Eisen & Folsäure in der Schwangerschaft: Leitlinie (WHO)
📋Auf einen Blick
- •Die tägliche orale Gabe von Eisen und Folsäure wird für alle Schwangeren als Teil der Vorsorge empfohlen (Starke Empfehlung).
- •Die prophylaktische Standarddosis liegt bei 30–60 mg elementarem Eisen und 400 µg Folsäure pro Tag.
- •Bei einer klinisch diagnostizierten Anämie ist die Dosis auf 120 mg Eisen zu erhöhen, bis der Hb-Wert normalisiert ist.
- •Die Supplementierung sollte so früh wie möglich beginnen und über die gesamte Schwangerschaft fortgeführt werden.
Hintergrund
Weltweit sind schätzungsweise 41,8 % der schwangeren Frauen anämisch. Mindestens die Hälfte dieser Fälle ist auf einen Eisenmangel zurückzuführen. Eine Schwangere gilt als anämisch, wenn ihre Hämoglobinkonzentration (Hb) im ersten und dritten Trimenon unter 110 g/L liegt (auf Meereshöhe). Im zweiten Trimenon sinkt der Wert physiologisch um etwa 5 g/L.
Niedrige Hb-Werte sind mit einem erhöhten Risiko für Frühgeburten, mütterliche und kindliche Mortalität sowie Infektionskrankheiten assoziiert. Gleichzeitig können auch sehr hohe Hb-Werte (> 130 g/L) negative Folgen wie Frühgeburten und ein niedriges Geburtsgewicht haben.
Kernaussage und Empfehlung
Die WHO spricht eine starke Empfehlung für die tägliche orale Eisen- und Folsäure-Supplementierung als Teil der Schwangerenvorsorge aus. Ziel ist die Reduktion des Risikos für ein niedriges Geburtsgewicht, mütterliche Anämie und Eisenmangel.
Dosierung und Stufenschema
Das folgende Schema wird für die tägliche Routine-Supplementierung empfohlen:
| Parameter | Empfehlung |
|---|---|
| Eisen | 30–60 mg elementares Eisen |
| Folsäure | 400 µg (0,4 mg) |
| Frequenz | 1x täglich |
| Dauer | Gesamte Schwangerschaft (so früh wie möglich beginnen) |
| Zielgruppe | Alle schwangeren Jugendlichen und erwachsenen Frauen |
Umrechnung von elementarem Eisen
Um 30 mg elementares Eisen zu erreichen, werden folgende Mengen der jeweiligen Salze benötigt:
| Wirkstoff | Dosis für 30 mg elementares Eisen |
|---|---|
| Eisensulfat-Heptahydrat | 150 mg |
| Eisenfumarat | 90 mg |
| Eisengluconat | 250 mg |
Spezifische klinische Situationen
Je nach Ausgangslage und Region müssen die Dosierungen angepasst werden:
| Situation | Therapie / Bemerkung |
|---|---|
| Klinisch diagnostizierte Anämie | 120 mg Eisen + 400 µg Folsäure täglich bis zur Normalisierung des Hb-Wertes. Danach Wechsel auf die Standarddosis zur Rezidivprophylaxe. |
| Hohe Anämie-Prävalenz (≥ 40 %) | Eine tägliche Dosis von 60 mg elementarem Eisen ist gegenüber der niedrigeren Dosis zu bevorzugen. |
| Später Schwangerschaftsbeginn | Folsäure verhindert Neuralrohrdefekte nur bei Einnahme vor Tag 28. Eine spätere Gabe fördert dennoch die mütterliche und fetale Gesundheit. |
| Malaria-Endemiegebiete | Supplementierung muss zwingend mit Maßnahmen zur Prävention, Diagnostik und Therapie von Malaria kombiniert werden. |
Nebenwirkungen
Gastrointestinale Beschwerden (Verstopfung, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall) sind häufige Nebenwirkungen, insbesondere bei der Einnahme auf nüchternen Magen. Die Häufigkeit und Schwere hängen von der Menge des im Magen freigesetzten elementaren Eisens ab. Frauen, die ≥ 60 mg Eisen erhalten, berichten häufiger über Nebenwirkungen und haben ein höheres Risiko für Hb-Werte > 130 g/L im zweiten und dritten Trimenon im Vergleich zu Frauen, die ≤ 30 mg einnehmen.
💡Praxis-Tipp
Klären Sie Schwangere über mögliche gastrointestinale Nebenwirkungen auf. Bei Dosen ab 60 mg Eisen steigen diese signifikant an – prüfen Sie bei Unverträglichkeit eine Reduktion auf 30 mg elementares Eisen, um die Therapieadhärenz zu sichern.