Stressbedingte Störungen: Leitlinie (WHO)
📋Auf einen Blick
- •Psychologische Erste Hilfe (PFA) wird als Basisintervention bei akuten traumatischen Stresssymptomen empfohlen.
- •Traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie (CBT) oder EMDR sind Mittel der Wahl bei PTBS.
- •Benzodiazepine und Antidepressiva sollen im ersten Monat nach einem Trauma nicht routinemäßig eingesetzt werden.
- •Bei sekundärer Enuresis nach Traumata ist die Psychoedukation der Eltern (Vermeidung von Bestrafung) essenziell.
- •Strukturierte psychologische Interventionen sollen bei Trauer ohne Vorliegen einer psychischen Störung nicht universell angeboten werden.
Hintergrund
Die WHO-Leitlinie (2013) richtet sich primär an medizinisches Personal in der primären Gesundheitsversorgung. Sie behandelt die Therapie von Problemen und Störungen, die spezifisch nach extremen Belastungen oder traumatischen Ereignissen auftreten. Dazu zählen akute Stresssymptome im ersten Monat nach dem Ereignis, die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) sowie unkomplizierte Trauer. Generell gilt: Organische Ursachen müssen stets ausgeschlossen werden.
Akute traumatische Stresssymptome
Die Symptomatik im ersten Monat umfasst Intrusionen, Vermeidung und Übererregung. Als Basisintervention sollte allen Betroffenen Psychologische Erste Hilfe (PFA) angeboten werden.
| Population | Psychologische Intervention | Pharmakotherapie |
|---|---|---|
| Erwachsene | Traumafokussierte CBT sollte bei deutlicher Beeinträchtigung erwogen werden (Standard). Keine Empfehlung für alleiniges EMDR oder Entspannung. | Benzodiazepine (Stark) und Antidepressiva (Standard) sollen nicht angeboten werden. |
| Kinder & Jugendliche | Keine spezifische Empfehlung für frühe psychologische Interventionen. | Benzodiazepine und Antidepressiva sollen nicht angeboten werden (Stark). |
Spezifische akute Stresssymptome
- Insomnie (Erwachsene): Entspannungsverfahren und Aufklärung über Schlafhygiene sollten erwogen werden (Standard). Benzodiazepine sollen nicht angeboten werden (Standard).
- Insomnie (Kinder & Jugendliche): Benzodiazepine sollen nicht angeboten werden (Stark).
- Sekundäre nicht-organische Enuresis (Kinder): Betreuer müssen über die negativen Effekte von Bestrafung aufgeklärt werden (Stark). Elterntraining, einfache Maßnahmen (Belohnungssysteme) und ggf. Alarm-Systeme sollten erwogen werden (Standard).
| Symptom | Altersgruppe | Empfehlung |
|---|---|---|
| Dissoziation / Konversion | Alle | Keine spezifische Empfehlung. Physische Ursachen ausschließen, PFA anwenden. |
| Hyperventilation | Erwachsene & Jugendliche | Keine spezifische Empfehlung zur Rückatmung in eine Papiertüte. |
| Hyperventilation | Kinder | Rückatmung in eine Papiertüte soll nicht angewendet werden (Standard). |
Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)
Die Behandlung der PTBS stützt sich primär auf psychologische Verfahren.
| Therapieform | Erwachsene | Kinder & Jugendliche |
|---|---|---|
| Psychologisch | Einzel- oder Gruppen-CBT mit Traumafokus, EMDR oder Stressmanagement sollten erwogen werden (Standard). | Einzel- oder Gruppen-CBT mit Traumafokus oder EMDR sollten erwogen werden (Standard). |
| Pharmakologisch | SSRI und TCA sind keine Erstlinientherapie. Einsatz nur, wenn psychologische Therapien versagen/fehlen oder bei komorbider schwerer Depression (Standard). | Antidepressiva sollen nicht zur Behandlung der PTBS eingesetzt werden (Stark). |
Trauer ohne psychische Störung
Trauer ist eine normale Reaktion. Wenn die Kriterien einer psychischen Störung nicht erfüllt sind, gelten folgende Empfehlungen:
- Strukturierte psychologische Interventionen sollen nicht universell für alle Trauernden angeboten werden (Stark).
- Benzodiazepine sollen Trauernden nicht angeboten werden (Stark).
- Allgemeine Prinzipien der guten Kommunikation, soziale Unterstützung und kulturspezifische Trauerrituale sollen gefördert werden.
💡Praxis-Tipp
Verschreiben Sie im ersten Monat nach einem Trauma keine Benzodiazepine oder Antidepressiva zur Behandlung akuter Stresssymptome. Setzen Sie stattdessen auf Psychologische Erste Hilfe (PFA).