mhGAP-Leitlinie 2023: Psychische Erkrankungen (WHO)
📋Auf einen Blick
- •Benzodiazepine sind bei Angststörungen nicht empfohlen und nur im Notfall für maximal 3-7 Tage indiziert.
- •Valproat ist bei Frauen und Mädchen im gebärfähigen Alter aufgrund hoher Teratogenität strikt kontraindiziert.
- •Bei Kindern unter 12 Jahren mit Depressionen sowie bei kindlichen Angststörungen sind Medikamente nicht empfohlen.
- •Lamotrigin und Levetiracetam gelten als Erstlinientherapie bei generalisierten und fokalen Krampfanfällen.
Hintergrund
Die mhGAP-Leitlinie (Mental Health Gap Action Programme) der WHO (2023) richtet sich primär an nicht-spezialisiertes medizinisches Personal. Ziel ist die evidenzbasierte Skalierung der Versorgung von psychischen, neurologischen und Suchterkrankungen (MNS), insbesondere in ressourcenschwachen Settings.
Angststörungen (ANX)
Die Behandlung von generalisierten Angststörungen (GAD) und Panikstörungen stützt sich auf psychologische und pharmakologische Säulen:
| Intervention | Empfehlung | Bemerkung |
|---|---|---|
| SSRI | Indiziert | Erste Wahl bei GAD und Panikstörungen. Alternativ: Trizyklische Antidepressiva (TCA). |
| KVT | Indiziert | Kurze, strukturierte kognitive Verhaltenstherapie (KVT). |
| Benzodiazepine | Nicht empfohlen | Nur im akuten Notfall für maximal 3-7 Tage. |
| Entspannung/Sport | Indiziert | Stressmanagement, Achtsamkeit und strukturierte Bewegung. |
Kinder- und Jugendpsychiatrie (CAMH)
Pharmakologische Interventionen bei Kindern erfordern strenge Indikationsstellungen:
- Angststörungen: Pharmakologische Interventionen sind bei Kindern und Jugendlichen nicht empfohlen.
- Depression (≤ 12 Jahre): Antidepressiva sind nicht empfohlen.
- Depression (13-17 Jahre): Fluoxetin nur in Kombination mit psychologischen Therapien, falls psychosoziale Interventionen allein wirkungslos bleiben.
- ADHS (≥ 6 Jahre): Methylphenidat kann erwogen werden, wenn Umgebungsanpassungen nicht ausreichen.
Epilepsie und Krampfanfälle (EPI)
Die medikamentöse Einstellung fokussiert sich auf Monotherapien mit besonderem Augenmerk auf Teratogenität.
| Indikation | 1. Wahl | 2. Wahl / Alternativen |
|---|---|---|
| Status epilepticus | IV Benzodiazepine (vorab) | IV Levetiracetam, Fosphenytoin, Valproat, Phenobarbital |
| Generalisierte Anfälle | Lamotrigin, Levetiracetam, Valproat* | Phenytoin, Phenobarbital |
| Fokale Anfälle | Lamotrigin, Levetiracetam | Carbamazepin, Lacosamid |
WICHTIG: Valproat (Valproinsäure) ist bei Frauen und Mädchen im gebärfähigen Alter aufgrund des hohen Risikos für Geburtsfehler und neurologische Entwicklungsstörungen strikt nicht empfohlen.
Psychosen und Bipolare Störungen (PSY)
- Akute Psychose/Schizophrenie: Orale Antipsychotika (z. B. Aripiprazol, Haloperidol, Olanzapin). Bei Therapieresistenz: Clozapin.
- Erhaltungstherapie: Mindestens 7-12 Monate nach der ersten Episode.
- Bipolare Störung (Manie): Orale Antipsychotika oder Phasenprophylaktika (Lithium, Carbamazepin). Auch hier gilt: Kein Valproat bei Frauen im gebärfähigen Alter.
Substanzkonsumstörungen (ALC & DRU)
| Substanz | Therapieansatz | Medikamentöse Option |
|---|---|---|
| Alkohol | Kombinierte psychosoziale Therapie | Baclofen (zur Rückfallprävention nach Entgiftung) |
| Cannabis / Stimulanzien | Kurzinterventionen (Screening & Brief Intervention) | Keine spezifische Empfehlung |
| Kokain | KVT und Kontingenzmanagement | Dexamphetamin/Methylphenidat nicht empfohlen |
💡Praxis-Tipp
Verschreiben Sie Valproat niemals an Frauen im gebärfähigen Alter. Nutzen Sie bei Angststörungen primär SSRI und KVT, Benzodiazepine maximal für 3-7 Tage im akuten Notfall.