Rechenstörung: S3-Leitlinie zu Diagnostik & Therapie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die Diagnose basiert auf psychometrischen, klinischen und qualitativen Kriterien.
- •Ausschlaggebend ist eine Alters- oder Klassennormdiskrepanz von mindestens 1,5 Standardabweichungen (ohne IQ-Diskrepanzkriterium).
- •Fördermaßnahmen sollen im Einzelsetting stattfinden und mindestens 45 Minuten dauern.
- •Ein Screening auf Komorbiditäten wie LRS, AD(H)S und Ängste ist zwingend erforderlich.
- •Präventive Maßnahmen bei Risikokindern sollen bereits im Vorschulalter beginnen.
Hintergrund
Die Rechenstörung (Dyskalkulie) ist eine umschriebene Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten. Sie ist gekennzeichnet durch Minderleistungen im Bereich Mathematik (Basiskompetenzen, Grundrechenarten und/oder Textaufgaben). Begleitet wird sie in der Regel von spezifischen neurokognitiven Defiziten.
| Betroffener Bereich | Spezifische Defizite |
|---|---|
| Mathematik | Richtigkeit und benötigte Zeit bei Basiskompetenzen, Grundrechenarten, Textaufgaben |
| Arbeitsgedächtnis | Visuell-räumliches Arbeitsgedächtnis (Speichern und Abrufen) |
| Exekutive Funktionen | Inhibition (schnelles Unterdrücken ablenkender Reize) |
Diagnostik
Die Risikoidentifikation und Diagnostik einer Rechenstörung muss ganzheitlich erfolgen und stützt sich auf drei Säulen:
- Psychometrische Kriterien: Tests zur Erfassung der Mathematikleistung, des visuell-räumlichen Arbeitsgedächtnisses und der Inhibition. (Empfehlungsgrad A)
- Klinische Kriterien: Untersuchung der körperlichen/neurologischen, sensorischen und intellektuellen Funktionen zum Ausschluss anderer Ursachen (z. B. Seh-/Hörstörungen, Intelligenzminderung).
- Qualitative Kriterien: Erhebung von Entwicklungsverlauf, Familien-/Schulsituation, psychischer Entwicklung und schulischer Integration.
Diagnosekriterien
Für die Diagnose einer Rechenstörung soll die Alters- oder Klassennormdiskrepanz verwendet werden. Die Verwendung des Intelligenzdiskrepanzkriteriums wird nicht empfohlen.
| Kriterium | Grenzwert | Bemerkung |
|---|---|---|
| Standard-Diskrepanz | >= 1,5 SD (PR <= 7) | Regelfall bei unterdurchschnittlicher Mathematikleistung |
| Abgemilderte Diskrepanz | >= 1,0 SD (PR <= 16) | Wenn klinische und qualitative Kriterien den Verdacht deutlich unterstützen |
Therapie und Prävention
Kinder mit einem Risiko für eine Rechenstörung sollen bereits ab dem Vorschulalter Fördermaßnahmen erhalten. Die Behandlung muss an den in der Diagnostik erkannten Problemschwerpunkten ansetzen.
Rahmenbedingungen der Förderung
| Parameter | Empfehlung |
|---|---|
| Setting | Einzelsitzungen (Empfehlungsgrad A) |
| Dauer | Mindestens 45 Minuten pro Sitzung |
| Therapeut | Fachkräfte mit pädagogisch-therapeutischer Ausbildung (z. B. nach BVL/FiL-Standards) |
| Verlaufskontrolle | Mindestens jährliche Überprüfung durch unabhängige Fachkräfte |
- Es sollen evidenzbasierte Therapieverfahren und standardisierte Förderprogramme bevorzugt werden.
- Klinisch relevante Zusammenhangssymptome und Komorbiditäten müssen ergänzend berücksichtigt werden.
Komorbiditäten
Bei der Diagnostik einer Rechenstörung soll ein diagnostisches Screening auf das Vorhandensein komorbider Störungen stattfinden (Empfehlungsgrad A).
Folgende Begleiterkrankungen treten besonders häufig auf:
- Lese- und/oder Rechtschreibstörung (LRS): Das Risiko für eine LRS ist bei vorliegender Rechenstörung um das 5- bis 12-fache erhöht.
- AD(H)S-Spektrum: Häufiges gemeinsames Auftreten, wobei reine Aufmerksamkeitsstörungen (ADS) prädominant sind.
- Internalisierende Störungen: Insbesondere spezifische Mathematikangst, Prüfungs- oder Schulangst.
- Externalisierende Störungen: Aggressives oder regelverletzendes Verhalten.
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie bei der Diagnostik auf das IQ-Diskrepanzkriterium. Nutzen Sie stattdessen die Alters- oder Klassennormdiskrepanz und screenen Sie aktiv auf Begleiterkrankungen wie LRS oder AD(H)S.