Chronische Schmerzen bei Kindern: WHO-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Chronischer Schmerz bei Kindern ist definiert als Schmerz, der länger als 3 Monate anhält oder wiederkehrt.
- •Psychologische Therapien (z.B. CBT, ACT) zeigen kleine bis moderate Effekte auf Schmerzintensität und funktionelle Einschränkungen.
- •Physische Therapien sollten individuell angepasst werden, um Langeweile und anfängliche Schmerzverstärkung zu vermeiden.
- •Die Evidenz für medikamentöse Therapien (Antidepressiva, Antikonvulsiva, NSAR) ist bei chronischen Schmerzen im Kindesalter sehr gering.
Hintergrund
Die WHO-Leitlinie befasst sich mit dem Management chronischer Schmerzen bei Kindern und Jugendlichen (0-19 Jahre). Chronischer Schmerz ist definiert als Schmerz, der länger als drei Monate anhält oder wiederkehrt. Dies umfasst sowohl primäre chronische Schmerzen als auch sekundäre Schmerzen, die mit einer medizinischen Erkrankung einhergehen.
Psychologische Therapien
Psychologische Interventionen umfassen kognitive Verhaltenstherapie (CBT), Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT), Verhaltenstherapie und Entspannungsverfahren.
| Intervention | Evidenz (Certainty) | Effekte auf Endpunkte |
|---|---|---|
| CBT / ACT / Entspannung | Niedrig | Leichte Reduktion der Schmerzintensität (Post-Treatment). |
| CBT / ACT / Entspannung | Niedrig bis Moderat | Verbesserung der funktionellen Einschränkung. |
| Alle psychologischen Therapien | Hoch | Kein signifikanter Unterschied bei Depression oder Angst im Vergleich zur Kontrollgruppe. |
Wichtige qualitative Erkenntnisse:
- Gruppentherapien können normalisierend wirken, bei manchen Kindern aber auch Schuldgefühle oder Ängste auslösen.
- Online-Interventionen weisen oft eine geringe Adhärenz auf, wenn die Inhalte als langweilig oder repetitiv empfunden werden.
Physische Therapien
Physische Therapien beinhalten Physiotherapie, Muskelkräftigung und sportliche Aktivitäten. Die Evidenzqualität ist insgesamt sehr niedrig.
| Endpunkt | Effekt der physischen Therapie |
|---|---|
| Schmerzintensität | Leichte Reduktion (Post-Treatment), kein Unterschied im Follow-up. |
| Funktionelle Einschränkung | Leichte Verbesserung (Post-Treatment). |
| Unerwünschte Ereignisse | Kein Unterschied zur Kontrollgruppe. |
Barrieren der physischen Therapie:
- Zeitaufwand und langweilige Routinen führen zu familiären Konflikten und Therapieabbrüchen.
- Anfängliche Schmerzverstärkung (z.B. bei Fibromyalgie oder juveniler idiopathischer Arthritis) führt oft zu Angst und Non-Adhärenz.
Medikamentöse Therapien
Die Evidenz für pharmakologische Interventionen bei chronischen Schmerzen im Kindesalter ist stark limitiert (sehr niedrige bis niedrige Evidenzqualität). Untersucht wurden unter anderem Antidepressiva (Amitriptylin, Citalopram, Duloxetin), Antikonvulsiva (Pregabalin) und NSAR (Ibuprofen, Naproxen) sowie Triptane.
| Wirkstoffklasse | Untersuchte Wirkstoffe | Beobachtete Effekte (vs. Placebo) |
|---|---|---|
| Antikonvulsiva | Pregabalin | Leichte Reduktion der Schmerzintensität (Post-Treatment). |
| Antidepressiva | Amitriptylin, Citalopram, Duloxetin | Kein signifikanter Unterschied in der Schmerzintensität; leichte Verbesserung bei 50% Schmerzreduktion (Duloxetin). |
| NSAR / Triptane | Ibuprofen, Sumatriptan, Naproxen | Kein signifikanter Unterschied in der Schmerzintensität (Ibuprofen). |
Qualitative Aspekte zu Opioiden: Es besteht weltweit eine erhebliche Angst vor Opioid-Abhängigkeit, sowohl bei medizinischem Personal als auch bei Eltern. Dies kann zu einer Unterversorgung führen. In der Palliativ- und Onkologieversorgung ist die Akzeptanz von Opioiden jedoch höher.
Soziokulturelle Faktoren und Adhärenz
Die Leitlinie betont, dass Therapien individuell an das Kind angepasst werden müssen.
- Kulturelle Einflüsse: In einigen Kulturen wird Schmerz als unvermeidlich angesehen oder das Zeigen von Schmerz ist tabuisiert.
- Soziale Unterstützung: Unterstützung durch die Schule oder das soziale Umfeld verbessert die Adhärenz signifikant.
- Alltagstauglichkeit: Übungen, die weniger als 30 Minuten dauern und in den Alltag integriert werden können, werden besser angenommen.
💡Praxis-Tipp
Passen Sie physische und psychologische Interventionen individuell an das Alter und die Interessen des Kindes an. Kurze, in den Alltag integrierbare Übungen (unter 30 Minuten) erhöhen die Adhärenz deutlich.