Tumorschmerz-Therapie: Aktuelle WHO-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •NSAR, Paracetamol und Opioide sollen zur initialen Schmerztherapie je nach Schmerzintensitaet eingesetzt werden.
- •Zur Erhaltungstherapie kann jedes Opioid verwendet werden; retardiertes oder unretardiertes orales Morphin wird empfohlen.
- •Bei Durchbruchschmerzen sollte unretardiertes Morphin als Bedarfsmedikation (Rescue) eingesetzt werden.
- •Adjuvante Steroide sind bei entsprechender Indikation zur Schmerzkontrolle empfohlen.
- •Bei Knochenmetastasen sollen Bisphosphonate und eine Einzeldosis-Radiotherapie angewendet werden.
Hintergrund
Schmerzen treten bei 55 % der Patienten unter laufender Tumortherapie und bei 66 % der Patienten im fortgeschrittenen oder terminalen Stadium auf. Das Ziel der Tumorschmerztherapie ist es, die Schmerzen auf ein Mass zu reduzieren, das eine akzeptable Lebensqualitaet ermoeglicht. Die WHO-Leitlinie fokussiert sich auf die medikamentoese und radiotherapeutische Behandlung bei Erwachsenen und Heranwachsenden.
Prinzipien der Schmerztherapie
Die Verabreichung von Analgetika sollte nach vier Grundprinzipien erfolgen:
| Prinzip | Bedeutung |
|---|---|
| By mouth (Oral) | Wenn immer moeglich, sollten Analgetika oral verabreicht werden. |
| By the clock (Nach der Uhr) | Feste Zeitintervalle; die naechste Dosis muss vor Wirkverlust der vorherigen gegeben werden. |
| For the individual (Individuell) | Die korrekte Dosis ist diejenige, die den Schmerz auf ein akzeptables Niveau senkt. |
| Attention to detail (Detailgenau) | Erste und letzte Dosis an Wach- und Schlafenszeiten anpassen; genaue Aufklaerung. |
Initiale Schmerztherapie
- Starke Empfehlung (niedrige Evidenz): NSAR, Paracetamol und Opioide sollen zur Einleitung der Schmerztherapie verwendet werden (allein oder in Kombination), abhaengig von der Schmerzintensitaet.
- Leichte Analgetika (Paracetamol, NSAR) sollten bei mittelstarken bis starken Schmerzen nicht allein gegeben werden.
- Eine Kombination aus Paracetamol/NSAR mit einem Opioid (z. B. orales Morphin) kann bei entsprechender Schmerzintensitaet direkt gestartet werden.
Erhaltungstherapie mit Opioiden
| Massnahme | Empfehlung | Evidenzgrad |
|---|---|---|
| Opioid-Auswahl | Jedes Opioid kann zur Erhaltungstherapie erwogen werden. | Starke Empfehlung, niedrige Evidenz |
| Morphin-Formulierung | Regelmaessig dosiertes unretardiertes oder retardiertes Morphin soll verwendet werden. | Starke Empfehlung, moderate Evidenz |
| Durchbruchschmerz | Unretardiertes orales Morphin soll als Bedarfsmedikation (Rescue) dienen. | Best Practice |
| Applikationsweg | Subkutane Gabe ist der intramuskulaeren vorzuziehen, falls oral/transdermal nicht moeglich. | Best Practice |
| Opioid-Entzug | Bei physischer Abhaengigkeit Dosis schrittweise reduzieren, um Entzugssymptome zu vermeiden. | Best Practice |
Die WHO gibt keine Empfehlung zur Opioid-Rotation (Switching) ab, da hierfuer keine ausreichende Evidenz vorliegt. Ein individueller Heilversuch kann bei unzureichender Analgesie oder schweren Nebenwirkungen erwogen werden.
Adjuvante Medikamente
Adjuvantien koennen notwendig sein, um die Schmerzlinderung zu verbessern oder Begleitsymptome zu behandeln.
- Steroide: Sollen bei entsprechender Indikation zur Schmerzkontrolle gegeben werden (Starke Empfehlung, moderate Evidenz). Sie sollten so kurz wie moeglich verschrieben werden. Bei tumorbedingten Oedemen sind Steroide mit geringster mineralokortikoider Wirkung zu bevorzugen.
- Antidepressiva und Antikonvulsiva: Die WHO gibt keine Empfehlung fuer oder gegen den Einsatz bei tumorbedingten neuropathischen Schmerzen ab (aufgrund mangelnder oder fehlerhafter Evidenz). Ein individueller Heilversuch kann erwogen werden.
Management von Knochenschmerzen
Knochenmetastasen erfordern eine spezifische therapeutische Herangehensweise:
| Therapie | Indikation | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|
| Bisphosphonate | Praevention und Behandlung von Knochenschmerzen bei Metastasen. | Starke Empfehlung, moderate Evidenz |
| Radiotherapie | Einzeldosis-Radiotherapie bei schmerzhaften Knochenmetastasen (falls verfuegbar). | Starke Empfehlung, hohe Evidenz |
💡Praxis-Tipp
Bevorzugen Sie bei der parenteralen Opioidgabe stets die subkutane Route gegenueber der intramuskulaeren Injektion, da diese fuer den Patienten deutlich weniger schmerzhaft ist.