FSME: RKI-Ratgeber zur Frühsommer-Meningoenzephalitis

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf RKI/STIKO Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • FSME wird in Deutschland hauptsächlich durch den europäischen Flavivirus-Subtyp über Zeckenstiche der Art *Ixodes ricinus* übertragen.
  • Risikogebiete in Deutschland liegen vor allem in Baden-Württemberg, Bayern, Südhessen, Südostthüringen, Sachsen und Südostbrandenburg.
  • Der typische Krankheitsverlauf ist biphasisch mit grippeähnlichen Symptomen, gefolgt von neurologischen Manifestationen wie Meningitis oder Enzephalitis, kann aber auch asymptomatisch verlaufen.
  • Die Diagnostik erfolgt primär über den Nachweis von FSME-virusspezifischen IgM- und IgG-Antikörpern in Serum oder Liquor.
  • Eine spezifische antivirale Therapie gegen FSME existiert nicht; die Behandlung ist rein symptomatisch.
  • Die wirksamste Prävention umfasst Expositionsprophylaxe (Schutzkleidung, Repellents, Zeckenentfernung) und die **FSME-Impfung** für Personen in Risikogebieten.
  • Der direkte oder indirekte Nachweis des FSME-Virus ist gemäß § 7 Abs. 1 IfSG namentlich meldepflichtig.
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Hintergrund

Die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) und verwandte Virusenzephalitiden (TBE, tick-borne encephalitis) werden durch ein Virus des Genus Flavivirus in der Familie der Flaviviridae verursacht. Der Begriff „FSME“ bezeichnet die Erkrankung mit dem europäischen Subtyp des Virus, während „TBE“ der englische Überbegriff für alle Virussubtypen ist. Die RKI-Ratgeber dienen Fachkreisen wie Ärztinnen und Ärzten sowie dem Öffentlichen Gesundheitsdienst als aktuelle und konzentrierte Informationsquelle zu wichtigen Infektionskrankheiten.

Erreger und Übertragung

Weltweit gibt es drei relevante, impfpräventable Virussubtypen mit hoher phylogenetischer und antigener Ähnlichkeit. In Deutschland ist der europäische Subtyp verbreitet, der vor allem durch die Zecke Ixodes ricinus übertragen wird. Daneben existieren ein fernöstlicher und ein sibirischer Subtyp, die in Europa im baltischen Raum und an der finnischen Küste sowie im asiatischen Raum vorkommen und dort von der Zecke Ixodes persulcatus übertragen werden.

VirussubtypVorkommenÜberträger
Europäischer SubtypDeutschland, MitteleuropaIxodes ricinus
Fernöstlicher SubtypBaltischer Raum, finnische Küste, AsienIxodes persulcatus
Sibirischer SubtypBaltischer Raum, finnische Küste, AsienIxodes persulcatus

Zecken halten sich bevorzugt in Wäldern nicht zu trockener Lagen, in hohem Gras, Gebüsch und losem Laub auf. Sie sind in Deutschland das ganze Jahr über zu finden, abhängig von der Witterung. Die Viren gelangen durch einen Zeckenstich in die Blutbahn des Menschen. Seltener kann eine alimentäre Übertragung über den Verzehr infizierter Rohmilch von Ziegen, Schafen oder in Ausnahmefällen Kühen erfolgen. In den FSME-Verbreitungsgebieten Deutschlands sind etwa 0,1-5% der Zecken mit dem Virus infiziert. Der Mensch ist ein zufälliger Endwirt; eine Übertragung von Mensch zu Mensch findet nicht statt.

Die genannten Zecken können auch das Bakterium Borrelia burgdorferi übertragen, welches die Lyme-Borreliose verursacht. Diese tritt wesentlich häufiger auf als FSME, da 10-35% der Zecken mit Borrelien befallen sein können, und ist im Gegensatz zur FSME in allen Teilen Deutschlands verbreitet.

Vorkommen und Epidemiologie

Zecken, die das TBE-Virus übertragen, kommen in vielen europäischen Ländern, Russland und Asien vor. Das RKI veröffentlicht jährlich eine aktualisierte Karte der FSME-Risikogebiete in Deutschland. Diese Endemiegebiete liegen vor allem in Baden-Württemberg, Bayern, im südlichen Hessen, im südöstlichen Thüringen, in Sachsen und im südöstlichen Brandenburg. Einzelne Kreise in fünf weiteren Bundesländern sind ebenfalls betroffen. In Mitteleuropa sind unter anderem Österreich, die Schweiz, Polen, Tschechien und die Slowakei Endemiegebiete. FSME tritt bevorzugt im Frühjahr und Sommer auf, kann aber bei warmer Witterung auch im Herbst oder vereinzelt im Winter vorkommen.

Reservoir

Das TBE-Virus zirkuliert in der Natur zwischen Zecken und kleinen Nagetieren, insbesondere Mäusen, die das primäre Erregerreservoir darstellen. Auch Wild-, Haus- und Nutztiere können für die Zeckenökologie eine Rolle spielen.

Inkubationszeit

Die Inkubationszeit beträgt durchschnittlich 7–14 Tage, in Einzelfällen bis zu 28 Tage.

Klinisches Bild

Der typische Verlauf einer FSME-Erkrankung ist biphasisch. Die erste Phase beginnt mit unspezifischen, grippeähnlichen Beschwerden. Nach einem kurzen symptomfreien Intervall von etwa einer Woche folgen bei einem Teil der Erkrankten spezifische neurologische Manifestationen wie Meningitis, Enzephalitis oder Myelitis. Ein hoher Anteil der Infektionen (ca. 70–95%) verläuft jedoch asymptomatisch oder die zweite Krankheitsphase bleibt aus. Bei etwa 40% der Erkrankungen verläuft die FSME in nur einer Krankheitsphase, insbesondere bei schweren Verläufen und in der Altersgruppe der über 65-Jährigen.

Insbesondere bei Erwachsenen besteht die Gefahr von bleibenden Spätfolgen wie Müdigkeit, lange andauernden Kopfschmerzen, Konzentrationsschwierigkeiten und neurologischen Ausfällen, oft in Form von Paresen. Diese Symptome können Monate persistieren. Schwere Krankheitsverläufe werden bei Erwachsenen häufiger beobachtet als bei Kindern. Bei etwa 1% der Erkrankten führt die Erkrankung zum Tod.

Diagnostik

Differenzialdiagnostik

Nach einem Zeckenstich muss differenzialdiagnostisch insbesondere an eine Lyme-Borreliose gedacht werden, die in der Regel mit einem Erythema migrans einhergeht. FSME-Symptome können auch an andere bakterielle oder virale Meningitis-/Enzephalitis-Erreger erinnern, die gesondert abgeklärt werden müssen.

Labordiagnostik

Antikörper sind meist mit Beginn der zweiten Krankheitsphase nachweisbar. Die diagnostische Methode der Wahl ist der simultane Nachweis von FSME-virusspezifischen IgM- und IgG-Antikörpern in Serum oder Liquor, oder ein signifikanter Anstieg der IgG-Antikörperkonzentration zwischen zwei Proben im Abstand von zwei bis vier Wochen mittels ELISA-Verfahren oder Immunfluoreszenz. Ein PCR-Nachweis ist meist nur in der ersten Krankheitsphase aus Blut/Liquor oder post mortem aus Organgewebe erfolgreich und spielt daher in der Routinediagnostik eine untergeordnete Rolle.

Bei vorliegender FSME-Impfung wird die Diagnostik erschwert, da andere Infektionen einen unspezifischen Anstieg der FSME-Antikörper auslösen können und Impfungen über längere Zeit zu nachweisbaren IgM-Antikörpern führen können. In solchen Fällen ist zur Diagnosesicherung ein Antikörperanstieg zu dokumentieren oder eine Serumprobe an das Konsiliarlabor für FSME zu senden. Eine stark ausgeprägte Antikörper-Kreuzreaktivität, insbesondere bei IgG-Antikörpern, mit anderen Flaviviren (z. B. Gelbfieber-, Dengue-, Japanisches Enzephalitis-, West-Nil-Virus) oder entsprechenden Impfungen muss berücksichtigt werden. Auch hier sollte eine Testung am Konsiliarlabor erfolgen.

Eine Untersuchung von Zecken auf Infektionserreger wie Borrelien oder FSME-Viren wird nicht als sinnvoll erachtet, da ein positiver Nachweis in der Zecke keine Rückschlüsse auf eine Infektion der betroffenen Person zulässt und somit keine Behandlungsempfehlungen abgeleitet werden können.

Therapie

Die Therapie erfolgt rein symptomatisch. Eine spezifische antivirale Therapie ist derzeit nicht verfügbar.

Prävention und Infektionsschutz

Expositionsprophylaxe

Ein wichtiger Grundsatz zur Prävention von FSME und Borreliose ist die Vermeidung von Zeckenstichen. Bei Aufenthalten in naturnahen Gebieten mit Zeckenvorkommen wird empfohlen, möglichst viel Körperoberfläche bedeckende Kleidung zu tragen (z. B. lange Hosen, langärmelige Hemden, festes Schuhwerk und in die Socken gesteckte Hosenbeine). Repellents mit Wirkstoffen wie Icaridin können ebenfalls Schutz bieten, müssen aber je nach Wirkdauer aufgefrischt werden.

Nach naturnahem Aufenthalt sollte der Körper sorgfältig nach Zecken abgesucht werden. Zecken müssen umgehend und vollständig mit einer Pinzette oder einem speziellen Zeckenentfernungsinstrument nahe der Hautoberfläche am Kopf entfernt werden. Die Zecke sollte dabei nicht mit Öl oder Klebstoff beträufelt werden, da dies zur Abgabe von Speichel und möglichen Erregern führen kann. Nach der Entfernung ist eine sorgfältige Desinfektion der Wunde empfohlen, und der Tetanusschutz sollte bei Bedarf aktualisiert werden.

Impfung

Die Immunisierung stellt einen wirksamen Schutz für potenziell gefährdete Einwohnerinnen und Einwohner sowie Besuchende von Risikogebieten dar. Für die Grundimmunisierung sind drei Impfstoffdosen erforderlich. Auffrischimpfungen sind bei fortbestehender Exposition in Abständen zwischen drei und fünf Jahren notwendig, abhängig von Alter und verwendetem Impfstoff.

Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt eine Impfung für Personen, die sich in FSME-Risikogebieten aufhalten und gegenüber Zecken exponiert sind, sei es durch Freizeitaktivitäten oder berufliche Exposition (z. B. in der Forst- oder Landwirtschaft). Auch bei Auslandsreisen in FSME-Endemiegebiete mit Expositionsrisiko besteht eine Impfindikation. Die zugelassenen Impfstoffe sind gegen alle drei relevanten Virussubtypen (europäischer, fernöstlicher und sibirischer) wirksam. Eine postexpositionelle Immunprophylaxe ist seit 2003 nicht mehr verfügbar und wird nicht empfohlen.

Maßnahmen bei Einzelerkrankungen und Ausbrüchen

Da das FSME-Virus nicht von Mensch zu Mensch übertragen wird, sind keine gesonderten Unterbringungs- oder Kontaktpersonenmaßnahmen erforderlich. Bei Ausbrüchen, die gelegentlich in Zusammenhang mit alimentärer Übertragung durch nichtpasteurisierte Milch von infizierten Ziegen, Schafen oder Kühen beschrieben wurden, sollte der Verzehr solcher Produkte aus FSME-endemischen Gebieten vermieden werden. In Regionen mit hoher Inzidenz sollte eine hohe Impfquote angestrebt werden.

Bei erstmaligem Auftreten von FSME in bislang nicht als Risikogebiet eingestuften Regionen ist eine weiterführende Diagnostik durch ein Speziallabor zum Ausschluss von Kreuzreaktionen durch andere Flaviviren oder frühere Impfungen erforderlich. Weiterführende epidemiologische Untersuchungen können veranlasst werden.

Gesetzliche Grundlage

Gemäß § 7 Abs. 1 des Infektionsschutzgesetzes (IfSG) ist der direkte oder indirekte Nachweis von FSME-Virus, soweit er auf eine akute Infektion hinweist, namentlich dem Gesundheitsamt zu melden. Die Meldungen müssen dem Gesundheitsamt spätestens 24 Stunden nach erlangter Kenntnis vorliegen. Die Falldefinitionen des RKI sind auf der Internetseite des RKI veröffentlicht.

💡Praxis-Tipp

Klären Sie bei FSME-Verdachtsfällen, die bereits geimpft sind, einen Antikörperanstieg oder senden Sie eine Serumprobe zur Abklärung an das Konsiliarlabor für FSME, um Kreuzreaktivitäten auszuschließen.

Häufig gestellte Fragen

FSME wird durch ein Virus des Genus Flavivirus in der Familie der Flaviviridae verursacht, in Deutschland durch den europäischen Subtyp.
Die Übertragung erfolgt hauptsächlich durch Zeckenstiche, seltener durch den Verzehr von virusinfizierter Rohmilch von Ziegen, Schafen oder Kühen.
Risikogebiete liegen vor allem in Baden-Württemberg, Bayern, Südhessen, Südostthüringen, Sachsen und Südostbrandenburg. Eine aktuelle Karte wird jährlich vom RKI veröffentlicht.
Der typische Verlauf ist biphasisch mit grippeähnlichen Symptomen, gefolgt von einem symptomfreien Intervall und dann neurologischen Manifestationen wie Meningitis oder Enzephalitis. Viele Infektionen verlaufen jedoch asymptomatisch.
Nein, eine spezifische antivirale Therapie gegen FSME ist nicht verfügbar. Die Behandlung erfolgt rein symptomatisch.
Die STIKO empfiehlt die Impfung für Personen, die sich in FSME-Risikogebieten aufhalten und gegenüber Zecken exponiert sind, sei es durch Freizeitaktivitäten oder berufliche Tätigkeiten.
Nein, eine Übertragung des FSME-Virus von Mensch zu Mensch findet nicht statt.

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