Psychische Störungen Kleinkind: Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die Diagnostik psychischer Störungen bei 0- bis 5-Jährigen sollte ergänzend zur ICD-10/11 nach der multiaxialen Klassifikation DC:0-5 erfolgen.
- •Eine Beziehungsstörung nach Achse I der DC:0-5 muss stets erfasst oder ausgeschlossen werden, da hierbei das Kindeswohl gefährdet sein kann.
- •Bei exzessivem Schreien über den 3. Lebensmonat hinaus besteht ein erhöhtes Entwicklungsrisiko, was eine intensive Psychotherapie erfordert.
- •Mittel der ersten Wahl bei Ein- und Durchschlafstörungen ist die verhaltenstherapeutische graduierte Extinktion ('Checking-in').
- •Psychopharmaka (z.B. Melatonin bei Schlafstörungen) sind im Vorschulalter absolute Ausnahmen und nur off-label bei Therapieresistenz indiziert.
Hintergrund
Psychische Störungen im Säuglings-, Kleinkind- und Vorschulalter (0 bis 5;11 Jahre) erfordern eine altersspezifische Diagnostik. Die Leitlinie empfiehlt, neben der ICD-10/11 das Klassifikationssystem DC:0-5 heranzuziehen, da dieses spezifische Kriterien für junge Kinder bietet.
Diagnostik und Klassifikation
Die Basisdiagnostik umfasst Anamnese, internistisch-neurologische Untersuchung, psychopathologischen Befund sowie Interaktions- und Entwicklungsdiagnostik. Die DC:0-5 nutzt ein multiaxiales System:
| Achse (DC:0-5) | Beschreibung | Klinische Relevanz |
|---|---|---|
| Achse I | Klinische Störungen | Erfasst primäre psychische Störungen und spezifische Beziehungsstörungen |
| Achse II | Beziehungskontext | Beurteilung der emotionalen Verfügbarkeit und versorgenden Umgebung |
| Achse III | Körperliche Gesundheit | Somatische Erkrankungen |
| Achse IV | Psychosoziale Stressoren | Belastungsfaktoren der Familie |
| Achse V | Entwicklungskompetenzen | Kognitive, motorische und sprachliche Entwicklung |
- Kernaussage: Parallel zur Hauptdiagnose muss immer eine Beziehungsstörung nach Achse I der DC:0-5 erfasst oder ausgeschlossen werden.
- Elterliche psychische Erkrankungen (z.B. postpartale Depression) müssen zwingend evaluiert und ggf. mitbehandelt werden.
Beziehungsstörungen
Beziehungsstörungen sind hochrelevant für das Kindeswohl und erhöhen das Risiko für kindliche Störungen erheblich.
- Diagnosekriterium: Eine spezifische Beziehungsstörung (Achse I, DC:0-5) erfordert den Nachweis einer kindlichen Symptomatik, die sich ausschließlich in der Beziehung zu einer spezifischen Bezugsperson zeigt.
- Intervention: Beziehungsfokussierte Psychotherapie. Bei Gefährdung des Kindeswohls muss nach § 4 KKG (Gesetz zur Kooperation und Information im Kinderschutz) gehandelt werden.
Exzessive Schreistörung
Das exzessive Schreien ist für Eltern extrem belastend und birgt ein hohes Risiko für ein Schütteltrauma.
| Diagnosekriterium (Wessel-Kriterien) | Details |
|---|---|
| Dauer pro Tag | > 3 Stunden |
| Häufigkeit | An > 3 Tagen pro Woche |
| Bestandsdauer | Seit mindestens 3 Wochen |
- Bis zum 3. Lebensmonat: Meist selbstlimitierend. Beratung, Psychoedukation und Reizreduktion stehen im Vordergrund. Festes Wickeln (Pucken) wird nicht empfohlen.
- Ab dem 3. Lebensmonat: Persistierendes Schreien ist mit Langzeitrisiken (Verhaltensprobleme, ADHS) assoziiert. Hier ist eine intensive beziehungsfokussierte Psychotherapie indiziert.
Schlafstörungen
Schlafstörungen erfordern den Ausschluss organischer Ursachen (z.B. OSAS, Atopien). Die DC:0-5 definiert klare Altersgrenzen:
| Störungsbild (DC:0-5) | Mindestalter | Leitsymptom |
|---|---|---|
| Einschlafstörung | 6 Monate | Einschlafdauer > 30 Minuten in den meisten Nächten |
| Durchschlafstörung | 8 Monate | Häufiges/längeres Erwachen in den meisten Nächten |
| Partielle Aufwachstörung | 12 Monate | Pavor nocturnus oder Schlafwandeln |
| Albträume | 12 Monate | Belastende Träume, oft erinnert |
Therapie der Schlafstörungen:
- 1. Wahl: Verhaltenstherapeutische Interventionen. Die graduierte Extinktion ("Checking-in") ist hochwirksam und hat nachweislich keine negativen Langzeiteffekte auf die Bindung.
- 2. Wahl: Psychodynamische Ansätze, falls verhaltenstherapeutische Maßnahmen nicht umsetzbar sind.
- Pharmakotherapie: Sollte möglichst nicht erfolgen. Nur bei absoluter Therapieresistenz kann Melatonin (Off-label, 1-3 mg) durch Spezialisten zeitlich befristet erwogen werden.
💡Praxis-Tipp
Achten Sie bei exzessivem Schreien und Schlafstörungen stets auf die psychische Belastung der Eltern (z.B. postpartale Depression) und klären Sie aktiv über die Gefahr des Schütteltraumas auf.