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Shigellose (Bakterienruhr): RKI-Ratgeber & Leitlinie

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf RKI Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die Übertragung erfolgt fäkal-oral mit einer minimalen Infektionsdosis von unter 100 Keimen.
  • Klassische Symptome sind krampfartige Bauchschmerzen und blutig-schleimige Durchfälle (Dysenterie).
  • Eine antibiotische Therapie wird zur Verkürzung der Krankheitsdauer und Erregerausscheidung generell empfohlen.
  • Aufgrund zunehmender Resistenzen (v. a. bei Reiserückkehrern und MSM) ist eine Resistenztestung obligatorisch.
  • Motilitätshemmer dürfen zur Behandlung nicht eingesetzt werden.
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Hintergrund

Die Shigellose (Bakterienruhr) wird durch unbewegliche, gramnegative Bakterien der Gattung Shigella verursacht. Die Erreger sind weltweit verbreitet, wobei in Deutschland die meisten Fälle (60-70 %) reiseassoziiert sind (häufig aus Ägypten, Marokko, Indien, China und der Türkei). Der Mensch und andere Primaten bilden das einzige relevante Reservoir.

Die Übertragung erfolgt fäkal-oral durch Schmierinfektionen, kontaminierte Lebensmittel oder Wasser sowie durch sexuelle Kontakte (insbesondere bei Männern, die Sex mit Männern haben [MSM]). Die minimale Infektionsdosis ist mit unter 100 Keimen extrem gering.

SerogruppeSpeziesAnteil in Deutschland (ca.)Besonderheiten
Gruppe AS. dysenteriaeSeltenKann Shigatoxin (Stx) bilden
Gruppe BS. flexneri20 %Kann teils Shigatoxin bilden, assoziiert mit Reiter-Syndrom
Gruppe CS. boydiiSelten-
Gruppe DS. sonnei70 %Häufigste Ursache in Deutschland

Klinische Symptomatik

Die Inkubationszeit beträgt in der Regel 12 bis 96 Stunden. Nach oraler Aufnahme invadieren die Bakterien die Kolonmukosa.

  • Initialphase: Fieber, Kopfschmerzen, ausgeprägtes Krankheitsgefühl und krampfartige Bauchschmerzen.
  • Klassischer Verlauf: Wässrige Diarrhö, die in blutig-schleimige Ausscheidungen (Dysenterie) übergeht. Abdominelle Krämpfe und Tenesmen sind typisch.
  • Komplikationen (selten): Kolondilatation, Perforation, septische Verläufe, reaktive Arthritis (Reiter-Syndrom, v. a. durch S. flexneri) oder ein hämolytisch-urämisches Syndrom (HUS, durch Stx-positive Stämme).

Diagnostik

Die Diagnose wird durch eine bakteriologische Untersuchung aus frischen Stuhlproben oder Rektalabstrichen in Transportmedium gesichert. Differenzialdiagnostisch müssen andere bakterielle (z. B. Salmonellen, Campylobacter, EHEC), virale oder parasitäre Erreger sowie chronisch entzündliche Darmerkrankungen ausgeschlossen werden.

Therapie

Aufgrund der hohen Infektiosität und möglicher schwerer Verläufe wird eine antibiotische Therapie generell empfohlen. Sie verkürzt die Krankheitsdauer und reduziert die Bakterienausscheidung.

TherapiestufeMaßnahmeBemerkung
SymptomatischOraler oder parenteraler FlüssigkeitsersatzParenteral v. a. bei chronisch Kranken, sehr jungen oder alten Patienten
AntibiotischCiprofloxacin oder AzithromycinNur nach Resistenztestung, da zunehmend MRGN-Stämme (v. a. bei MSM und Reiserückkehrern) auftreten
KontraindiziertMotilitätshemmerDürfen bei Shigellose nicht eingesetzt werden

Infektionsschutz und Meldepflicht

Die Ansteckungsfähigkeit besteht während der akuten Infektion und solange der Erreger im Stuhl ausgeschieden wird (meist 1-4 Wochen).

  • Meldepflicht: Der direkte oder indirekte Erregernachweis ist nach § 7 IfSG namentlich meldepflichtig. Der Krankheitsverdacht ist nach § 6 IfSG meldepflichtig, wenn die Person im Lebensmittelbereich tätig ist oder ein Ausbruchsgeschehen vorliegt.
  • Hygiene: Strikte Händehygiene, laufende Desinfektion von Kontaktflächen und Toiletten. Wäsche bei mind. 60 °C waschen.

Wiederzulassung (IfSG)

BereichVoraussetzung für Wiederzulassung
Gemeinschaftseinrichtungen (§ 33/34 IfSG)Klinische Genesung + 2 negative Stuhlproben (Abstand 1-2 Tage). Erste Probe frühestens 24h nach Symptomende bzw. 48h nach Antibiotika-Ende.
Lebensmittelbetriebe (§ 42 IfSG)Klinische Genesung + 3 negative Stuhlproben (Abstand 1-2 Tage) + Einvernehmen mit dem Gesundheitsamt.
Kontaktpersonen1 negative Stuhlprobe (96h nach letztem Kontakt) bei Personen in häuslicher Gemeinschaft.

💡Praxis-Tipp

Führen Sie vor Beginn der antibiotischen Therapie zwingend eine Resistenztestung durch, da insbesondere bei Reiserückkehrern und MSM zunehmend multiresistente Erreger (3-MRGN/4-MRGN) auftreten. Verzichten Sie strikt auf Motilitätshemmer.

Häufig gestellte Fragen

Gemäß S2k-Leitlinie werden Ciprofloxacin oder Azithromycin empfohlen. Aufgrund steigender Resistenzraten sollte die Auswahl jedoch immer in Abhängigkeit von einer Resistenztestung erfolgen.
Nach klinischer Genesung und Vorliegen von zwei negativen Stuhlproben im Abstand von 1-2 Tagen. Die erste Probe darf frühestens 24 Stunden nach Abklingen der Durchfallsymptomatik bzw. 48 Stunden nach Ende einer Antibiotikatherapie entnommen werden.
Die minimale Infektionsdosis ist extrem gering. Bereits die perorale Aufnahme von unter 100 Keimen kann klinische Symptome auslösen.
Nein, Motilitätshemmer sollten zur Behandlung der Shigellose nicht eingesetzt werden.
Der Erregernachweis ist nach § 7 IfSG namentlich meldepflichtig. Der Krankheitsverdacht ist nach § 6 IfSG meldepflichtig, wenn die Person im Lebensmittelbereich tätig ist oder es sich um einen Ausbruch (zwei oder mehr Fälle) handelt.

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