Mentale Gesundheit am Arbeitsplatz: WHO-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Etwa 15 % der Erwachsenen im erwerbsfähigen Alter leben mit einer psychischen Erkrankung.
- •Organisatorische Interventionen zur Reduktion psychosozialer Risiken werden für alle Arbeitnehmer empfohlen.
- •Für Arbeitnehmer mit psychischen Erkrankungen sollen angemessene Vorkehrungen (Reasonable Accommodations) getroffen werden.
- •Führungskräfte sollten geschult werden, um die mentale Gesundheit ihrer Mitarbeiter zu unterstützen und Stigmatisierung abzubauen.
Hintergrund
Weltweit leben schätzungsweise 15 % der Erwachsenen im erwerbsfähigen Alter mit einer psychischen Erkrankung. Häufige psychische Störungen wie Depressionen und Angstzustände kosten die Weltwirtschaft jährlich etwa 1 Billion US-Dollar, hauptsächlich durch Produktivitätsverluste (Präsentismus) und Fehlzeiten. Arbeit ist ein sozialer Determinant der mentalen Gesundheit: Sinnvolle Arbeit wirkt protektiv, während schlechte Arbeitsbedingungen psychische Erkrankungen verschlechtern oder verursachen können.
Psychosoziale Risikofaktoren am Arbeitsplatz
Die Leitlinie identifiziert verschiedene Kategorien von Risikofaktoren, die die mentale Gesundheit beeinträchtigen können:
| Kategorie | Beispiele für Risikofaktoren |
|---|---|
| Arbeitsinhalt | Monotone Arbeit, Unterforderung, hohe Unsicherheit |
| Arbeitsbelastung | Überlastung, hoher Zeitdruck, ständige Deadlines |
| Arbeitszeiten | Schichtarbeit, Nachtschichten, unflexible oder unvorhersehbare Zeiten |
| Kontrolle | Geringe Mitbestimmung, fehlende Kontrolle über das Arbeitspensum |
| Arbeitsumfeld | Mangelhafte Ausrüstung, Lärm, Platzmangel |
| Organisationskultur | Schlechte Kommunikation, mangelnde Unterstützung, unklare Ziele |
| Zwischenmenschliches | Isolation, Konflikte, Mobbing, Belästigung, fehlende soziale Unterstützung |
| Karriereentwicklung | Jobunsicherheit, schlechte Bezahlung, Unter- oder Überforderung |
| Schnittstelle Beruf/Privat | Konflikte zwischen Arbeit und Familie, geringe Unterstützung zu Hause |
Organisatorische Interventionen
Die WHO spricht folgende Empfehlungen auf organisatorischer Ebene aus:
- Universelle organisatorische Interventionen: Maßnahmen, die psychosoziale Risikofaktoren adressieren (inklusive partizipativer Ansätze), können in Betracht gezogen werden, um emotionale Belastungen zu reduzieren (Bedingte Empfehlung, sehr niedrige Evidenz).
- Gesundheits-, Humanitär- und Rettungskräfte: Für diese Risikogruppen können spezifische organisatorische Maßnahmen (z. B. Anpassung von Arbeitsbelastung und Dienstplänen, Verbesserung von Kommunikation und Teamwork) erwogen werden (Bedingte Empfehlung, sehr niedrige Evidenz).
- Arbeitnehmer mit psychischen Erkrankungen: Es sollten angemessene Vorkehrungen (Reasonable Accommodations) am Arbeitsplatz im Einklang mit internationalen Menschenrechtsprinzipien getroffen werden (Starke Empfehlung, sehr niedrige Evidenz). Zu den Anpassungen gehören flexible Arbeitszeiten, modifizierte Aufgabenbeschreibungen oder Anpassungen der physischen Arbeitsumgebung.
Führungskräftetraining
Führungskräfte spielen eine zentrale Rolle bei der Unterstützung der mentalen Gesundheit ihrer Mitarbeiter. Die Leitlinie empfiehlt:
- Training für Führungskräfte: Schulungen sollten durchgeführt werden, um das Wissen, die Einstellungen und das Verhalten von Managern in Bezug auf mentale Gesundheit zu verbessern und das Hilfesuchverhalten der Mitarbeiter zu fördern (Starke Empfehlung, moderate Evidenz). Manager sollen jedoch keine Diagnosen stellen oder als Therapeuten agieren.
- Spezifische Berufsgruppen: Auch für Führungskräfte von Gesundheits-, Humanitär- und Rettungskräften wird ein solches Training ausdrücklich empfohlen (Starke Empfehlung, moderate Evidenz).
💡Praxis-Tipp
Integrieren Sie regelmäßige Schulungen für Führungskräfte, um psychosoziale Risiken frühzeitig zu erkennen. Bieten Sie Mitarbeitern mit psychischen Belastungen proaktiv flexible Arbeitszeiten oder angepasste Aufgaben an, ohne sie zu stigmatisieren.