Redeflussstörungen (Stottern): Diagnostik und Therapie
Hintergrund
Die AWMF S3-Leitlinie „Pathogenese, Diagnostik und Behandlung von Redeflussstörungen“ fasst den aktuellen Wissensstand zu Stottern und Poltern zusammen. Das originäre Stottern wird heute als zentralnervöse Störung der Sprechplanung verstanden, die hochgradig erblich ist und mit strukturellen sowie funktionellen Hirnveränderungen einhergeht.
Bei Kindern im Alter von 2 bis 6 Jahren liegt die Inzidenz des Stotterns bei bis zu 11 Prozent, wobei eine hohe Spontanremissionsrate von 70 bis 80 Prozent zu verzeichnen ist. Im Erwachsenenalter sinkt die Prävalenz auf unter ein Prozent, da Remissionen nach der Pubertät sehr selten sind.
Poltern ist eine eigenständige Redeflussstörung, die durch ein erhöhtes oder irreguläres Sprechtempo sowie phonetisch-phonologische Auffälligkeiten gekennzeichnet ist. Es tritt häufig in Kombination mit Stottern auf, erfordert jedoch aufgrund der unterschiedlichen Symptomatik und Selbstwahrnehmung eine differenzierte diagnostische und therapeutische Betrachtung.
💡Praxis-Tipp
Die Leitlinie betont, dass Eltern keine Schuld an der Entstehung des Stotterns ihres Kindes tragen, da die Störung hochgradig erblich ist. Es wird davor gewarnt, den Therapiebeginn bei Vorliegen von Risikofaktoren wie Leidensdruck oder familiärer Belastung pauschal zu verzögern. Die alleinige Anwendung von Atem- oder Entspannungstechniken ist laut Leitlinie unzureichend und wird nicht als Stottertherapie empfohlen.
Häufig gestellte Fragen
Laut Leitlinie kann bei Kindern zwischen 3 und 6 Jahren zunächst 6 bis 12 Monate abgewartet werden, da viele Kinder spontan aufhören zu stottern. Eine sofortige Therapie wird jedoch empfohlen, wenn das Kind leidet, Vermeidungsverhalten zeigt oder familiäre Risikofaktoren vorliegen.
Die Leitlinie spricht eine starke Empfehlung gegen den Einsatz von pharmakologischen Wirkstoffen zur Behandlung von Stottern aus. Bisherige Studien konnten keine ausreichende Langzeitwirkung belegen, während Nebenwirkungen häufig sind.
Poltern ist durch ein erhöhtes oder irreguläres Sprechtempo sowie das Verschlucken von Silben gekennzeichnet, wobei den Betroffenen oft die Selbstwahrnehmung für die Störung fehlt. Im Gegensatz dazu treten beim Stottern Dehnungen und Blockierungen auf, die meist mit einem hohen Leidensdruck einhergehen.
Das Lidcombe-Programm ist eine evidenzbasierte Therapie für stotternde Kinder im Vorschulalter, bei der die Eltern als Co-Therapeuten agieren. Es wird empfohlen, flüssiges Sprechen im Alltag positiv zu verstärken und Stotterereignisse sanft zu korrigieren.
Die Leitlinie stellt klar, dass einem Kind der Zugang zu einer Zweitsprache nicht aus Sorge vor einem möglichen Stottern verwehrt werden sollte. Es gibt keine belastbaren Belege dafür, dass frühe Mehrsprachigkeit das Risiko für Stottern erhöht.
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Quelle: Redeflussstörungen, Pathogenese, Diagnostik und Behandlung (AWMF). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
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