Chronische Schmerzen bei Kindern: Leitlinie (WHO)
📋Auf einen Blick
- •Chronischer Schmerz bei Kindern (Dauer > 3 Monate) erfordert zwingend einen biopsychosozialen, multimodalen Therapieansatz.
- •Physikalische Therapien und psychologische Verfahren (wie CBT oder ACT) werden als Behandlungsoptionen empfohlen.
- •Psychologische Therapien können sowohl Face-to-Face als auch remote (digital) durchgeführt werden.
- •Eine medikamentöse Therapie sollte individuell auf spezifische Indikationen zugeschnitten sein.
- •Morphin kann unter strengen Kriterien des Opioid Stewardship bei lebenslimitierenden Erkrankungen und am Lebensende eingesetzt werden.
Hintergrund
Chronische Schmerzen bei Kindern und Jugendlichen (0 bis 19 Jahre) sind definiert als Schmerzen, die länger als drei Monate anhalten oder wiederkehren. Die WHO unterteilt diese in primäre chronische Schmerzen (unabhängig von identifizierten biologischen oder psychologischen Ursachen) und sekundäre chronische Schmerzen (mit klarer zugrundeliegender Ätiologie, z.B. Krebserkrankungen). Chronische Schmerzen beeinträchtigen die emotionale, psychologische, physische und soziale Entwicklung der betroffenen Kinder erheblich.
Best Practices im klinischen Management
Die Behandlung chronischer Schmerzen bei Kindern darf nicht rein biomedizinisch erfolgen. Folgende Prinzipien sind für das klinische Management essenziell:
- Biopsychosoziales Modell: Schmerz muss als multidimensionales Erlebnis verstanden werden, das biologische, psychologische und soziale Faktoren umfasst.
- Umfassendes Assessment: Nutzung alters-, kontext- und kulturgerechter Tools zur Erfassung der Schmerzintensität und der Lebensqualität.
- Behandlung von Grunderkrankungen: Parallele und angemessene Therapie von Komorbiditäten.
- Patienten- und familienzentrierte Versorgung: Einbindung der Familie in die gemeinsame Entscheidungsfindung (Shared Decision-Making) und klare, altersgerechte Kommunikation.
- Multimodaler Ansatz: Interdisziplinäre Kombination verschiedener Therapieformen, angepasst an die Ressourcen und Bedürfnisse des Kindes.
Therapieempfehlungen
Die WHO spricht basierend auf der aktuellen Evidenzlage folgende Empfehlungen für das Management chronischer Schmerzen aus:
| Therapieform | Spezifikation | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|
| Physikalische Therapie | Allein oder in Kombination mit anderen Therapien | Bedingte Empfehlung (sehr niedrige Evidenz) |
| Psychologische Therapie | Kognitive Verhaltenstherapie (CBT), ACT, Verhaltenstherapie, Entspannungstherapie | Bedingte Empfehlung (moderate Evidenz) |
| Psychologisches Setting | Face-to-Face, remote oder als kombinierter Ansatz | Bedingte Empfehlung (moderate Evidenz) |
| Medikamentöse Therapie | Individuell angepasst an spezifische Indikationen und Bedingungen | Bedingte Empfehlung (niedrige Evidenz) |
Einsatz von Morphin und Opioid Stewardship
Der Einsatz von starken Opioiden wie Morphin ist bei Kindern mit chronischen Schmerzen streng reglementiert und erfordert ein umfassendes Opioid Stewardship.
| Indikation für Morphin | Voraussetzung | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|
| End-of-Life Care | Anwendung unter den Prinzipien des Opioid Stewardship | Bedingte Empfehlung (sehr niedrige Evidenz) |
| Lebenslimitierende Erkrankungen | Gabe durch geschultes Personal unter Opioid Stewardship | Bedingte Empfehlung (sehr niedrige Evidenz) |
Essenzielle Prinzipien des Opioid Stewardship bei Kindern:
- Einsatz nur für angemessene Indikationen durch geschultes Personal nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung.
- Kontinuierliches Monitoring und Evaluation von Schmerzlinderung und Nebenwirkungen.
- Klarer Plan für die Fortführung, das Ausschleichen (Tapering) oder Absetzen der Opioide, der mit der Familie kommuniziert wird.
- Sichere Beschaffung, Lagerung und Entsorgung ungenutzter Opioide.
💡Praxis-Tipp
Behandeln Sie chronische Schmerzen bei Kindern niemals rein biomedizinisch. Nutzen Sie stets ein biopsychosoziales Assessment und klären Sie Familien transparent über Behandlungspläne und das geplante Ausschleichen von Medikamenten auf.