Chronischer Kreuzschmerz: WHO-Leitlinie (2023)
📋Auf einen Blick
- •Strukturierte Bewegungstherapien, manuelle Therapien und kognitive Verhaltenstherapie (CBT) werden bedingt empfohlen.
- •NSAR sind die einzige systemische medikamentöse Therapie mit einer bedingten Empfehlung.
- •Opioide, Antidepressiva, Muskelrelaxanzien und Glukokortikoide sollen nicht routinemäßig eingesetzt werden.
- •Passive physikalische Therapien wie TENS, Ultraschall und Traktion werden nicht empfohlen.
- •Ein multikomponenter biopsychosozialer Ansatz wird für die Versorgung empfohlen.
Hintergrund
Chronischer primärer Kreuzschmerz (CPLBP) ist definiert als Schmerz im unteren Rücken, der länger als drei Monate anhält oder rezidiviert und nicht zuverlässig auf eine zugrunde liegende Erkrankung (z. B. Entzündung, Malignom) oder strukturelle Läsion zurückzuführen ist. Die WHO-Leitlinie (2023) fokussiert sich auf die nicht-operative Behandlung von Erwachsenen (inklusive älterer Menschen ab 60 Jahren) im primärärztlichen und ambulanten Bereich.
Medikamentöse Therapie
Die Leitlinie zeigt eine deutliche Zurückhaltung bei systemischen Pharmakotherapien. Lediglich Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) werden positiv bewertet.
| Wirkstoffklasse | Empfehlung | Evidenzgrad |
|---|---|---|
| NSAR | Bedingte Empfehlung dafür | Moderat |
| Opioid-Analgetika | Bedingte Empfehlung dagegen | Moderat |
| SNRI-Antidepressiva | Bedingte Empfehlung dagegen | Niedrig |
| Trizyklische Antidepressiva | Bedingte Empfehlung dagegen | Sehr niedrig |
| Antikonvulsiva | Bedingte Empfehlung dagegen | Sehr niedrig |
| Muskelrelaxanzien | Bedingte Empfehlung dagegen | Sehr niedrig |
| Glukokortikoide | Bedingte Empfehlung dagegen | Sehr niedrig |
| Topischer Cayennepfeffer | Bedingte Empfehlung dafür | Niedrig |
| Lokalanästhetika (Injektion) | Bedingte Empfehlung dagegen | Sehr niedrig |
- Paracetamol, Benzodiazepine & medizinisches Cannabis: Für diese Wirkstoffe gibt es keine Empfehlung mangels Evidenz. Die WHO warnt jedoch explizit vor potenziellen Schäden (z. B. kardiovaskuläre/gastrointestinale Risiken bei Paracetamol, Abhängigkeit und Sturzgefahr bei Benzodiazepinen) bei gleichzeitig fehlendem Wirknachweis für CPLBP.
Physikalische und Manuelle Therapien
Aktive Therapien werden gegenüber rein passiven Modalitäten bevorzugt.
| Therapieform | Empfehlung |
|---|---|
| Strukturierte Bewegungstherapie | Bedingte Empfehlung dafür |
| Akupunktur / Needling | Bedingte Empfehlung dafür |
| Spinale manipulative Therapie | Bedingte Empfehlung dafür |
| Massage | Bedingte Empfehlung dafür |
| Mobilitätshilfen (Gehhilfen etc.) | Gute klinische Praxis (dafür) |
| TENS | Bedingte Empfehlung dagegen |
| Therapeutischer Ultraschall | Bedingte Empfehlung dagegen |
| Traktion | Bedingte Empfehlung dagegen |
| Lendenmieder / Stützgürtel | Bedingte Empfehlung dagegen |
Psychologische und Multikomponente Therapien
Ein biopsychosozialer Ansatz wird bei der Behandlung des chronischen Kreuzschmerzes ausdrücklich unterstützt.
- Kognitive Verhaltenstherapie (CBT): Bedingte Empfehlung dafür
- Operante Therapie: Bedingte Empfehlung dafür
- Multikomponente biopsychosoziale Versorgung: Bedingte Empfehlung dafür (durch ein multidisziplinäres Team)
- Pharmakologische Gewichtsreduktion: Bedingte Empfehlung dagegen
Aufklärung und Beratung
- Strukturierte und standardisierte Aufklärung/Beratung: Bedingte Empfehlung dafür. Ziel ist es, das Verständnis für den Schmerz zu verbessern und das Selbstmanagement der Patienten zu fördern.
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie bei chronischem Kreuzschmerz auf die routinemäßige Verschreibung von Opioiden, Paracetamol oder Muskelrelaxanzien. Fokussieren Sie sich stattdessen auf Bewegungstherapie, NSAR und biopsychosoziale Ansätze.