandlung (A-B-C) |
| Prioritaetszeichen | Saeugling < 2 Monate, hohes Fieber, Trauma, schwere Blaesse, Vergiftung, starke Schmerzen, Atemnot, Lethargie/Unruhe, schwere Mangelernaehrung, Oedeme, Verbrennungen | Vorrangige Beurteilung (ohne Warten in der Schlange) |
Atemwegsmanagement und Sauerstoffgabe
Bei Verdacht auf ein HWS-Trauma darf der Hals nicht bewegt werden. Die Atemwege werden in diesem Fall mittels Esmarch-Handgriff (Jaw thrust) freigehalten.
- Fremdkoerperaspiration (Saeuglinge): 5 Schlaege auf den Ruecken, gefolgt von 5 Thoraxkompressionen.
- Fremdkoerperaspiration (Kinder > 1 Jahr): 5 Schlaege auf den Ruecken, gefolgt von 5 Heimlich-Manoevern.
- Sauerstoffgabe: 1-2 l/min ueber Nasensonde oder -katheter, Ziel-Sauerstoffsaettigung > 90 %.
Schocktherapie
Die Volumentherapie unterscheidet sich signifikant je nach Ernaehrungszustand des Kindes. Bei schwerer Mangelernaehrung besteht ein hohes Risiko fuer eine Ueberwaesserung und Herzversagen.
| Ernaehrungszustand | Fluessigkeit | Dosierung | Bemerkung |
|---|---|---|---|
| Ohne schwere Mangelernaehrung | Ringer-Laktat oder NaCl 0,9% | 20 ml/kg i.v. als rascher Bolus | Bei fehlender Besserung wiederholen (10-20 ml/kg) |
| Mit schwerer Mangelernaehrung | Ringer-Laktat/Darrow-Loesung/NaCl 0,45% (jeweils mit 5% Glukose) | 15 ml/kg i.v. ueber 1 Stunde | Puls und Atmung alle 5-10 Min. ueberwachen. Bei Verschlechterung Infusion stoppen! |
Krampfanfaelle und Hypoglykaemie
- Krampfanfaelle: Gabe von Diazepam rektal (0,1 ml/kg der 10 mg/2 ml Loesung). Bei Fortbestehen nach 10 Minuten zweite Dosis geben. Maximal zwei Dosen.
- Hypoglykaemie: Blutzucker < 2,5 mmol/l (< 45 mg/dl) bzw. < 3,0 mmol/l (< 54 mg/dl) bei schwerer Mangelernaehrung. Gabe von 5 ml/kg 10%iger Glukoseloesung als rascher i.v.-Bolus.
Management von Vergiftungen
Die Dekontamination des Magens ist am effektivsten innerhalb der ersten Stunde nach Ingestion.
| Giftstoff | Spezifische Symptome | Therapie / Kontraindikationen |
|---|---|---|
| Aetzende Stoffe (Saeuren, Laugen, Bleichmittel) | Verbrennungen im Mundbereich, Stridor | Kein Erbrechen ausloesen! Keine Aktivkohle! Milch oder Wasser zur Verduennung geben. |
| Erdoelderivate (Kerosin, Benzin) | Atemnot, Lungenoedem (bei Aspiration) | Kein Erbrechen ausloesen! Keine Aktivkohle! Sauerstoff bei Atemnot. |
| Organophosphate / Carbamate | Speichelfluss, Schwitzen, kleine Pupillen, Muskelzucken, Lungenoedem | Aktivkohle (innerhalb 4h). Bei starker Sekretion: Atropin (20 Mikrogramm/kg i.m. oder i.v. alle 5-10 Min). |
- Aktivkohle: Dosierung fuer Kinder <= 1 Jahr: 1 g/kg. Kinder 1-12 Jahre: 25-50 g.
- Hautkontamination: Kleidung entfernen, mit reichlich lauwarmem Wasser (und Seife bei oeligen Substanzen) waschen.
- Augenkontamination: 10-15 Minuten mit fliessendem Wasser oder NaCl 0,9% spuelen.
💡Praxis-Tipp
Bei schwer mangelernaehrten Kindern mit Schockzeichen darf die Fluessigkeitstherapie nur sehr zurueckhaltend (15 ml/kg ueber 1 Stunde) erfolgen, da ein hohes Risiko fuer ein toedliches Lungenoedem besteht.