Tularämie (Hasenpest): Leitlinie & RKI-Ratgeber
📋Auf einen Blick
- •Erreger ist das hochinfektiöse Bakterium Francisella tularensis, das als potenzieller Biowaffenerreger gilt.
- •Die Übertragung erfolgt meist durch Kontakt mit infizierten Wildtieren (Feldhasen), Zeckenstiche oder Inhalation.
- •Das klinische Bild variiert je nach Eintrittspforte (ulzeroglandulär, okuloglandulär, pulmonal, oropharyngeal).
- •Zur Therapie sind Aminoglykoside, Fluorchinolone und Tetracycline wirksam; Beta-Laktam-Antibiotika sind unwirksam.
- •Bei Verdacht muss das Labor zwingend vorab informiert werden, da ein hohes Risiko für Laborinfektionen besteht.
Hintergrund
Die Tularämie (Hasenpest) ist eine Zoonose, die durch das gramnegative, intrazelluläre Bakterium Francisella tularensis ausgelöst wird. Der Erreger ist hochinfektiös (infektiöse Dosis bei Inhalation: ca. 10 Erreger) und sehr umweltresistent. In Deutschland steigen die Fallzahlen kontinuierlich an.
| Subspezies | Vorkommen | Virulenz |
|---|---|---|
| F. tularensis ssp. tularensis (Typ A) | Nordamerika | Hochvirulent (Letalität bis 60% unbehandelt) |
| F. tularensis ssp. holarctica (Typ B) | Nordhemisphäre (inkl. Europa) | Geringer, oft Spontanheilung |
Infektionswege
Das natürliche Reservoir bilden Kleinsäuger (Feldhasen, Mäuse) sowie blutsaugende Arthropoden. Eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung ist nicht bekannt.
- Haut-/Schleimhautkontakt: Mit infektiösem Tiermaterial oder kontaminiertem Wasser.
- Vektoren: Stiche von Zecken (Auwaldzecke, Holzbock), Bremsen oder Mücken.
- Inhalation: Kontaminierter Staub oder Aerosole (z.B. beim Rasenmähen, Heubearbeiten).
- Oral: Verzehr von unzureichend erhitztem Fleisch oder kontaminiertem Wasser.
Klinische Symptomatik
Die Inkubationszeit beträgt 1 bis 21 Tage (meist 3-5 Tage). Das klinische Bild richtet sich nach der Eintrittspforte:
| Form | Eintrittspforte | Leitsymptome |
|---|---|---|
| Ulzeroglandulär / Glandulär | Haut (Kontakt, Stich) | Primäres Ulkus, regionale Lymphknotenschwellung |
| Okuloglandulär | Auge (Schmierinfektion) | Konjunktivitis, Lidödem, Lymphknotenschwellung |
| Oropharyngeal | Oral (Nahrung, Wasser) | Zervikale Lymphknotenschwellung, Pharyngitis, Stomatitis |
| Pulmonal | Inhalation | Bronchopneumonie, Atemnot, hiläre Lymphknotenschwellung |
| Primär septisch / typhoidal | Unklar | Hohes Fieber, Sepsis ohne lokale Symptome |
Diagnostik
Der Erregernachweis sollte vor Beginn der Antibiose erfolgen. Achtung: Wegen der hohen Infektiosität besteht ein extremes Risiko für Laborinfektionen!
- Kultur: Aus Blut, Gewebe oder Abstrichen (Blutkulturen mind. 10 Tage inkubieren).
- PCR: Nachweis über spezifische Marker (tul4, fopA).
- Serologie: Antikörpernachweis (ELISA, Westernblot) meist erst 2-3 Wochen nach Infektion positiv.
Therapie
Eine frühzeitige Therapie ist essenziell. F. tularensis weist natürliche Resistenzen gegen viele Standardantibiotika auf.
| Wirksame Antibiotika | Unwirksame Antibiotika (natürliche Resistenz) |
|---|---|
| Aminoglykoside (Gentamicin, Streptomycin) | Penicilline & Cephalosporine |
| Fluorchinolone (Ciprofloxacin, Levofloxacin) | Carbapeneme & Piperacillin/Tazobactam |
| Tetracycline (Doxycyclin) | Sulfonamide |
| Chloramphenicol | Makrolide (vor Resistenzprüfung) |
Prävention und Meldepflicht
Nach wahrscheinlicher Exposition (z.B. im Labor) sollte innerhalb von 24 Stunden eine Postexpositionsprophylaxe (PEP) mit Doxycyclin oder Ciprofloxacin begonnen werden. Ein zugelassener Impfstoff existiert in der EU nicht.
Gemäß § 7 IfSG ist der direkte oder indirekte Nachweis von F. tularensis namentlich meldepflichtig.
💡Praxis-Tipp
Informieren Sie das Labor zwingend vorab bei Verdacht auf Tularämie! Francisella tularensis ist hochinfektiös und eine der häufigsten Ursachen für schwere Laborinfektionen.