Tularämie (Hasenpest): Erregersteckbrief (RKI)
📋Auf einen Blick
- •Tularämie ist eine Zoonose, ausgelöst durch das Bakterium Francisella tularensis (Hauptreservoir in Mitteleuropa: Feldhase).
- •Die Übertragung erfolgt durch Tierkontakt, Vektoren (Zecken, Mücken) oder Aerosole; eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung findet nicht statt.
- •Klinisch dominieren die ulzeroglanduläre und glanduläre Form mit schmerzhaften Lymphknotenschwellungen.
- •Fluorchinolone, Aminoglykoside und Tetracycline sind wirksam; Beta-Laktam-Antibiotika sind wirkungslos.
- •Der direkte oder indirekte Erregernachweis ist nach § 7 IfSG namentlich meldepflichtig.
Hintergrund
Die Tularämie (Hasenpest) ist eine Zoonose, die durch das Bakterium Francisella tularensis verursacht wird. Es handelt sich um ein kleines, pleomorphes und in der Umwelt sehr widerstandsfähiges Bakterium, das sich im Wirt hauptsächlich intrazellulär (z. B. in Alveolarmakrophagen) vermehrt.
In Deutschland ist die Erkrankung mit 60-120 gemeldeten Fällen pro Jahr eher selten, tritt jedoch saisonal gehäuft im Sommer und Frühherbst auf.
| Subspezies | Vorkommen | Virulenz | Risikogruppe |
|---|---|---|---|
| F. tularensis ssp. tularensis (Typ A) | Nordamerika | Hochpathogen | 3 |
| F. tularensis ssp. holarctica (Typ B) | Gesamte nördliche Hemisphäre (inkl. Europa) | Weniger pathogen | 2 |
Übertragungswege und Risikogruppen
F. tularensis hat ein extrem breites Wirtsspektrum (über 200 Tierarten). In Mitteleuropa gilt der Feldhase als Hauptinfektionsquelle.
Mögliche Übertragungswege auf den Menschen:
- Direkter Kontakt: Haut oder Schleimhäute mit infektiösem Tiermaterial (Blut, Biss, Ausscheidungen).
- Vektoren: Zecken (Auwaldzecke, Holzbock), Stechfliegen und Mücken.
- Oral: Verzehr von kontaminiertem Trinkwasser oder unzureichend erhitztem Fleisch infizierter Tiere.
- Inhalativ: Einatmen infektiöser Aerosole (z. B. kontaminierte Stäube von Exkrementen).
Eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung ist bisher nicht bekannt.
Besonders gefährdet sind Risikogruppen wie Jäger, Waldarbeiter, Fleischer und Gärtner.
Klinische Manifestationen
Die Inkubationszeit beträgt in der Regel 3 bis 5 Tage (Spannweite wenige Tage bis 14 Tage). Zu Beginn treten meist unspezifische grippale Beschwerden wie Fieber, Schüttelfrost und Gliederschmerzen auf.
Je nach Eintrittspforte werden verschiedene Verlaufsformen unterschieden:
| Klinische Form | Häufigkeit | Leitsymptome |
|---|---|---|
| Ulzeroglandulär | Sehr häufig (mit glandulär 45-85 %) | Schmerzhaftes Ulkus an der Eintrittsstelle, stark vergrößerte ableitende Lymphknoten. |
| Glandulär | Sehr häufig | Schmerzhaft geschwollene Lymphknoten und Fieber (ohne Ulkus). |
| Oropharyngeal | Seltener | Eitrige Halsentzündung (Stomatitis, Tonsillitis), Lymphknotenschwellung nach oraler Aufnahme. |
| Okuloglandulär | Selten | Geschwollene, eitrige Augen, Bindehautentzündung nach Schmierinfektion. |
| Pulmonal | Variabel | Luftnot, Fieber, eitriger Auswurf nach Inhalation; kann in Sepsis übergehen. |
| Typhoid | Variabel | Unklare Eintrittspforte, systemische Krankheitszeichen. |
Diagnostik und Meldepflicht
Bei entsprechender Anamnese (Tierkontakt, Zeckenstich) und Lymphknotenschwellung sollte differenzialdiagnostisch an Tularämie gedacht werden.
- Akute Infektion: Molekularbiologischer Nachweis (PCR über Marker tul4, fopA) aus Punktaten, Biopsien oder Abstrichen. Eine kulturelle Anzucht ist möglich, dauert jedoch bis zu 7 Tage und erfordert Spezialnährböden.
- Retrospektiv: Antikörpernachweis im Serum (ELISA, Western Blot) ca. 2 bis 3 Wochen nach Infektion.
Meldepflicht: Der direkte oder indirekte Nachweis von F. tularensis ist gemäß § 7 Abs. 1 IfSG namentlich meldepflichtig (innerhalb von 24 Stunden).
Therapie
Um schwere Verläufe zu vermeiden, ist eine frühzeitige antibiotische Therapie essenziell.
| Wirkstoffklasse | Wirksamkeit | Beispiele / Bemerkung |
|---|---|---|
| Fluorchinolone | Wirksam | Insbesondere Ciprofloxacin. |
| Tetracycline | Wirksam | Doxycyclin. |
| Aminoglykoside | Wirksam | - |
| Beta-Laktam-Antibiotika | Wirkungslos | Penicilline, Carbapeneme, Piperacillin/Tazobactam sind unwirksam! |
| Makrolide | Eingeschränkt | Nur nach vorherigem Ausschluss von Resistenzen anwenden. |
💡Praxis-Tipp
Denken Sie bei unklaren, schmerzhaften Lymphknotenschwellungen nach einem Zeckenstich oder Kontakt mit Wildtieren (insbesondere Hasen) an die Tularämie. Beachten Sie, dass Beta-Laktam-Antibiotika hierbei völlig wirkungslos sind!