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Psychische Störungen Kleinkind: Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die Diagnostik psychischer Störungen bei 0- bis 5-Jährigen sollte ergänzend zur ICD-10/11 nach der multiaxialen Klassifikation DC:0-5 erfolgen.
  • Eine Beziehungsstörung nach Achse I der DC:0-5 muss stets erfasst oder ausgeschlossen werden, da hierbei das Kindeswohl gefährdet sein kann.
  • Bei exzessivem Schreien über den 3. Lebensmonat hinaus besteht ein erhöhtes Entwicklungsrisiko, was eine intensive Psychotherapie erfordert.
  • Mittel der ersten Wahl bei Ein- und Durchschlafstörungen ist die verhaltenstherapeutische graduierte Extinktion ('Checking-in').
  • Psychopharmaka (z.B. Melatonin bei Schlafstörungen) sind im Vorschulalter absolute Ausnahmen und nur off-label bei Therapieresistenz indiziert.
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Hintergrund

Psychische Störungen im Säuglings-, Kleinkind- und Vorschulalter (0 bis 5;11 Jahre) erfordern eine altersspezifische Diagnostik. Die Leitlinie empfiehlt, neben der ICD-10/11 das Klassifikationssystem DC:0-5 heranzuziehen, da dieses spezifische Kriterien für junge Kinder bietet.

Diagnostik und Klassifikation

Die Basisdiagnostik umfasst Anamnese, internistisch-neurologische Untersuchung, psychopathologischen Befund sowie Interaktions- und Entwicklungsdiagnostik. Die DC:0-5 nutzt ein multiaxiales System:

Achse (DC:0-5)BeschreibungKlinische Relevanz
Achse IKlinische StörungenErfasst primäre psychische Störungen und spezifische Beziehungsstörungen
Achse IIBeziehungskontextBeurteilung der emotionalen Verfügbarkeit und versorgenden Umgebung
Achse IIIKörperliche GesundheitSomatische Erkrankungen
Achse IVPsychosoziale StressorenBelastungsfaktoren der Familie
Achse VEntwicklungskompetenzenKognitive, motorische und sprachliche Entwicklung
  • Kernaussage: Parallel zur Hauptdiagnose muss immer eine Beziehungsstörung nach Achse I der DC:0-5 erfasst oder ausgeschlossen werden.
  • Elterliche psychische Erkrankungen (z.B. postpartale Depression) müssen zwingend evaluiert und ggf. mitbehandelt werden.

Beziehungsstörungen

Beziehungsstörungen sind hochrelevant für das Kindeswohl und erhöhen das Risiko für kindliche Störungen erheblich.

  • Diagnosekriterium: Eine spezifische Beziehungsstörung (Achse I, DC:0-5) erfordert den Nachweis einer kindlichen Symptomatik, die sich ausschließlich in der Beziehung zu einer spezifischen Bezugsperson zeigt.
  • Intervention: Beziehungsfokussierte Psychotherapie. Bei Gefährdung des Kindeswohls muss nach § 4 KKG (Gesetz zur Kooperation und Information im Kinderschutz) gehandelt werden.

Exzessive Schreistörung

Das exzessive Schreien ist für Eltern extrem belastend und birgt ein hohes Risiko für ein Schütteltrauma.

Diagnosekriterium (Wessel-Kriterien)Details
Dauer pro Tag> 3 Stunden
HäufigkeitAn > 3 Tagen pro Woche
BestandsdauerSeit mindestens 3 Wochen
  • Bis zum 3. Lebensmonat: Meist selbstlimitierend. Beratung, Psychoedukation und Reizreduktion stehen im Vordergrund. Festes Wickeln (Pucken) wird nicht empfohlen.
  • Ab dem 3. Lebensmonat: Persistierendes Schreien ist mit Langzeitrisiken (Verhaltensprobleme, ADHS) assoziiert. Hier ist eine intensive beziehungsfokussierte Psychotherapie indiziert.

Schlafstörungen

Schlafstörungen erfordern den Ausschluss organischer Ursachen (z.B. OSAS, Atopien). Die DC:0-5 definiert klare Altersgrenzen:

Störungsbild (DC:0-5)MindestalterLeitsymptom
Einschlafstörung6 MonateEinschlafdauer > 30 Minuten in den meisten Nächten
Durchschlafstörung8 MonateHäufiges/längeres Erwachen in den meisten Nächten
Partielle Aufwachstörung12 MonatePavor nocturnus oder Schlafwandeln
Albträume12 MonateBelastende Träume, oft erinnert

Therapie der Schlafstörungen:

  • 1. Wahl: Verhaltenstherapeutische Interventionen. Die graduierte Extinktion ("Checking-in") ist hochwirksam und hat nachweislich keine negativen Langzeiteffekte auf die Bindung.
  • 2. Wahl: Psychodynamische Ansätze, falls verhaltenstherapeutische Maßnahmen nicht umsetzbar sind.
  • Pharmakotherapie: Sollte möglichst nicht erfolgen. Nur bei absoluter Therapieresistenz kann Melatonin (Off-label, 1-3 mg) durch Spezialisten zeitlich befristet erwogen werden.

💡Praxis-Tipp

Achten Sie bei exzessivem Schreien und Schlafstörungen stets auf die psychische Belastung der Eltern (z.B. postpartale Depression) und klären Sie aktiv über die Gefahr des Schütteltraumas auf.

Häufig gestellte Fragen

Ein- und Durchschlafstörungen ab 6 bzw. 8 Monaten, partielle Aufwachstörungen und Albträume ab 12 Monaten.
Verhaltenstherapeutische Maßnahmen, insbesondere die graduierte Extinktion (Checking-in), kombiniert mit Psychoedukation.
Wenn das exzessive Schreien über den 3. Lebensmonat hinaus persistiert, ist es mit Entwicklungsrisiken assoziiert und erfordert Psychotherapie.
Ergänzend zur ICD-10/11 sollte das altersspezifische multiaxiale System DC:0-5 verwendet werden.

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