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Milzbrand (Anthrax): RKI-Ratgeber & Leitlinie

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf RKI Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Milzbrand wird durch das grampositive, sporenbildende Bakterium Bacillus anthracis ausgelöst.
  • Es werden vier Manifestationsformen unterschieden: Haut-, Lungen-, Magen-Darm- und Injektionsmilzbrand.
  • Eine direkte Mensch-zu-Mensch-Übertragung findet in der Regel nicht statt.
  • Diagnostisches Material muss zwingend vor Beginn der Antibiotikatherapie entnommen werden.
  • Milzbrandsporen sind hochresistent; zur Desinfektion sind spezielle sporizide Verfahren (RKI-Wirkungsbereich C) erforderlich.
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Hintergrund

Milzbrand (Anthrax) wird durch Bacillus anthracis verursacht, ein grampositives, aerobes und sporenbildendes Bakterium. Die Virulenz des Erregers beruht auf der Kapselbildung sowie der Produktion von Exotoxinen (Protektives Antigen, Letalfaktor, Ödemfaktor), die zu lokaler Ödembildung und Gewebsnekrosen führen.

Milzbrand ist primär eine Zoonose, die weltweit verbreitet ist, in Industrienationen jedoch selten auftritt. Gefährdet sind vor allem Personen mit beruflichem Kontakt zu infizierten Tieren oder tierischen Produkten. Zudem traten in Europa Fälle von Injektionsmilzbrand bei Drogenkonsumenten durch kontaminiertes Heroin auf. Aufgrund der hohen Umweltresistenz der Sporen hat B. anthracis zudem eine besondere Bedeutung als potenzieller Bioterrorismus-Erreger.

Klinische Manifestationsformen

Die Erkrankung wird je nach Eintrittspforte in vier Formen unterteilt. Eine gefürchtete Komplikation aller Formen ist die Milzbrand-Meningitis, die mit rapider Verschlechterung, Kopfschmerzen und hohem Fieber einhergeht.

FormInkubationszeitLeitsymptome und Verlauf
HautmilzbrandStunden bis 6 TageSchmerzlose Papel, die sich zum schwarzen Schorf (Karbunkel) entwickelt; ausgeprägtes Ödem; unbehandelt 10-40% Letalität.
Lungenmilzbrand4-6 Tage (bis 56 Tage)Zunächst grippeähnlich, dann rasch schwere Sepsis; radiologisch typische Verbreiterung des Mediastinums.
Magen-Darm-Milzbrand1-3 TageAkutes Abdomen, Übelkeit, blutige Diarrhöen, Peritonitis. Schwer beherrschbar.
Injektionsmilzbrand1-3 TageAusgedehnte Weichteilinfektion an der Einstichstelle, massives Ödem, Kompartmentsyndrom, nekrotisierende Fasziitis.

Diagnostik

Es gilt der absolute Grundsatz: Proben für die mikrobiologische Analyse müssen vor der antibiotischen Therapie entnommen werden!

Abhängig von der klinischen Form sollten folgende Materialien gewonnen werden:

  • 2 unabhängige Blutkultur-Paare
  • Wundabstrich / Gewebeproben (bei Haut- und Injektionsmilzbrand)
  • Sputum / Bronchiallavage (bei Lungenmilzbrand)
  • Stuhl (bei Magen-Darm-Milzbrand)
  • Liquor (bei Meningitis-Verdacht)

Wichtiger Hinweis zum Arbeitsschutz: Der Wildtyp von B. anthracis gehört zur Risikogruppe 3. Gezielte Tätigkeiten mit dem Erreger erfordern die Schutzstufe 3. Das Labor muss bei Verdacht zwingend vorab informiert werden.

Therapie

Bei den ersten Anzeichen einer systemischen Ausbreitung muss die Antibiotikatherapie zwingend intravenös erfolgen. Liegt eine Mitbeteiligung des Zentralnervensystems (ZNS) vor, ist darauf zu achten, dass das verabreichte Antibiotikum liquorgängig ist.

Prävention und Hygienemaßnahmen

  • Postexpositionsprophylaxe (PEP): Nach Risikobewertung sollte eine orale antibiotische Prophylaxe erfolgen. Bei bestätigter aerogener Exposition (Inhalation) ist diese für 60 Tage fortzuführen.
  • Isolierung: Patienten sollten nach Möglichkeit in einem Einzelzimmer untergebracht werden, auch wenn das Risiko einer Mensch-zu-Mensch-Übertragung minimal ist.
  • Desinfektion: Vegetative Bakterien sind leicht abzutöten (RKI-Wirkungsbereich A). Die Sporen sind jedoch extrem resistent. Es müssen thermische Verfahren oder spezielle chemische Mittel (z.B. Peressigsäure-Produkte) mit dem RKI-Wirkungsbereich C (sporizid) angewendet werden.

Meldepflicht

Nach § 6 IfSG ist der Krankheitsverdacht, die Erkrankung sowie der Tod an Milzbrand namentlich meldepflichtig. Nach § 7 IfSG ist auch der direkte oder indirekte Erregernachweis meldepflichtig. Die Meldung muss dem Gesundheitsamt spätestens innerhalb von 24 Stunden vorliegen.

💡Praxis-Tipp

Entnehmen Sie diagnostisches Material (insbesondere Blutkulturen und Abstriche) unbedingt vor der ersten Antibiotikagabe. Informieren Sie das mikrobiologische Labor telefonisch über den Milzbrand-Verdacht, da der Erreger unter Schutzstufe 3 (Risikogruppe 3) bearbeitet werden muss.

Häufig gestellte Fragen

Eine direkte Übertragung von Mensch zu Mensch findet in der Regel nicht statt. Lediglich bei Hautmilzbrand ist bei sehr engem Kontakt in seltenen Einzelfällen eine Übertragung nicht völlig ausgeschlossen.
Typisch für den Lungenmilzbrand ist eine im Röntgenbild erkennbare Verbreiterung des Mediastinums.
Falls sich eine aerogene Exposition (Inhalation) gegenüber B. anthracis bestätigt, sollte die orale Antibiotikaprophylaxe für 60 Tage fortgeführt werden.
Gängige Desinfektionsmittel reichen für die Sporen nicht aus. Es müssen zwingend Verfahren mit dem RKI-Wirkungsbereich C (sporizid) eingesetzt werden, wie beispielsweise thermische Verfahren oder Peressigsäure-Produkte.

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