Komplementärmedizin in der Onkologie: S3-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Patienten sollen frühzeitig und im Verlauf wiederholt zur Nutzung komplementärer Maßnahmen befragt werden.
- •Körperliche Aktivität und Sport haben eine starke Empfehlung (Soll) bei Fatigue und zur Verbesserung der Lebensqualität.
- •Yoga und Tai Chi/Qigong sollten bei Fatigue und Schlafstörungen empfohlen werden.
- •Ärzte sollen vor unseriösen Anbietern warnen und auf Qualitätskriterien hinweisen.
- •Aloe Vera soll nicht zur Vorbeugung einer strahleninduzierten Dermatitis eingesetzt werden.
Hintergrund
Die S3-Leitlinie zur Komplementärmedizin in der Onkologie (Version 2.0, Mai 2024) bietet evidenzbasierte Empfehlungen für den Einsatz komplementärer und alternativer Methoden (KAM) bei Krebspatienten. Ziel ist es, die supportive Therapie zu verbessern, die Patientenautonomie zu stärken und vor Nebenwirkungen sowie Interaktionen mit der onkologischen Standardtherapie zu schützen.
Patienteninformation und Aufklärung
Ein zentraler Aspekt der Leitlinie ist die proaktive und systematische Kommunikation mit dem Patienten:
- Frühzeitige Befragung: Alle Patienten sollen frühestmöglich und im Verlauf wiederholt zur aktuellen und geplanten Nutzung komplementärer Maßnahmen befragt werden.
- Interaktionen: Es soll gezielt auf mögliche Wechselwirkungen mit der Krebstherapie hingewiesen werden.
- Seriöse Quellen: Bei Interesse sollen verlässliche Informationsquellen vermittelt werden.
- Anbieterqualität: Ärzte sollen auf Qualitätskriterien für Anbieter hinweisen und zum Schutz der Patienten unseriöse Methoden klar benennen.
Die Beratung soll einer systematischen, auf die Bedürfnisse der Patienten ausgerichteten Gesprächsführung folgen und die aktuelle Evidenz berücksichtigen.
Evidenzbasierte Empfehlungen nach Symptomen
Die Leitlinie bewertet verschiedene komplementäre Verfahren hinsichtlich ihrer Wirksamkeit bei tumor- und therapiebedingten Symptomen.
Fatigue (Erschöpfungssyndrom)
| Intervention | Empfehlungsgrad | Kontext / Anmerkung |
|---|---|---|
| Körperliche Aktivität / Sport | Soll | Onkologische Patienten allgemein |
| Tai Chi / Qigong | Sollte | Während und nach Chemo-/Radiotherapie |
| Yoga | Sollte | Während und nach Chemo-/Radiotherapie |
| Akupunktur / Akupressur | Kann | Onkologische Patienten allgemein |
| Ginseng | Kann | Onkologische Patienten allgemein |
| Bioenergiefeld-Therapien | Sollte nicht | Keine ausreichende Evidenz |
Lebensqualität
| Intervention | Empfehlungsgrad | Kontext / Anmerkung |
|---|---|---|
| Körperliche Aktivität / Sport | Soll | Onkologische Patienten allgemein |
| Akupunktur | Kann | Während und nach onkologischer Therapie |
| Mindfulness-based Stress Reduction (MBSR) | Kann | Globale und tumorspezifische Lebensqualität |
| Klassische Homöopathie | Kann | Zusätzlich zur Tumortherapie |
Angst und Depressivität
| Intervention | Empfehlungsgrad | Indikation / Endpunkt |
|---|---|---|
| Akupunktur | Kann | Brustkrebspatientinnen (nach Chemo oder unter Aromataseinhibitoren) |
| MBSR | Kann | Während und nach adjuvanter Therapie |
| Meditation | Kann | Brustkrebspatientinnen (während Radiotherapie/Chemo) |
| Yoga | Kann | Kolorektalkarzinom (nach adjuvanter Therapie) |
Ein- und Durchschlafstörungen
| Intervention | Empfehlungsgrad | Kontext / Anmerkung |
|---|---|---|
| Tai Chi / Qigong | Sollte | Während und nach Chemo-/Radiotherapie |
| Akupunktur | Kann | Onkologische Patienten allgemein |
| Yoga | Kann | Brustkrebspatientinnen (nach Chemo-/Radiotherapie) |
Spezifische therapiebedingte Nebenwirkungen
| Symptom | Intervention | Empfehlungsgrad | Anmerkung |
|---|---|---|---|
| Dermatitis | Aloe Vera (Topisch) | Soll nicht | Zur Vorbeugung der strahleninduzierten Dermatitis |
| Postoperativer Ileus | Akupunktur | Kann | Kolonkarzinompatienten (Wiederherstellung der Darmfunktion) |
| Kognitive Beeinträchtigung | Akupunktur / MBSR / Yoga | Kann | Unter oder nach adjuvanter Therapie |
💡Praxis-Tipp
Sprechen Sie Krebspatienten aktiv und wiederholt auf die Nutzung von Komplementärmedizin an. Viele Patienten nutzen diese Verfahren verschwiegen, was das Risiko für unerkannte Interaktionen mit der onkologischen Systemtherapie birgt.