Chronischer Schmerz: SIGN-Leitlinie zur Therapie
📋Auf einen Blick
- •Ein biopsychosoziales Assessment zur Bestimmung von Schmerztyp, Schweregrad und funktionellen Auswirkungen ist bei allen Patienten erforderlich.
- •Medikamentöse Therapien erfordern regelmäßige Reevaluationen (mindestens jährlich) und klare Abbruchkriterien bei Ineffektivität.
- •Starke Opioide können bei chronischen Kreuzschmerzen oder Arthrose erwogen werden, erfordern aber bei >180 mg/Tag Morphinäquivalent eine fachärztliche Überweisung.
- •Gabapentin, Pregabalin und Amitriptylin sind Mittel der Wahl bei neuropathischen Schmerzen und Fibromyalgie.
- •Multidisziplinäre Schmerzbewältigungsprogramme (PMP) und körperliches Training werden zur Verbesserung der Lebensqualität empfohlen.
Hintergrund
Chronischer Schmerz wird definiert als Schmerz, der länger als 12 Wochen besteht. Die Behandlung erfordert einen umfassenden Ansatz, da Schmerzwahrnehmung und resultierende Einschränkungen eng mit emotionalen, kognitiven und sozialen Faktoren verknüpft sind.
Assessment und Planung
Ein präzises Assessment ist die Grundlage jeder Therapieentscheidung.
- Kernaussage: Bei allen Patienten mit chronischen Schmerzen sollte eine kurze Anamnese, Untersuchung und ein biopsychosoziales Assessment durchgeführt werden.
- Es ist essenziell, den Schmerztyp (neuropathisch, nozizeptiv oder gemischt), den Schweregrad und die funktionellen Auswirkungen zu identifizieren.
- Patienten sollten aktiv auf Selbsthilferessourcen und Programme zum Selbstmanagement hingewiesen werden.
Medikamentöse Therapie
Die medikamentöse Therapie erfordert eine regelmäßige Überwachung. Patienten, die Analgetika einnehmen, sollten mindestens jährlich überprüft werden (häufiger bei Medikamentenwechsel oder veränderten Komorbiditäten).
| Wirkstoffklasse | Wirkstoff / Beispiel | Indikation | Empfehlungsgrad / Bemerkung |
|---|---|---|---|
| NSAR | Ibuprofen, Diclofenac | Chronische unspezifische Kreuzschmerzen | Grad B: Kardiovaskuläre und gastrointestinale Risiken zwingend beachten. |
| Nicht-Opioide | Paracetamol | Hüft- oder Kniearthrose | Grad C: 1.000-4.000 mg/Tag, allein oder kombiniert mit NSAR. |
| Topika | NSAR-Topika | Muskuloskelettale Schmerzen | Grad A: Besonders bei Unverträglichkeit oraler NSAR. |
| Topika | Capsaicin-Pflaster (8%) | Periphere neuropathische Schmerzen | Grad A: Wenn Erstlinientherapien versagen. |
| Topika | Lidocain-Pflaster | Post-Zoster-Neuralgie | Grad B: Wenn Erstlinientherapien versagen. |
Opioidtherapie
Opioide können bei bestimmten chronischen Schmerzsyndromen wirksam sein, bergen jedoch Risiken.
- Grad B: Starke Opioide können bei chronischen Kreuzschmerzen oder Arthrose erwogen werden. Fortführung nur bei anhaltender Schmerzlinderung.
- Grad B: Patienten müssen über häufige Nebenwirkungen wie Übelkeit und Obstipation aufgeklärt werden.
- Grad B: Bei unzureichender Wirkung oder Nebenwirkungen sollte eine Opioidrotation erwogen werden.
- Grad C: Bei Reevaluationen muss auf Anzeichen von Missbrauch und Abhängigkeit geachtet werden.
- Grad D: Eine fachärztliche Überweisung ist indiziert bei rascher Dosissteigerung ohne Effekt oder wenn eine Dosis von >180 mg/Tag Morphinäquivalent benötigt wird.
Anti-Epileptika und Antidepressiva
Diese Substanzklassen sind primär bei neuropathischen Schmerzen und Fibromyalgie indiziert.
| Wirkstoff | Zieldosis | Indikation | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|---|
| Gabapentin | mind. 1.200 mg/Tag | Neuropathischer Schmerz | Grad A |
| Pregabalin | mind. 300 mg/Tag | Neuropathischer Schmerz (nach Versagen anderer Therapien), Fibromyalgie | Grad A (Flexible Dosierung: Grad B) |
| Carbamazepin | - | Neuropathischer Schmerz | Grad B |
| Amitriptylin | 25-125 mg/Tag | Fibromyalgie, Neuropathischer Schmerz | Grad A |
| Duloxetin | 60 mg/Tag | Diabetische Neuropathie, Fibromyalgie, Arthrose | Grad A |
| Fluoxetin | 20-80 mg/Tag | Fibromyalgie | Grad B |
- Grad A: Trizyklische Antidepressiva (wie Amitriptylin) sollten nicht zur Behandlung chronischer Kreuzschmerzen eingesetzt werden.
- Grad A: Kombinationstherapien sollten bei neuropathischen Schmerzen erwogen werden (z.B. Zugabe eines Opioids zu Gabapentin/Pregabalin, falls Monotherapie unzureichend).
Psychologische und Physikalische Interventionen
Die Kombination aus körperlichen und psychologischen Verfahren ist ein zentraler Pfeiler der Behandlung.
- Grad C: Die Überweisung in ein multidisziplinäres Schmerzbewältigungsprogramm (Pain Management Programme) sollte erwogen werden.
- Grad C: Kurzinterventionen zur Edukation sollten angeboten werden, um die Arbeitsfähigkeit zu erhalten.
- Grad C: Progressive Muskelrelaxation oder EMG-Biofeedback können erwogen werden.
- Grad B: Körperliches Training und Bewegungstherapien werden unabhängig von ihrer Form empfohlen.
- Grad A: Bei chronischen Kreuzschmerzen muss zusätzlich zur Bewegungstherapie der Rat gegeben werden, aktiv zu bleiben (Beratung allein reicht nicht aus).
💡Praxis-Tipp
Überprüfen Sie die analgetische Medikation mindestens einmal jährlich. Setzen Sie Medikamente (insbesondere Anti-Neuropathika) konsequent ab, wenn nach adäquater Dosistitration über 2-4 Wochen keine klinisch relevante Besserung eintritt.