S3-Leitlinie Psychoonkologie: Diagnostik & Therapie (DKG)
📋Auf einen Blick
- •Psychoonkologische Versorgung soll in allen onkologischen Kliniken und Reha-Einrichtungen durch qualifizierte Fachkräfte vorgehalten werden.
- •Bei anhaltenden Schmerzen, starker körperlicher Symptombelastung oder Fatigue soll zwingend auf psychische Störungen gescreent werden.
- •Subsyndromale Belastungen wie Distress, Progredienzangst und Depressivität erfordern frühzeitige ambulante Beratungsangebote.
- •Die Erfassung der Lebensqualität umfasst körperliche, psychische, soziale und spirituelle Dimensionen.
- •Selbsthilfegruppen und Sozialdienste sind essenzielle Bestandteile der sektorenübergreifenden psychoonkologischen Versorgung.
Hintergrund
Die Psychoonkologie befasst sich mit dem Erleben, Verhalten und den spezifischen Belastungen von Krebspatientinnen sowie deren Angehörigen. Ziel ist es, die Krankheitsverarbeitung zu unterstützen, die Lebensqualität zu erhalten oder zu verbessern und soziale Ressourcen zu stärken. Die S3-Leitlinie (Version 2.0, 2023) definiert die strukturellen Voraussetzungen und klinischen Empfehlungen für die psychoonkologische Diagnostik, Beratung und Behandlung erwachsener Krebspatientinnen.
Strukturelle Voraussetzungen
Die psychoonkologische Versorgung muss sektorenübergreifend und in allen Phasen der Erkrankung sichergestellt sein.
| Versorgungsbereich | Empfehlung zur Struktur |
|---|---|
| Krankenhaus | Ein psychoonkologisches Versorgungsangebot durch qualifizierte Fachkräfte soll in allen onkologischen Kliniken vorgehalten werden. |
| Rehabilitation | Stationäre und ambulante Reha-Einrichtungen sollen psychoonkologische Fachkräfte integrieren. |
| Sozialdienste | Ein Angebot zur sozialen Beratung soll in allen stationären/ambulanten Einrichtungen verfügbar sein. |
| Palliativversorgung | Psychoonkologisch qualifizierte Mitarbeiter*innen sollten auf Palliativstationen etabliert werden. |
| Ambulanter Sektor | Wohnortnaher Zugang soll gewährleistet sein; psychosoziale Krebsberatungsstellen sollen bei subsyndromalen Belastungen empfohlen werden. |
| Selbsthilfe | Patient*innen sollen über Angebote der Krebs-Selbsthilfe informiert werden; diese sollen in die Versorgung einbezogen werden. |
Psychosoziale Belastungen und Lebensqualität
Krebspatient*innen sind mit vielfältigen Problemen konfrontiert, die in der psychoonkologischen Versorgung berücksichtigt werden sollen:
- Körperliche Probleme: Fatigue, Schmerzen, Schlafprobleme, Übelkeit, körperliche Veränderungen.
- Psychische Probleme: Distress, Progredienz-/Rezidivangst, Depressivität, Trauer, Körperbildstörungen.
- Soziale Probleme: Isolation, finanzielle Belastungen, berufliche Einschränkungen, familiäre Konflikte.
- Spirituelle/religiöse Probleme: Sinnverlust, Hoffnungslosigkeit, ethische Konflikte.
Subsyndromale Belastungen
Zu den häufigsten subsyndromalen Belastungen (unterhalb der ICD-10/DSM-IV Kriterien) zählen:
- Distress: bei bis zu 59 % der Patient*innen
- Ängste (v. a. Progredienzangst): bei bis zu 48 % (Progredienzangst bis zu 32 %)
- Depressivität: bei bis zu 58 %
Psychische Komorbidität und Risikofaktoren
Die häufigsten manifesten psychischen Störungen bei Krebspatient*innen sind affektive Störungen, Angststörungen, Anpassungsstörungen und Störungen durch psychotrope Substanzen.
Bestimmte Faktoren begünstigen das Auftreten psychischer Störungen:
- Schmerzen
- Hohe körperliche Symptombelastung
- Fatigue
- Psychische Störungen in der Vorgeschichte
Empfehlung zur Diagnostik:
- Vor allem bei anhaltenden Schmerzen, starker körperlicher Symptombelastung oder Fatigue soll die psychische Belastung sowie das Vorliegen einer psychischen Störung abgeklärt werden (Empfehlungsgrad A).
Psychoonkologische Interventionen
Das Spektrum der psychoonkologischen Maßnahmen ist verfahrensübergreifend und umfasst unter anderem:
- Psychoedukation und psychosoziale Beratung
- Entspannungsverfahren und imaginative Verfahren
- Psychotherapeutische Einzel-, Gruppen- und Paarinterventionen
- Künstlerische Therapien (Kunst-, Musik-, Tanztherapie)
- Psychoonkologische Krisenintervention
- E-Health-Anwendungen
- Psychopharmakologische Behandlung (unter Beachtung von Interaktionen)
💡Praxis-Tipp
Achten Sie bei Krebspatient*innen mit ausgeprägter Fatigue oder starken Schmerzen aktiv auf psychische Komorbiditäten und leiten Sie frühzeitig ein Belastungsscreening ein.