Psychoonkologie Leitlinie: Diagnostik & Therapie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Rund 34 % der Krebspatienten haben einen Bedarf an psychosozialer Unterstützung, während 70-90 % Informationen zu Krankheit und Behandlung wünschen.
- •Häufigste psychische Komorbiditäten sind affektive Störungen, Angststörungen und Anpassungsstörungen.
- •Bei anhaltenden Schmerzen, hoher Symptombelastung oder Fatigue soll zwingend auf psychische Belastungen gescreent werden.
- •Psychoonkologische Versorgungsangebote sollen in allen Sektoren (Klinik, Reha, ambulant) vorgehalten werden.
Hintergrund
Die Psychoonkologie befasst sich mit dem Erleben, Verhalten und den spezifischen Belastungen von Krebspatienten im Zusammenhang mit ihrer Erkrankung. Ziel ist es, die Krankheitsverarbeitung zu unterstützen, das psychische Befinden zu verbessern, soziale Ressourcen zu stärken und die Lebensqualität der Patienten und ihrer Angehörigen zu erhalten.
Psychosoziale Belastungen und Lebensqualität
Krebspatienten sind im Verlauf ihrer Erkrankung mit vielfältigen körperlichen, psychischen, sozialen und spirituellen Problemen konfrontiert. Die Erfassung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität erfolgt multidimensional:
| Dimension | Häufige Probleme und Symptome |
|---|---|
| Körperlich | Fatigue, Schmerzen, Schlafprobleme, Übelkeit, Gewichtsveränderungen |
| Psychisch | Distress, Progredienzangst, Depressivität, Trauer, Selbstwertprobleme |
| Sozial | Isolation, finanzielle Belastungen, familiäre Konflikte, berufliche Einschränkungen |
| Spirituell | Sinnverlust, Hoffnungslosigkeit, ethische Konflikte |
Zur standardisierten Erfassung der Lebensqualität werden in der Onkologie häufig folgende Instrumente eingesetzt:
| Instrument | Anwendungsbereich |
|---|---|
| EORTC QLQ C30 | Multidimensionale Basiserhebung (ergänzbar durch spezifische Module) |
| FACT-G | Multidimensionale Basiserhebung |
| SF-36 | Generische, diagnoseübergreifende Erfassung |
Psychische Komorbidität und Risikofaktoren
Zu den häufigsten psychischen Störungen bei Krebspatienten zählen affektive Störungen, Angststörungen, Anpassungsstörungen und Störungen durch psychotrope Substanzen.
Empfehlungsgrad A: Vor allem bei anhaltenden Schmerzen, starker körperlicher Symptombelastung oder Fatigue soll die psychische Belastung sowie das Vorliegen einer psychischen Störung abgeklärt werden.
Folgende Risikofaktoren begünstigen das Auftreten psychischer Störungen bei Krebspatienten:
- Schmerzen
- Hohe körperliche Symptombelastung
- Fatigue
- Vorliegen einer psychischen Störung in der Vorgeschichte
- Jüngeres Alter (tendenziell)
- Fortschreitende Erkrankung (tendenziell)
Strukturelle Voraussetzungen der Versorgung
Eine patientenorientierte Information über psychoonkologische Unterstützungsangebote soll frühzeitig und krankheitsbegleitend sichergestellt werden. Die Versorgung erfolgt sektorenübergreifend:
| Versorgungsbereich | Strukturvorgabe | Bemerkung |
|---|---|---|
| Krankenhaus | Psychoonkologisches Angebot durch qualifizierte Fachkräfte | Soll-Empfehlung für alle onkologischen Kliniken |
| Rehabilitation | Psychoonkologisches Angebot in stationären/ambulanten Rehas | Fokus auf Krankheitsverarbeitung und berufliche Reintegration |
| Ambulant | Psychosoziale Krebsberatungsstellen | Anlaufstellen bei subsyndromalen Belastungen |
| Palliativversorgung | Integrierte psychoonkologische Mitarbeiter | Fokus auf Lebensqualität in der letzten Lebensphase |
Zusätzlich sollen Krebspatienten und ihre Angehörigen in jeder Phase des Versorgungsprozesses über qualifizierte Unterstützungsangebote der Krebs-Selbsthilfe informiert werden.
💡Praxis-Tipp
Achten Sie bei Krebspatienten mit ausgeprägter Fatigue oder starken Schmerzen aktiv auf Anzeichen psychischer Störungen und leiten Sie frühzeitig eine psychoonkologische Diagnostik ein.